Stefan Bötticher rast zu WM-Bronze

Der Bahnsprinter vom Chemnitzer PSV bestätigte bei der WM im polnischen Pruszkow mit dem Podestplatz im Keirin seine Zugehörigkeit zur internationalen Spitze. Als Lohn darf er nun ein neues Abenteuer in Japan bestreiten.

Pruszkow Schon Sekunden nach dem Keirinfinale begann in der deutschen Box die Videoanalyse des Finallaufes. Alle Trainer steckten die Köpfe zusammen und waren sich einig: "Stefan ist ein extrem starkes Turnier gefahren, kann sich nichts vorwerfen. Die Bronzemedaille ist hochverdient", applaudierte Bundestrainer Detlef Uibel. Und doch kam bei ihm und auch Stefan Bötticher in den ersten Momenten so richtige Freude nicht auf.

"Ich wollte hier eine Medaille. Das Ziel habe ich erreicht. Wenn ich dann später auf meinen Nachtschrank schaue, werde ich mich sicher auch über Bronze freuen", meinte der Chemnitzer recht nüchtern. In Vorlauf, Viertel- und Halbfinale hatte der 27-Jährige zuvor das Keirinturnier nach Belieben bestimmt. Auch im großen Finale sah er schon wie der Sieger aus. Von Platz fünf ins Rennen gegangen, setzte er sich mutig an die Spitze und lag eingangs der Schlussrunde in Führung. Im Endspurt schoben sich aus dem Windschatten der Niederländer Matthijs Büchli und der Japaner Yudai Nitta vorbei.

Zehn Jahre nach dem WM-Sieg im Keirin von Maximilian Levy an gleicher Stelle zeigte sich Bötticher in Topform. Knapp sechs Monate nach dem EM-Sieg in Glasgow stand er wieder auf dem Podest. "Ich bin hier wirklich ein souveränes Turnier gefahren, mit Auge und Bums. Ich habe mich mit meinem Gang sehr wohl gefühlt und konnte hier das EM-Ergebnis bestätigen", fügte er hinzu. "Dass es am Ende Platz drei wird, ist schon etwas ärgerlich. Aber Finals laufen eben meistens anders."

Nicht wie gewünscht verlief der Wettbewerb für Marc Jurczyk (Team Erdgas) und Böttichers PSV-Vereinskollegen Joachim Eilers. Jurczyk verpasste als Fünfter im Viertelfinale das Halbfinale. Noch schlimmer erging es Eilers, der als Letzter seines Hoffnungslaufes ausschied. Reden mochte der Ex-Weltmeister aus Chemnitz über seine konzeptionslose Vorstellung nicht. Dafür fand Bundestrainer Detlef Uibel klare Worte: "Das war enttäuschend, vor allem in der Art und Weise."

Während für die meisten Athleten nach der WM die Saison zu Ende ist und der Urlaub beginnt, folgt Stefan Bötticher zum dritten Mal nach 2014 und 2015 der Einladung der JKA (Japanese Keirin Association) und bestreitet ab Ende März im "Land der aufgehenden Sonne" die sportlich wie auch finanziell interessante Keirinserie. In Japan erfreut sich der Kampfsprint besonderer Beliebtheit und erzielt bei unzähligen Rennen im Jahr Milliardenumsätze beim Wetten - ähnlich wie früher in Deutschland beim Galopprennsport oder heute bei Fußballwetten.

Als internationale Starter wurden neben Bötticher in diesem Jahr unter anderem seine WM-Rivalen Matthew Glaetzer (Australien; Sprintweltmeister 2018) und der neue Weltmeister Matthijs Büchli eingeladen. Alle müssen zunächst in Shuzenji, etwa 140 Kilometer südöstlich von Tokio gelegen, einige Tage die JKA-Schule besuchen. Dort machen sie sich mit den japanischen Gepflogenheiten vertraut, um die Lizenz zu erhalten.

