Friesenbach wird zum reißendem Strom

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Das Unwetter am Dienstagabend hat vor allem in den Plauener Ortsteilen Alt-Chrieschwitz und Großfriesen Schäden angerichtet. Betroffene stellen jetzt Fragen nach dem Hochwasserschutz.

Plauen.

200 Feuerwehreinsätze im gesamten Vogtland, zahlreiche Schäden an privaten Grundstücken und Gebäuden, keine Verletzten: Das ist die Bilanz des Unwetters vom Dienstagabend. Infolge von Gewitter und Starkregen waren vor allem im Verlauf der Weißen Elster die Retter im Dauereinsatz. Gegen 23 Uhr entspannte sich die Unwetterlage und die Pegel begannen wieder zu sinken. Ab 1 Uhr gaben die Katastrophenschutzverantwortlichen des Landratsamtes Entwarnung. Funktioniert hat die Steuerung der Talsperre Pirk. Weil vorausschauend viel Wasser abgelassen worden sei, konnten die enormen Zuflussmengen jederzeit kontrolliert werden, so Staumeister Matthias Schwanke.

Schwerpunkt der Rettungseinsätze in Plauen war das Gebiet um den Friesenbach in Alt-Chrieschwitz und um den Gondelteich in Großfriesen. Zahlreiche Häuser waren überschwemmt, Sandsäcke wurden aufgetürmt, das Technische Hilfswerk (THW) war mit starken Pumpen vor Ort und hat die Wassermassen abgepumpt. Anwohner in der Langenberggasse in Alt-Chrieschwitz mussten evakuiert werden. Gegen 2 Uhr morgens hatte sich die Lage entspannt: "Es war entscheidend, dass die Niederschläge in der Nacht nachgelassen, später sogar aufgehört haben", so der Chef der Plauener Berufsfeuerwehr, Jörg Pöcker. Auch Baubürgermeisterin Kerstin Wolf war den ganzen Abend über vor Ort. Alle neun Ortswehren sowie Berufsfeuerwehr und THW waren im Einsatz, insgesamt mit 110 Einsatzkräften, so die Bilanz der Plauener Stadtverwaltung.

Stark betroffen war das Gehöft der Familie Schletz in der Langenberggasse in Alt-Chrieschwitz. Bereits 2013 waren sie von Hochwasser betroffen. Doch dieses Mal sei es viel schlimmer, erzählt Antje Schletz. "Das ganze Erdgeschoss steht knietief unter Wasser und hat die ganze Einrichtung mit überschwemmt, da das alles so schnell ging, dass wir gar nichts wegräumen konnten." Kurz vor Mitternacht bildeten 13 Helfer des Technischen Hilfswerks eine Menschenkette, um etwa 250 gefüllte Sandsäcke vor das Eingangstor des Dreiseitenhofes zu legen, einen Damm zu errichten und das weitere Eindringen der Wassermassen zu unterbinden. Wenig später konnte das THW dank starker Pumpen damit anfangen, das Wasser aus dem Innenhof wieder in den Friesenbach zu leiten. Die Räume waren am Tag danach zwar ausgepumpt, doch Schlamm und Wut sind geblieben. "Der Straßenbau ist schuld", ist Antje Schletz überzeugt. Denn dabei habe der Hochwasserschutz nie im Vordergrund gestanden, glaubt sie. Besonders dramatisch für die Familie: Die betagten Eltern seien verstört. "Sie wohnen nämlich unten im Haus, wir oben", so Schletz. Jetzt geht es an die Schadensbilanz. Ob sie versichert seien? "Ja, schon..." - eine Antwort, die mit vielen Fragezeichen behaftet ist.

André Hoffmann ist nicht versichert, eine Hochwasserversicherung habe der 59-Jährige bisher noch nie abschließen können, berichtet er. Allerdings habe es so ein verheerendes Ausmaß auch noch nie gegeben. 2013 war der Friesenbach zuletzt über die Ufer getreten. Daraufhin wurde eine Glasschutzwand errichtet. Sie konnte nichts ausrichten gegen die Naturgewalt. Bei Hoffmann, der mit seiner Familie unmittelbarer Anlieger des Friesenbachs ist, drang das Wasser in Keller, Schuppen und Garage ein. "Zum Glück nur dort", so der Außendienstmitarbeiter. Er sei noch rechtzeitig von Nachbarn gewarnt worden, konnte so die Autos in Sicherheit bringen.

