Unter Quarantäne: Diese Frau ist eingesperrt

Mehr als 100 Menschen durften am Montag im Kreis Zwickau wegen des Coronavirus nicht raus. "Freie Presse" sprach mit einer Infizierten, die unter Quarantäne steht.

Bernsdorf.

Der 9. März ist Miriam Müller* gut im Gedächtnis. Schon die zwei Tage zuvor hatte sich die 55-Jährige nicht wohl gefühlt. Doch das Fieber stieg weiter, der Husten wurde schlimmer. Schließlich griff sie zum Telefon. Wenig später empfing ihre Hausärztin sie komplett vermummt - am Hintereingang der Praxis. "Ich sollte im Auto sitzen bleiben, meine Chipkarte wurde äußerst gründlich desinfiziert", erinnert sich Miriam Müller. Den Test auf Sars Co-V-2 führte sie per Abstrich dann selbstständig durch.

Knapp eine Woche später ist die erkrankte Physiotherapeutin eine von elf Corona-Infizierten aus dem Umkreis der Gemeinde Bernsdorf. Das zumindest ist der Stand am Montagnachmittag. Die Zahlen können sich stündlich ändern. Insgesamt 15 Infizierte gibt es zu diesem Zeitpunkt im gesamten Kreis Zwickau. So heißt es auf Nachfrage vom Landratsamt. Vier der Infizierten seien über das Gebiet des Kreises verteilte Einzelfälle. Offenbar waren sie aus Risikogebieten zurückgereist. Doch in Bernsdorf liegt die Sache anders. Die kleine Gemeinde istso etwas wie der Mittelpunkt der Infektionen im Kreisgebiet.

Miriam Müller steht seit ihrer Diagnose am 13. März unter Quarantäne, darf ihr Haus in Bernsdorf seitdem nicht verlassen. Sie ist nicht alleine. Auch ihr Mann und der Sohn sind eingesperrt. "Die beiden arbeiten unten gerade in der Werkstatt", sagt Miriam, als sie den Telefonanruf der "Freien Presse" erhält. Im Gegensatz zu ihr zeigten die beiden kaum Symptome. Bei Corona-Infizierten, insbesondere Jüngeren, ist das in 80 Prozent der Fälle so. Die einzige Möglichkeit für die Familie, Luft zu schnappen, ist ein Spaziergang im eigenen Garten. Wo sie sich angesteckt hat, weiß Miriam Müller nicht, sie hat nur eine Vermutung: dass sie das Virus von einem Fest aus dem bayerischen Rosenheim mitgebracht hat.

Infiziert seien auch Miriam Müllers Tochter und deren Lebensgefährte. Sie leben nicht weit entfernt in Bernsdorf. Auch sie stehen unter Quarantäne, es geht ihnen körperlich gut. Weit über hundert Menschen sind es, die laut offizieller Zahlen zum Montagmittag im Landkreis Zwickau in Quarantäne leben.

Ihre Diagnose erhielt Miriam Müller am vergangenen Freitag. Da habe sie seit Mittwoch als Verdachtsfall im Isolationszimmer des Krankenhauses Lichtenstein gelegen. "Das Essen stellten sie mir in einen Zwischenraum, ich holte es selber ab, Kontakte sollten um jeden Preis vermieden werden." Am gleichen Tag wurde sie entlassen, durch den Hintereingang. Die Ärztin habe ihr gesagt, dass therapeutisch zunächst nichts zu machen sei. Miriam Müller erhielt die Anweisung, direkt nach Hause zu gehen und jeden Kontakt zu vermeiden. Eine Begleitung habe sie nicht erhalten. Überwachung von Quarantäne übernehme nicht das Gesundheitsamt, wie der Landkreis mitteilt. Darum müssten sich Vollzugsbeamte kümmern. "Ein Mitarbeiter des Gesundheitsamtes ruft jeden Tag an und fragt, wie es mir geht", sagt Miriam Müller. Sie leide noch unter Beschwerden. Viel mehr als Wasser trinken und sich ausruhen, könne sie aber nicht tun. "Ich habe einige Medikamente ausprobiert, aber nichts hat geholfen." Außerdem sei ihre Zunge weiß. "Niemand konnte mir sagen, wo das herkommt." Ein Problem jedoch haben Miriam Müller und ihre mit eingesperrte Familie nicht: "Mein Mann und ich haben schon immer viel auf Vorrat eingekauft." Am Donnerstag soll Miriam Müller noch einmal getestet werden. "Ich hoffe, dass der Spuk dann vorbei ist." Irgendwann möchte sie ihre Praxis weiterbetreiben. Auch dort aber hatten sich zahlreiche Patienten krankgemeldet.
*Name von der Redaktion verändert

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So wirkt sich Corona im Landkreis Zwickau aus

Aus Vorsichtsgründen wurden mittlerweile 27 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung Zwickau freigestellt. Bei keinem der Betroffenen wurde vom zuständigen Gesundheitsamt des Landkreises Quarantäne angeordnet, sagte Rathaussprecher Mathias Merz. Bei den Freistellungen handele es sich dementsprechend um eine rein vorsorgliche Maßnahme der Stadtverwaltung. Soweit möglich, arbeiten diese Personen von zu Hause aus.