"Ich bleibe zunächst nur eineinhalb Wochen, für die Schule und ein Rennen. Dann geht es zurück nach Deutschland", berichtete Stefan Bötticher, der Mitte April bei der Bundespolizei zu einem vierwöchigen Praktikum in Chemnitz antreten muss. Anschließend geht es wieder bis Anfang Juni für mehrere Rennen zurück nach Japan. Stationiert sind die Sportler in Izu, dem Austragungsort der Bahnwettbewerbe für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. "Meine ersten beiden Teilnahmen waren eine geniale Erfahrung. Wir haben in Izu Topbedingungen, dazu trainiere ich mit internationalen Topfahrern. 2014 hat mich der Japan-Aufenthalt enorm nach vorn gepusht. Deshalb habe ich nach der Anfrage nicht lange überlegen müssen", erklärte der zweifache Weltmeister von 2013 (Sprint, Teamsprint). Zusätzlicher Anreiz: Ein Jahr vor den Olympischen Spielen testet der Chemnitzer die Gegebenheiten vor Ort. "Das kann ein entscheidender Faktor sein, den ich gern nutzen möchte", blickte Stefan Bötticher voraus. Und die Möglichkeit, als Bahnspezialist zusätzlich ein bisschen Geld zu verdienen, gibt es auch nicht so oft.

Zum WM-Auftakt war Bötticher hauchdünn an der WM-Medaille vorbeigeschrammt. Nicht mal ein Wimpernschlag fehlte ihm und seinen Mitstreitern Timo Bichler und Maximilian Dörnbach zu Bronze. Das Trio musste sich im "kleinen Finale" Russland zwar knapp geschlagen geben, mit Platz vier lag die Mannschaft aber über den Erwartungen - und strafte die Pessimisten Lügen. Mit Bronze im Keirin klappte es aber dann mit der erhofften Medaille - und ein Start im Sprint bleibt dem Chemnitzer noch.


Knoten platzt bei vierter WM-Teilnahme

Michael Hübner, Sportlicher Leiter im Chemnitzer Erdgasteam, machte sich noch ein bisschen größer, als er ohnehin schon ist. "Ich bin unheimlich stolz. Ja, stolz - das ist das richtige Wort", meinte der 59-Jährige und suchte die richtige Pose, um seinen Worten noch mehr Ausdruck zu verleihen. Sein überschwängliches Lob galt Maximilian Dörnbach, der sich nebenan vom Teamsprint-Auftritt zu erholen versuchte. Vor allem dank der Leistung des 23-Jährigen auf der Position drei waren die vorher fast schon abgeschriebenen deutschen Teamsprinter zum WM-Auftakt am Mittwoch auf einen starken vierten Platz hinter den Niederlanden, Frankreich und Russland gefahren.

Bei seiner vierten Elite-WM scheint bei Maximilian Dörnbach (Foto) der Knoten geplatzt zu sein. "Wenn man am Ende als Vierter dasteht, ist das natürlich immer etwas ärgerlich. Aber ich habe auf meiner Position drei Superzeiten angeboten. Das verschönert mir das Ergebnis", resümierte "Junior Max", wie er im Team nur genannt wird. Im kleinen Finale steigerte sich der dreifache Deutsche Meister von 2018 auf 12,814 Sekunden - einzig Jeffrey Hoogland, der Schlussmann der siegreichen Niederländer, war schneller.

Joachim Eilers vom Chemnitzer PSV blieb nur die Rolle des Ersatzmannes. Einen Tag vor dem Wettkampf entschied sich Bundestrainer Detlef Uibel für Maximilian Dörnbach, der damit erstmals bei einer WM im Teamsprint zum Einsatz kam. "Das war schon etwas Besonderes. Ich habe mich schon im Training gut gefühlt und gemerkt, dass es von Tag zu Tag besser geht", berichtete der gebürtige Heiligenstädter, der seit Anfang 2017 für das Drachenteam fährt. Mit seinem Auftritt könnte sich der Bundespolizist etabliert haben: "Ich war immer ein Wackelkandidat und bin nun meinen sportlichen Zielen ein ganzes Stück näher gekommen", meinte Dörnbach, der noch im Sprint startet.

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