Der Fußball als Kraftquell

Janine Baumann bezeichnet den CFC als ihren Herzensverein. Die 30-jährige Chemnitzerin hat über die Leidenschaft zu dieser Sportart ihr privates Glück gefunden - und einer heimtückischen Krankheit die Stirn geboten.

Auf vier Fingern sind die Zahlen 1, 9, 6 und nochmal die 6 tätowiert: 1966, das Gründungsjahr des FC Karl-Marx-Stadt. Auf dem Unterarm ist die Südkurve des alten Stadions an der Gellertstraße mit der historischen Anzeigetafel zu sehen. "Und in meinem Nacken steht ,Chemnitzer FC'", sagt Janine Baumann. Wenn man sich mit der 30-Jährigen über das Thema Fußball unterhält, huscht sofort ein Lächeln über ihr Gesicht. "Seit 1999 gehe ich zum FCK beziehungsweise CFC. Die Liebe zum Fußball ist mir in die Wiege gelegt worden", bemerkt die junge Frau. Ihr Vater und Großvater seien zum FCK gegangen, später wurde das Stadion an der Gellertstraße dann auch ihr zweites Zuhause.

Als sie ihr Vater vor knapp 20 Jahren das erste Mal zu einer Partie der Himmelblauen mitnahm, war es um die kleine Janine geschehen. "Von unserem Platz im Stadion aus haben wir auf die Südkurve geguckt. Für mich stand schnell fest: Beim nächsten Mal stehe ich dort", berichtet sie und bezeichnet die Fans der Himmelblauen als ihre zweite Familie. "Alle haben dieselbe Macke und keiner wird ausgegrenzt", sagt Janine Baumann, die von Beruf Näherin ist.

Der CFC sei ihr Herzensverein. Doch ihre Leidenschaft fürs runde Leder frönt sie nicht nur in der Heimatstadt: Sie sei auch als Groundhopperin unterwegs - ein Hobby, dessen Reiz darin besteht, Spiele in möglichst vielen verschiedenen Stadien und mit besonderem Flair zu erleben. "Dabei geht es öfter mal nach Tschechien und Polen. Es ist schon verrückt, wenn man sich ein Spiel der neunten tschechischen Liga anschaut", so Baumann. Dort bekomme man jedoch ehrlichen Fußball zu sehen. Es mache einfach Spaß zu beobachten, wenn sich fast das ganze Dorf auf dem Platz trifft und zusammen ein paar Bierchen trinkt, fügt sie hinzu.

Durch die Leidenschaft zum Fußball hat die gebürtige Karl-Marx-Städterin auch ihr privates Glück gefunden. "Ich lernte dadurch meinen Mann kennen. Wir haben eine wunderbare Tochter", erzählt Janine Baumann. Über einen SMS-Chat hatte ihr heutiger Partner jemanden gesucht, der mit ihm in Chemnitz zum Fußball geht, möglichst in einem traditionsreichen Stadion. "Ich habe ihm geantwortet. Wir waren dann beim VfB Fortuna an der Beyer- straße", berichtet die 30-Jährige. Es funkte. "Zumindest bei mir war es Liebe auf den ersten Blick", sagt die junge Frau.

Ihr Leben schien in den gewünschten Bahnen zu verlaufen. Bis zu jenem Tag Ende Mai 2016, als sich die Situation grundlegend änderte. Bei Janine Baumann, gerade einmal 28 Jahre alt, wurde Krebs festgestellt. Und es hatte sie besonders schlimm erwischt. "Ich hatte einen sehr aggressiven Tumor im Kopf, der selten vorkommt", berichtet die Chemnitzerin. Sie sei eine Kämpfernatur. Genau diese Qualität konnte sie gut brauchen. "Es musste weitergehen, vor allem wegen meiner Tochter", sagt die junge Mutter rückblickend.

Sie nahm einen Kampf auf, den sie beinahe verloren hätte. Bei einem ersten Eingriff im Juni 2016 sei sie fast gestorben. Später wurde sie ins künstliche Koma versetzt. "Es gab Momente mit dem Gedanken: Ich will nicht mehr", gesteht Janine Baumann. Doch dann warf sie einen Blick auf das Bild der Tochter neben ihrem Bett im Flemming-Krankenhaus, das ihr neue Kraft verlieh. Und da war ja noch die Leidenschaft für die angeblich schönste Nebensache der Welt. "Von meinem Zimmer aus habe ich das CFC-Stadion gesehen", berichtet die Chemnitzerin. Dort wollte sie unbedingt wieder hin, ihre Himmelblauen von der Südkurve aus anfeuern. Und die Leute wiedertreffen, die ihr moralisch den Rücken gestärkt hatten. "Viele Fans haben meinen Mann in den schweren Monaten unterstützt und mir immer wieder Genesungswünsche zukommen lassen - ohne Mitleid, denn das brauche ich nicht", betont sie.

Der Fußball habe dabei geholfen, ihrer heimtückischen Krankheit die Stirn zu bieten, ist Janine Baumann überzeugt. Allerdings weiß sie auch: "Geheilt bin ich nicht." Die Operationen haben in ihrem Gesicht ein paar Spuren hinterlassen. Für Janine Baumann kein Grund, sich zu verstecken. Im Gegenteil: Sie ist noch deutlich selbstbewusster geworden, hält mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg. "Früher war ich schüchtern. Jetzt heißt es: Feuer frei!", bemerkt die 30-Jährige lachend. So macht sie auch keinen Hehl daraus, dass die gegenwärtige Führung ihres Herzensvereins CFC drauf und dran ist, es mit ihr zu verderben. "Was der Insolvenzverwalter veranstaltet, regt mich auf", sagt Janine Baumann. Vor allem missfalle ihr, dass wichtige Entscheidungen zur Zukunft des Clubs über die Köpfe von Fans und Mitgliedern hinweg getroffen würden. "Wir wollen einbezogen werden", lautet der Appell der Anhängerin.

Sie sei strikt gegen die Gründung einer Kapitalgesellschaft bei den Himmelblauen gewesen. "Die dafür notwendige Einlage hätte man lieber verwenden sollen, um den laufenden Etat zu decken", meint Baumann. Sie könne sich kaum über die aktuelle Siegesserie der Himmelblauen freuen, "weil keiner weiß, wie es weitergeht".

Heimspiel Am heutigen Samstag empfängt der CFC in der Regionalliga die Elf von Viktoria Berlin. Anstoß: 13.30 Uhr im Stadion an der Gellertstraße. Tickets sind in den Shops der "Freien Presse" erhältlich.

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