Als die Turner ein Heim mit Schankwirtschaft bauen durften

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Steinpleis.

Untersteinpleis, wie das Gebiet zwischen dem Zusammenfluss des Neumarker Baches in die Pleiße an der Ruppertsgrüner Straße und dem Steinpleiser Anger genannt wird, ist der wohl älteste Ortsteil von Steinpleis. 1381 errichtete die Ägidiuskirche Werdau hier eine Filialkirche, die dann mit der Reformation in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu einer eigenen Kirchgemeinde wurde. Im Siedlungskern um die Wasserburg entstand bereits Anfang des 15. Jahrhunderts ein bäuerliches Vorwerk, welches sich zu einem eigenständigen Rittergut entwickelte. 1470 erwarben die Brüder Martin und Nicol von Römer aus Zwickau zusammen mit anderen Gütern auch das Gut Untersteinpleis.

Um 1840 ließ Franz Oswald von Römer den das Anwesen umfassenden Wassergraben trockenlegen und erste steinerne Gebäude errichten. Das heute noch als "Steinpleiser Schloss" bezeichnete Herrenhaus wurde von seinem Sohn Hermann Julius 1857/ 58 im Stil englischer Tudor- Gotik errichtet. Besonders eindrucksvoll ist der mit Zinnen gekrönte, bei Erbauung 32 Meter hohe Turm. 1908 musste der letzte "Steinpleiser Römer", Hermann Julius, das Rittergut aus wirtschaftlichen Gründen an Carl Arens verkaufen. 1939 kamen die Ländereien einschließlich der Gebäude in den Besitz der Familie Rudolph. Nach deren Wegzug 1953 übernahm der Staat das Gut und betrieb bis 1960 ein Internat zur Ausbildung von Lehrlingen, Fachrichtung Tierzucht. Von 1960 bis zur Wende war eine Bullen-Mastprüfanstalt eingerichtet. Anfang der 1960er-Jahre gab es Planungen, in dem großen Parkgelände ein Kulturzentrum zu errichten. Eine Freilichtbühne mit Zuschauertraversen und eine eigenständige Gaststätte blieben aber Wunschdenken.

Kurz nach 1990 erhielten die Erben der Familie Rudolph ihren ehemaligen Besitz zurück. Nach mehrfachem Eigentümerwechsel kamen 2014 Nachkommen der Familie von Römer wieder in den Besitz ihres Familiengutes. Die Innenräume wurden erneut umgebaut und bieten heute Wohnsitz für mehrere Familien. Der zugehörige große Park mit seinem alten Baumbestand gewährt dabei Raum für entspanntes Erholen. Zwei seltenste Trauereschen und eine riesige Rosskastanie sind nur einige Beispiele aus der pflanzlichen Vielfalt im großen Gelände.

Beim Verlassen des Parkgeländes gelangen wir zur Hauptstraße. Vorbei am Ernst-Buschmann-Platz, an dessen hinterer Böschung zur Pleiße in Schlosshöhe noch Reste eines überbrückten Wehres zu erkennen sind, gelangen wir zur Ruppertsgrüner Straße. Auf der linken Seite erlaubt der dichte Baumbestand kaum einen Blick auf das wunderschöne Schlossgebäude. Rechts schmiegt sich der Neumarker Bach bis unmittelbar an die Straße heran. Das alte Wehr in diesem Bereich wurde erst vor wenigen Jahren entfernt. Aber, wenn man großes Glück hat, kann man hier Fischreiher beim Fischfang beobachten.

Nach wenigen Metern zweigt eine Straße in das 1993 erschlossene Gewerbegebiet Freistraße ab. Nach der Ansiedlung einiger Unternehmen blieb aber die weitere Belegung aus. Der vorgesehene Sportpark "Römertal" musste wegen mangelnder Finanzierung aufgegeben werden. Auch der Bau eines Erlebnisbades, 1997 geplant, wurde zugunsten anderer Einrichtungen nicht realisiert. Umweltbesorgte Bürger konnten den Bau einer Bio-Ethanol-Anlage vor Ort verhindern. Das Areal erlebte dennoch einige Kulturveranstaltungen: mehrere Hexenfeuer zum Beispiel, 2005 der Auftritt von De Randfichten oder im Mai 2008 ein IFA-Oldtimertreffen.

Hinter der zwischen 1843 und 1845 erbauten, rund 225 Meter langen Römertalbrück erstreckt sich entlang des Neumarker Baches das Flächennaturdenkmal Römertal. Autofahrer nutzen den unter der Brücke befindlichen Platz zum Parken, um von hier das Sportgeschehen auf dem Sportplatz des FC Sachsen 90 Steinpleis-Werdau zu verfolgen. Nachdem der Sportplatz in der heutigen Albert-Krapp-Straße nicht mehr genutzt werden konnte, legte der 1908 gegründete Turnverein Ludwig Jahn zwischen 1925 und 1927 diesen heute noch intensiv genutzten Sportplatz an.

1928 erhielt der Turnverein dazu die Genehmigung zum Bau eines Turnerheimes mit öffentlicher Schankwirtschaft. Ende 1929 wurde die Ingebrauchnahme als "Volks- und Sportlerheim" würdevoll gefeiert. Erster Wirt war Otto Raimer. Die alte Ansichtskarte aus den 1930er-Jahren und zeigt das Gebäude noch ohne den erst 1960 erfolgten Anbau für Umkleidekabinen mit darüberliegender Terrasse. Ab 1933 wurden alle Sportvereine gleichgeschaltet und in den Reichsbund für Leibesübungen eingegliedert. Das Sportlerheim erhielt nach der Neueröffnung am 21. August 1937 durch den Betreiber Alfred Dürr den Namen "Deutsches Haus". Zusätzlich wurde es Sitz von NS-Organisationen.

1949 wurde bei der Neugründung des Sportvereins Steinpleis auch die Gaststätte im Sportlerheim mit dem Wirt Paul Dick nun wieder unter dem Namen "Volks- und Sportlerheim" weiterbetrieben. Paul Günther übernahm die Gaststätte dann ab 1960 als Kommissions- Gaststätte. Bis zur Wende mehrfach um- und ausgebaut, erfolgte schließlich im Jahr 2000 eine umfassende Sanierung des gesamten Sportlerheims. Die Gaststätte wurde zuletzt von Andreas Wenzel bis Ende 2019 bewirtschaftet. Seit Anfang 2021 wartet nun ein neuer Betreiber auf baldige Wiedereröffnung.

Quellen: Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben; kurz-geschichten.blogspot.com, Adressbücher, Festschrift Steinpleis 1993.

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