Als die Feuerwehr regelmäßig bei "Lehmanns Anna" einkehrte

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Steinpleis.

Der rechte Bereich der Hauptstraße vom ehemaligen "Gasthof Steinpleis" bis zum Abzweig Kleine Straße war bis Anfang der 1920er-Jahren noch nahezu unbebaut. Lediglich das folgende einstöckige Wohngebäude Nummer 61 war schon vorhanden. Erst Jahre später konnte mit der Aufschüttung des Geländes und der Errichtung einer Stützmauer am Pleißeufer eine weitere Bebauung dieser Straßenseite erfolgen. Die großen Wohn- und Geschäftshäuser 61A bis 61D entstanden deshalb erst ab 1927. Im Eckgebäude Nummer 61D war Hellmuth Jägers "Löwen Drogerie". Später, zu DDR-Zeiten, wurde die Drogerie als Konsum-Fachdrogerie weiterbetrieben. Nach der Wende zog eine Filiale der Raiffeisenbank in die Geschäftsräume ein und heute wird hier ein Bistro betrieben.

Die nach diesem Gebäude abzweigende Kleine Straße war noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts nur durch die Nutzung der Pleißefurten befahrbar. Ab 1860 erfolgte schließlich der Bau einer Brücke, die in den Folgejahren noch wesentlich verbreitert wurde. Nicht nur die hier bestehenden Bauerngüter und Häuslergebäude hatten nun eine verbesserte Anbindung, sondern es ergaben sich Möglichkeiten für weitere Ansiedlungen.

Die neue Pleißebrücke sorgte nun endlich für eine schnellere Erreichbarkeit der abgelegenen Bauernhöfe, vor allem auch für die Feuerwehr. Besonders in den Sommermonaten waren damals Großbrände an der Tagesordnung. Die zu Erntezeiten mit Stroh und Heu von der Tenne bis zum Dach "vollgestopften" Scheunen brauchten nur wenig Hitze, um sich zu entzünden. Natürlich waren die Bauern auch für vorsorglichen Feuerschutz verpflichtet. Sie mussten ständig eine Anzahl gefüllter Wassertonnen sowie große Feuerhaken und -gabeln bereithalten. Dazu galt eine sogenannte Vorspannverpflichtung der Bauern für ihre Pferde. Ausgewählte Pferde standen für eine bestimmte Zeit ständig in Bereitschaft, um im Brandfall die Feuerwehrgerätschaften zu den Gütern ziehen zu können.

Nicht zuletzt die verheerende Brandkatastrophe von 1870 im Rittergut Untersteinpleis sorgte dann auch in Steinpleis für die Bildung der Freiwilligen Feuerwehr. Deren Gründung erfolgte nach ersten Bemühungen im Jahr 1870 und dann schließlich endgültig am 1. September 1890. Das Spritzen- und Gerätehaus der damaligen FFW befand sich gleich rechts am Eingang der Kleinen Straße. Direkt gegenüber dieser Straße führt die ab 1908 bebaute Schillerstraße bergauf. Sie endet heute an einem Garagenkomplex, der nahezu bis zum Bahndamm reicht. In der Zeit des bis etwa 1912 währenden rasanten Baugeschehens entstand an dieser Straße eine Vielzahl relativ großer Wohn- und Geschäftsgebäude. Vom einst hier angesiedelten Gewerbe im Folgenden nur eine kleine Auswahl: Bäcker (Hausnummer 12) Fleischer ( 4 und 11), Milchhandel (10), Lebensmittel (1, 11 und 14), Schneidereien (11, 22 und 28), Glanzplättereien (2, 7 und 15), Sattlereien (5 und 31), Möbeltischlerei (10).