Die Verkehrsunternehmen im Verkehrsverbund Mittelsachsen reagieren ebenfalls auf die Situation. Die Chemnitzer CVAG und die Citybahn fahren ab Mittwoch wie sonnabends. Die einzige Ausnahme bildet die Strecke 523 Stollberg-Glauchau. Sie wird weiterhin unverändert bedient. Der Sonntagsfahrplan bleibt ebenfalls unberührt. Gleichzeitig wird es bis auf Widerruf nicht mehr möglich sein, Fahrkarten beim Busfahrpersonal käuflich zu erwerben. Das Gleiche gilt für die Zugbegleiter in den Zügen des Schienenpersonennahverkehrs. Die Tarifbestimmungen und Beförderungsbedingungen des VMS gelten aber unabhängig davon weiterhin, heißt es.

Das für den 3. April geplante Einkaufserlebnis "Sternennacht" ist von der Glauchauer Interessengemeinschaft für Handel und Gewerbe abgesagt worden. Außerdem bleiben laut Stadtverwaltung Museum sowie Stadt- und Kreisbibliothek geschlossen, auch der Bismarckturm ist für Besucher bis 30.April tabu.

Die Stadt Meerane schließt ab dem heutigen Dienstag alle städtische Einrichtungen. Betroffen sind unter anderem das Museum "Altes Rathaus", das Kunsthaus, die Stadthalle, die Bibliothek, das Sozialhaus "Alte Post" und die Sporthallen. Ebenso ist das Rathaus für den Besucherverkehr geschlossen. Die Mitarbeiter sind weiter telefonisch zu erreichen. Diese Maßnahmen gelten vorerst bis 19. April.

Das Rudolf-Virchow-Klinikum in Glauchau setzt ein striktes Besuchsverbot durch. Das heißt: Patienten dürfen keine Besucher mehr empfangen. Dieses Verbot umfasst das gesamte Klinikgelände. Außerdem sind Cafeteria, Fitnessbereich, Therapiehalle, Schwimmbad, Sauna, Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie bis auf Weiteres geschlossen. Außerdem wurden alle öffentlichen und internen Veranstaltungen bis April abgesagt. Vom Besuchsverbot gibt es jedoch zwei Ausnahmen: Die Station für Kinder und die Palliativstation können weiterhin besucht werden. Auch die Notaufnahme bleibt geöffnet, jedoch werden keine ambulanten Untersuchungen auf Covid-19 durchgeführt.

Das Schloss Waldenburg schließt bis Ostermontag seine Pforten. Darüber informierte Pressesprecherin Anja Straube. Auch die Veranstaltungen "Schund oder Schätzchen" am 21.März und der "Zeitsprungtag - Belebtes Schloss" am 29. März finden nicht statt.

Bis einschließlich 30. April bleibt das Schloss Wildenfels geschlossen. Dies betrifft alle Veranstaltungen sowie die Besichtigung der musealen Räumlichkeiten und der Schlossgalerie, informiert der Förderverein des Schlosses. Im Zuge dessen entfallen unter anderem die Vernissage der Ausstellung "Kunstfreu(n)de" am Freitag und der "Zeitsprungtag" am 29. März. Der Förderverein des Schlosses will sich um eine Verschiebung des Kabaretts Nörgelsäcke sowie des Vortrags zum Thema "Freimaurerei im Erzgebirge" bemühen, heißt es.

Der Spielbetrieb des Puppentheaters Zwickau im eigenen Haus wie auch im "Brauhaus" Zwickau (Esstheater "Der Geizige")wird ab sofort und bis voraussichtlich 30. April ausgesetzt. Davon betroffen sind auch die Kursangebote und die Abstecher in die Kindertagesstätten der Region, sagte Anja Heintschel, verantwortlich für Öffentlichkeitsarbeit.

Ab sofort bleibt das Deutsche Landwirtschaftsmuseum Schloss Blankenhain im Crimmitschauer Ortsteil Blankenhain für Besucher geschlossen. "Bis auf Widerruf", teilt Landkreis-Sprecherin Ilona Schilk mit. Damit entfallen auch die am Wochenende geplanten Aktionen auf dem Museumsbauernhof.

Die für den 28. und 29. März in der Landgaststätte Wiesenburg geplante Handarbeitsmesse wurde abgesagt. Als Grund gab Christine Heinze, Leiterin des veranstaltenden Wiesenburger Keramikzirkels, die mit dem Coronavirus verbundenen Risiken für Teilnehmer und Besucher an. Die Veranstaltung soll aber nachgeholt werden.

