Sein Motto: Spaß haben und ranklotzen

Während viele seiner Altersgefährten den Sport abgehakt haben, kann Stephan Künzel gar nicht ohne. Mit fast 70 bereitet er sich seit Wochen auf die Hobby-Rad-WM in den Kitzbüheler Alpen vor.

Zwickau.

Einst gehörte er zur DDR- Spitze im 1500-Meter- und Crosslauf. Anfang der 1970er Jahre nahm Stephan Künzel als Mitglied der Leichtathletik-Nationalmannschaft an Länderkämpfen in London und Turin sowie beim Europacup-Halbfinale in Helsinki teil. Nun fiebert der Zwickauer seinem nächsten internationalen Start entgegen - diesmal allerdings auf dem Rad.

Stephan Künzel startet nächste Woche beim Radweltpokal in St. Johann (Tirol). Mit über 3000 Teilnehmer aus 56 Nationen ist es die größte Radsportveranstaltung der Welt. In den Kitzbüheler Alpen steigt bereits die 50. Auflage der Hobby-Rad-Weltmeisterschaften. "Ich hab das gar nicht gewusst", gesteht der 69-Jährige. "Ich hab einfach was gesucht in Österreich, wo ich Urlaub machen und dabei Radsport betreiben kann, und da bin ich auf diese Veranstaltung gestoßen. Das passt natürlich zu mir und hat mir wieder einen unheimlichen Motivationsschub gegeben. Man braucht Ziele, auf die man sich vorbereiten und freuen kann. Das kann gut ausgehen, ich kann auch Drittletzter werden. Das ist mir eigentlich egal. Einfach Spaß haben und mal mit anderen messen, die so alt sind wie ich." In der Altersklasse 65-69 Jahre wird er dreimal starten: am 20. August bei einem Massenstart-Rennen über 40 Kilometer sowie am Tag darauf beim 1000-Meter-Zeitfahren (9 Uhr) und 2,5-Kilometer-Bergzeitfahren (14 Uhr).

Die Saisonvorbereitung verlief alles andere als optimal: Beim Skilauf in der Skating-Technik sind ihm in der rechten Schulter zwei Sehnen abgerissen. "Ich hatte es hängen lassen und dachte, das wird schon wieder. Dann ging es nicht mehr, ich konnte keiner Räder mehr auf den Dachgepäckträger heben", berichtet Künzel. Im Herbst unterzog er sich einer Schulteroperation in Kirchberg. "Ich hab gelitten wie 'ne Sau. Vier Wochen musste ich mit einer Schiene schlafen, tags und nachts die Schulter ruhig halten. Aber du kommst aus so einer Verletzung nur stärker hervor." Bei der Reha in Bad Lausick hat er die Klinik verrückt gemacht mit seiner Einstellung. "Die Ärzte haben laufend in ihre Listen geguckt, ob ich wirklich so alt bin", schmunzelt der 69-Jährige.

Im Winter hat er sich im Keller auf dem Heimtrainer geschafft, täglich zweimal für eine Stunde. Seit März ist er draußen auf dem Rad unterwegs. Meist geht es in die Berge. "Ich fahre gern die Carlsfeld-Runde, aber auch die Steile Wand in Meerane", erzählt Künzel. Als Einzelkämpfer mag er es allein auf der Straße. Ein Mann in der Natur im Kampf gegen die Uhr. Sonnabends und sonntags sind generell 100 Kilometer dran, in der Woche mal ein 60er oder Tempo-Runden im Westsachsenstadion. "Ich fahre in der Woche rund 500 Kilometer. Das bekommt mir wunderbar", erklärt der Radsportsenior. "Dass ich einen kompletten Tag Pause mache, das gibt es bei mir nicht. Ich bin eben verrückt."

Viele seiner Altersgefährten haben den Sport abgehakt und lassen sich gehen. "Das will ich einfach vermeiden. Ich will das Altwerden hinausschieben", verrät Stephan Künzel. Klar muss auch er sich an einem Montagmorgen bei Nieselregen motivieren. "Aber ich reiß mich zusammen, und es bringt mir was. Es ist eine Kopfsache. Der Wille ist da. Und ich bin ja ein Disziplin-Fanatiker. Ich kann mich quälen ohne Ende. Ich bin froh, dass es so ist und hoffe, es geht noch eine Weile so. Der Sport gibt mir das Glücksgefühl für den ganzen Tag." Das gibt der Nordic-Walking-Trainer auch gern an die Teilnehmer seine Kurse weiter.

Nächstes Jahr wird er 70. Stephan Künzel fühlt sich fit und frei wie noch nie. "Ich bin erst die letzten Jahre so geworden. Darum bin ich auch nie ganz groß rausgekommen. Ich war eines der größten Lauftalente in der DDR, aber ich hatte einfach kein Selbstvertrauen. Das war das Schlimme bei mir. Ich hatte einfach Angst zu versagen", analysiert er rückblickend. "Es war nicht alles Gold in meinem Leben, aber ich bin immer wieder aufgestanden."

Früher, als er noch für den VSC Klingenthal startete, hat er viele Wettkämpfe bestritten. Heute heißt es für ihn Qualität statt Quantität. "Ich will nicht mehr jede Woche weg. Lieber ein paar Sahnehäubchen herauspicken und darauf vorbereiten", unterstreicht Künzel. Ehrgeizig bleibt er dennoch. Er plant genau, wie er sich an den Wettkampf herantastet. Bei den Bike-Profis auf dem Brückenberg ließ er sich ein Rad fürs Zeitfahren umbauen - da bekam er hinten eine Scheibe rein und vorne ein Dreispeichenrad.

Extra für die WM in St. Johann bestellte er ein weißes Renntrikot mit schwarz-rot-goldenem Brustring, den Bundesadler hat er selbst aufgenäht. "Ich will auch ein bisschen Modenschau machen", lacht Künzel. Zum Sport gehört für ihn eben ein gutes Outfit. "Die Klamotten bereiten mir Spaß. Ich will auch etwas auffallen. Meine größten Sorgen sind früh: welches Trikot, welches Rad und welche Strecke?"

Der 69-Jährige ist prima gerüstet für St. Johann. "Ich will es einfach mal probieren", meint Stephan Künzel. "Ich habe gutes Material." Sein Ziel: "Einfach Spaß haben, mal richtig ranklotzen und gucken, wie es ausgeht." 

www.radweltpokal.org

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