Auf der linken Straßenseite, etwas versteckt liegend, befindet sich das Gebäude Nummer 3a. Es ist in seiner Bauart als sogenanntes Umgebindehaus in Steinpleis als etwas Besonderes anzusehen. Derartige Gebäude findet man eher in der Lausitz. Das untere Ende der Schillerstraße wird linksseitig durch den Steinpleiser Anger begrenzt. Bis zu seinem Abbruch im Jahr 1932 stand hier noch ein markantes Fachwerk- Gebäude (Nummer 66). Älteren ist das in diesem Haus ehemals eingerichtete Friseurgeschäft der Familie Siegl noch in guter Erinnerung. Nach dem Hausabbruch stand hier im Anger-Eckbereich noch lange eine Litfaßsäule.

Direkt gegenüber dem Anger, an der rechten Ecke der Schillerstraße, steht das Wohngebäude Nummer 6. Anfang 1882 ließ sich Friedrich August Goldberg hier einen Neubau mit Bäckerei, Ladengeschäft und Wohnung errichten. Im Hinterhof befand sich dazu der damals für Bäckereien obligatorische Schweinestall. Um 1895 übernahm Max Oskar Jacob das Gebäude einschließlich Bäckerei und Verkaufsladen. Jacob erweiterte seine Gewerbetätigkeit und betrieb die Einrichtung nun als "Café Jacob".

Der Bäckermeister Albert Zergiebel und Frau Anna waren ab 1906 die nächsten Besitzer des Gebäudes. Zergiebels ließen das Erdgeschoß derartig umbauen, dass jetzt die gesamte linke Seite von einer Gaststube nutzbar wurde. Der Zutritt erfolgte von der Giebelseite aus, dessen Treppe extra mit einer wunderschönen Holzüberdachung versehen war. Die Einrichtung wurde nun als "Conditorei & Café Alfred Zergiebel" betrieben. Die alte Ansichtskarte aus dem Jahr 1912 zeigt links den überdachten Zugang zu den Gasträumen und den zur Straßenseite gewandten Ladeneingang. Mit dem 1914 hereinbrechenden Krieg änderte sich jegliche Geschäftstätigkeit. Neben vielen anderen Steinpleisern verstarb auch Zergiebel in diesem sinnlosen Geschehen.

Alle Vereine, die in dieser Zeit ihre Versammlungen in großen Gasthöfen abgehalten hatten, beklagten den zunehmenden Mitgliederschwund. Auch die Freiwillige Feuerwehr Steinpleis war davon enorm betroffen. Mit lediglich 17 Mitgliedern lohnten sich die bisherigen Versammlungsorte nicht mehr. Man wich also in kleinere Räumlichkeiten aus, etwa in den Gasthof "Laudon" oder eben in die "Conditorei & Café Albert Zergiebel".

Zergiebels Witwe Anna führte nach dem Ableben ihres Mannes die "Conditorei" noch einige Jahr selbstständig weiter, ehe sie sich dann mit dem Bäcker und Konditor Paul Lehmann verheiratete. Von nun an trug die "Conditorei & Café" auch dessen Namen. Bekannt blieb die Konditorei aber vor allem unter der liebevollen namentlichen Würdigung der Mitinhaberin: "Die Lehmanns Anna". Auch bis zur Schließung der von Else Zergiebel zusätzlich als Gaststätte betriebenen Einrichtung Anfang der 1960er-Jahre blieb dieser Name im Sprachgebrauch erhalten.

In den 1970er-Jahren richtete sich schließlich Zergiebels Enkelin Rosemarie Reichel einen Getränkehandel ein, den sie dann noch bis Anfang 1996 betrieb. Heute ist das Gebäude ein saniertes Wohnhaus, dessen einstiger prachtvoller Seiteneingang leider nicht mehr existiert. Lediglich zu besonderen Anlässen wie zu Heimatfesten dekoriert die rüstige Rentnerin ihr Gebäude mit dem einstigen Gewerbeschild "Conditorei & Café Zergiebel".

Quellen:Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben, Wilfried Schaarschmidt Feuerwehrchronik.

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