Kurzarbeit ist seit Montag im Hotel "Meerane" angesagt. "Wir haben innerhalb einer Woche einen Umsatzeinbruch von 100.000 Euro zu verzeichnen, weil Tagungen abgesagt wurden und die damit verbundenen Übernachtungen wegfallen", sagte Hoteldirektorin Monika Twitting. "Angesichts dieses Dilemmas müssen wir die Hälfte unserer 50-köpfigen Belegschaft nach Hause schicken. Auch wisse man derzeit nicht, ob Angebote wie das Osterbüfett, zu dem stets bis zu 250 Gäste kommen würden, überhaupt stattfinden können.

90 Prozent der Familienfeiern seien abgesagt worden. Das sagte Michael Jubelt, Inhaber des Hotels "Friesen" in Werdau. Auch Seminare und Vereinszusammenkünfte gebe es derzeit keine mehr in seinem Haus.

Weitere Berichte zu abgesagten Veranstaltungen, Einschränkungen bei Unternehmen, Verwaltungen und in Kundencentern finden Sie hier.


Neu: Corona-Ambulanz

In Abstimmung mit dem Rettungszweckverband Südwestsachsen richtet der HBK-Standort Zwickau gemeinsam mit dem DRK-Landesverband sowie den regionalen nieder- gelassenen ärztlichen Kollegen der Kassenärztlichen Vereinigung eine Corona-Ambulanz ein. Das sagte Cathleen Schubert von der Pressestelle des Heinrich-Braun-Klinikums.

Diese Ambulanz fungiert als Ansprechpartner bei Fragen rund um die Corona-Infektion und bei Notwendigkeit als Teststelle, um im begründeten Verdachtsfall einen Abstrich vorzunehmen. Achtung: Ein begründeter Verdachtsfall besteht nur, wenn Patienten aus einem Risikogebiet nach Sachsen zurückgekehrt sind oder direkten Kontakt zu einem Infizierten hatten, heißt es.

Ein Zelt wird dazu im Zugangsbereich der alten Rettungsstelle aufgestellt (Zugang über den Eingang Steinpleiser Straße) und ab Dienstag zunächst bis Freitag täglich von 11 bis 17 Uhr besetzt sein. An einer Lösung für das Wochenende wird gearbeitet.

Ziel mit dieser Ambulanz ist es, das Infektionsrisiko für Mitarbeiter und Patienten der Zentralen Notaufnahme zu minimieren und dort die regulären Abläufe so wenig wie möglich zu beeinträchtigen.

Das Klinikum hat eine Hotline für Verdachtsfälle geschaffen (jeweils von 8 bis 16 Uhr). Ruf 0375 51551500


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5Kommentare
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  • 0
    0
    Höseldet
    17.03.2020

    Eigentlich ging es hier um den Beitrag des Journalisten

    Also ihr "Disskudanten" - ihr habt das Thema verfehlt!

    Bleibt einfach locker und GESUND!

    Vielleicht meldet sich ja mal die Freie Presse zum Thema "EINGESPERRT"!

  • 6
    1
    Tokeah
    17.03.2020

    @kartracer: das sind durchaus gängige und praktikable Begriffe bzw. Jargons. Ich bitte auch nicht jedesmal dem Herrn Lutz von der DB jedwede Begriffe welche der Konzern für seine Kunden nutzt in jedem Land anzupassen. Selbst dann nicht, wenn man jetzt sagt, dass es unternationale Begrifflichkeiten sind.
    Genau das könnte ich auch zum k.... finden. Tue dies aber nicht. Nicht weil ich denke, ich muss mich damit beschäftigen, sondern weil es im Ergebnis keinen Sinn macht. Würde es Sinn machen, wäre die Welt auch nicht besser.

  • 5
    5
    kartracer
    17.03.2020

    @Tokeah, fühlt man sich eigentlich besser und klüger, wenn man deutschen Bürgern
    und Lesern, die nicht unbedingt auf Ihrem Level schwimmen, landessprachliche Begriffe verweigert? ( Headline; Lines und Contents )
    Ganz ehrlich, ich finde DAS zum K...!

  • 10
    3
    Tokeah
    17.03.2020

    Es ist wirklich schlimm, dass in der Headline gesagt wird, diese Frau stecke fest wie in einem Gefängnis.
    Verantwortungsvoller, sachlicher Journalismus hat das absolut nicht nötig.
    Das ist wirklich Gedankenlosigkeit.
    Wenn die Frau selbst dies lesen sollte/tut/wird, müsste ich mich schämen, entsprechend ein Interview gegeben zu haben.
    Liebe FP-Journalisten, ich weiss, dass Ihr Eure Lines und Contents mehrmals lest, gegenschreibt und sogar gegengelesen werden.
    Da sollte es möglich sein, dass man hier mit Fingerspitzengefühl agiert.

  • 26
    0
    Höseldet
    17.03.2020

    An den Journalisten!
    Diese Personen sind nicht EINGESPERRT ! Sie stehen zu UNSER ALLER SICHERHEIT unter Quarantäne!
    Macht bitte aus der FP keine Bildzeitung oder Morgenstunden.

    GUTE Besserung für die Erkrankten ......

    Danke