Der größte Tag im Leben des Stephan Künzel

Stephan Künzel galt zu DDR-Zeiten als einer der talentiertesten Mittelstreckenläufer. Vor 50 Jahren fuhr er seinen größten sportlichen Erfolg ein und konnte sich einen Jugendtraum erfüllen.

Zwickau.

Für die regionale Lauflegende Stephan Künzel ist der 5. Juli alljährlich ein ganz persönlicher Höhepunkt. In diesem Jahr umso mehr, denn an diesem Tag jährt sich der größte Erfolg seiner sportlichen Karriere zum 50. Mal. 1970 stand er bei den DDR-Leichtathletikmeisterschaften in Erfurt über 1500 Meter im Endlauf und wurde Vizemeister. Obwohl die Ereignisse ein halbes Jahrhundert zurückliegen, berichtet Stephan Künzel darüber, als wäre es noch keine 24 Stunden her.

"Ich bin als Vorlaufbester ins Finale eingezogen. Die Anspannung, der man vor dem Lauf ausgesetzt ist, kann man sich als Außenstehender überhaupt nicht vorstellen. Du gehst auf den Einlaufplatz und merkst: Deine Beine sind bleischwer, der Druck nimmt zu. Dann kommt der Aufruf. Rein ins mit 30.000 Besuchern ausverkaufte Georgi-Dimitroff-Stadion. Ran an die Linie, Augenblicke später folgte der Startschuss. Mir klingt jetzt noch im Ohr, wie die Massen auf den Rängen getobt haben."

Von dem Rennen besitzt Künzel noch eine Kassette mit einer Radioreportage, die er wie seinen Augapfel hütet. Am Ende stand Platz 2 zu Buche - mit der gleichen Zeit wie der von Sieger Klaus-Peter Justus, vom SC Motor Jena. Es war ein Zielfotoentscheid. "Böse Zungen haben damals behauptet, da die Meisterschaften in Erfurt ausgetragen wurden, sei es ein Politikum gewesen, dass ein Thüringer gewinnt. Ich habe von solchen Diskussionen nichts gehalten und bin auch im Nachhinein der Letzte, der Klaus-Peter Justus den Sieg streitig machen will."

Das Foto selbst hat Künzel nie gesehen. Auf eine entsprechende Nachfrage bei seinem Trainer erhielt er eine etwas patzige Antwort: "Das nützt uns jetzt gar nichts. Du bist nicht Meister geworden, da brauchen wir auch das Zielfoto nicht." Auch Künzel hat es damals gewurmt, dass er nicht ganz oben auf dem Treppchen stand.

"Das wäre drin gewesen. An meiner Leistungsfähigkeit lag es nicht, vielmehr an mangelndem Selbstvertrauen. Mir ist immer wieder vorgehalten worden, ich würde nicht voll aus mir rausgehen, nicht wirklich alles geben. Ja, das war mein Problem, aber in meinem Kopf befand sich halt irgendwie eine Blockade mit der Auffassung: Mehr geht nicht."

Immerhin ging nach dem Erringen des Vizemeistertitels für den heute 72-Jährigen ein Kindheitstraum in Erfüllung. Als Zweitplatzierter durfte er mit der DDR-Nationalmannschaft zu einem Länderkampf nach London fahren. "Ich habe als Teenager im Fernsehen einen Wettkampf im Londoner White City Stadium verfolgt. Da wollte ich unbedingt einmal hin, das war mein Ziel. Letztendlich hat es dann ja auch geklappt. Außerdem bin ich noch in Helsinki und Turin an den Start gegangen", erinnert er sich.

Stephan Künzel wollte schon als Kind Sportler werden, verfügte über den passenden Körperbau und ein großes Herzvolumen. Über die BSG "Martin Hoop" Mülsen führte der Weg des Mittelstreckenläufers zum SC Karl-Marx-Stadt. 1970 erfolgte die Berufung in die Nationalmannschaft. Dem ständigen psychischen Druck nicht mehr gewachsen, hängte er im Alter von nur 22 Jahren die Laufschuhe an den Nagel. Später machte er sich in der Region als Verfechter des Nordic Walking einen Namen und ist bis heute sportlich aktiv. Ganz so, wie es seine Lebensmaxime vorgibt: Ein Tag ohne Sport ist ein verlorener Tag.

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