Für die Familie Kramer war der Mittwochabend ein Déjà-vu: Zwar kamen dieses Mal die Wassermassen nicht wie beim Hochwasser 2013 aus der Kanalisation, die ihre Grundstücke direkt am Friesenbach und in zweiter Reihe hinter der standgehaltenen sowie hoch genug errichteten Hochwasserschutzmauer überfluteten, dennoch waren sie erneut betroffen. Das Problem: Das Gebiet sei wie ein Trichter, der sich auf der einen Seite von der Autobahnanschlussstelle Plauen-Süd über Oberlosa und Stöckigt sowie auf der anderen Seite von Schloditz über Theuma bis zur Autobahnanschlussstelle Plauen-Ost erstrecke, erklärt der pensionierte Diplom-Bauingenieur Heinz Kramer. Wenn es in diesem Bereich sehr stark regne, dann sei das ein riesiges Auffangbecken und der einzige Ablauf fließe schließlich dann über das im Tal gelegene Alt-Chrieschwitz. "Wir bekamen die Meldung, dass wir sofort kommen müssen, da sie hier komplett absaufen", erinnert sich eine Familienangehörige. "Für mich war es das erste Mal, dass ich das persönlich miterleben musste", sagt Kim Schauer. Glück im Unglück: Alle Gebäude blieben trocken.

Für die Plauener Berufsfeuerwehr war das Blitz-Hochwasser ein Kraftakt. "Ab 19 Uhr sind wir ständig ausgerückt", so Einsatzleiter Mario Wetzstein. Erst gegen 2 Uhr Früh am Mittwoch habe sich die Lage entspannt. Bis dahin hatten die Kameraden weit über 20-mal das volle Rettungsprogramm mit Blitzeinschlägen, Schlauchbooteinsätzen, Straßensperrungen und Hochwasserbekämpfung. Zwar seien rund 500 Sandsäcke befüllt und werden auf Paletten vorgehalten. Doch kommt es so wie am Dienstagabend, als die Wassermassen von jetzt auf gleich alles mitrissen, sei man ohnehin machtlos, so der stellvertretende Chef der Berufsfeuerwehr. Sein Dank gilt auch den neun Freiwilligen Feuerwehren und dem Technischen Hilfswerk. "Wir haben alle an einem Strang gezogen", so Wetzstein.

Begebenheit am Rande: Im Haus einer alleinstehenden Frau brannte überall Licht. Die Retter vermuteten daher, dass sie noch im Haus sei. Sie war allerdings nicht aufzufinden. Des Rätsels Lösung war eine Zeitschaltuhr, die für Beleuchtung sorgen sollte. Die Frau war verreist.

Warum konnte das Wasser derart schnell zur Gefahr werden? Dieser Frage will sich jetzt die Stadtverwaltung stellen. "Fachleute sind bereits vor Ort und suchen nach den Ursachen, warum die umfangreichen Hochwasserschutzmaßnahmen nicht ausreichten. Erst wenn wir die Ursachen kennen, können wir weitere Schutzmaßnahmen treffen", so Baubürgermeisterin Kerstin Wolf.

Schwerpunkte der Schäden im oberen Vogtland waren Bad Elster und Oelsnitz. In Oelsnitz entfaltete der Gerberbach, sonst ein Rinnsal, zerstörerische Kraft. Ein Deichbruch wirkte beschleunigend. Braune Fluten ergossen sich durch die Stadt. (sasch/flow/tb)


Kein Strom im Umland

Einen Stromausfall meldete der Betreiber Mitnetz aus dem Plauener Umland. Am Dienstagabend gegen 17.45 Uhr waren 800 Kunden in Reuth, Leubnitz, Schwand, Thossen, Schönlind, Großzöbern, Ruderitz, Krebes, Kemnitz, Grobau, Gutenfürst, Geilsdorf, Dehles und Reinhardtswalde betroffen. Grund war das Unwetter, das Störungen auf drei Mittelspannungsfreileitungen und im Niederspannungsnetz verursachte. Ursache waren Blitzschlag in Freileitungen sowie Bäume, die in Leitungen fielen. Durch Umschalten und dem Einsatz von drei Netz-Ersatzanlagen konnten fast alle Kunden bis Mitternacht wiederversorgt werden. (tb)

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