Als im Schatten der Linden das erste Bier ausgeschenkt wurde

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Steinpleis.

An dem am heutigen Steinpleiser Ortsteil Weißenbrunn vorbeiführenden alten Handelsweg existierte bereits weit vor dem 12. Jahrhundert eine stark befestigte Straßenschutzanlage. Vermutlich befand sie sich auf der kleinen Wallinsel des Teichs, der auch heute noch hinter der ehemaligen Gaststätte "Lindengarten" vorhanden ist. Strategisch günstig gelegen und mit einer den Teich füllenden Quelle bestens mit Wasser versorgt, entwickelte sich die Anlage im Lauf der Jahrhunderte zu einem bäuerlichen Vorwerk, aus dem später das Rittergut Weißenbrunn entstand.

Urkundlich wird das Rittergut erstmals erwähnt, als es von 1470 bis 1537 in den Besitz der Familie von Römer gelangte. Allmählich siedelten sich um das Rittergut sogenannte Fröner mit ihren kleinen Häuschen an. In den Folgejahren wechselten oftmals die Besitzer des Rittergutes. 1827 brannte es bei einem Großbrand vollständig ab, wurde aber im Anschluss wieder aufgebaut.

1887 erwarb der Zwickauer Kohlegrubenbesitzer Victor Bruno Ebert das Rittergut. In der folgenden Zeit baute er das Gelände um den Teich zu einer prächtigen Parklandschaft mit Wildgehege aus. Ab 1891 wurde das Rittergut schließlich nur noch durch Pächter bewirtschaftet.

Auch in den Fronhäusern gab es immer wieder Besitzerwechsel. So geschah es auch mit dem kleinen Häuschen mit der heutigen Anschrift Weißenbrunn 4. Richard Winkler erwarb Ende der 1890er-Jahre das 1848 erbaute Haus, in dem vermutlich schon ein einfacher Bierschank betrieben wurde. Winkler eröffnete am 1. Juni 1898 nun ein kleines Restaurant - den "Lindengarten zu Weißenbrunn". Später hieß das Restaurant nur noch "Lindengarten". Die zu dieser Zeit noch rings um das Restaurant vorhandenen großen und schattenspendenden Lindenbäume waren dabei sicher die Namensgeber.

Die Einnahmen aus dem Restaurant reichten aber für den Lebensunterhalt der Familie nicht aus, sodass Winkler zusätzlich einen Milchhandel und ein Fuhrunternehmen betrieb. Die Straße nach Zwickau, die direkt am Restaurant vorüberführte, wurde damals lebhaft von Pferdefuhrwerken genutzt. Während die Kutscher gern im "Lindengarten" rasteten, wurden deren Pferde ausgespannt und mit Wasser und Hafer versorgt.

Die abgebildete alte Ansicht stammt von einem Gemälde, das die Situation um 1915 darstellt. Links hinter drei Lindenbäumen befindet sich das Restaurant, auf dessen Stirnseite man durch eine Pergola in den Biergarten gelangen konnte. Vor der Gaststätte parkt ein damals noch seltener Pkw. Im Hintergrund und auf der rechten Bildseite erkennt man einzelne Frönerhäuser. Ein großes Tor, fast in Bildmitte, zeigt den einstigen Zugang zum Rittergut.

Zu baulichen Veränderungen und damit zur Vergrößerung des Lokals kam es erst 1933. Der damit verbundene gute Ruf des Restaurants bewirkte, dass Winkler an jedem Wochenende zu unterschiedlichsten Veranstaltungen einladen konnte. Zur Animierung der Gäste wurden sogar sogenannte "Zigaretten- Mädchen" und "Eintänzer" verpflichtet. Ein großer Biergarten, die sich anschließende Freitanzdiele, der Park mit dem Teich, fanden vor allem in der warmen Jahreszeit viel Zuspruch. Nach dem Ableben Richard Winklers, übernahm dessen Sohn Alexander um 1947 die Geschäfte. Nach kurzzeitiger Verpachtung Anfang der 1950er-Jahre an Willy Jesse führte Alexander Winkler den "Lindengarten", im Volksmund "Alex" genannt, schließlich selbst wieder weiter. Nach dessen Ableben 1973 ging die Gaststätte dann an Bernd Winkler über. Aus dem "in die Jahre" gekommenen Restaurant wurde eine moderne Gaststätte mit Terrasse, Hallenbad mit Bar und Sauna. Besonders beliebt waren die "Chinesischen Abende" inclusive freizügigem Baden und fernöstlichem Diner. Vieles wurde nach der Wende im Innen- und Außenbereich modernisiert.

1998 feierte die Gaststätte "Lindengarten" ihr 100-jähriges Bestehen. 2019 verkauften Bernd und Iris Winkler aus gesundheitlichen Gründen die über drei Generationen geführte Gaststätte. Urplötzlich endete damit in Weißenbrunn eine über 120-jährige Gaststätten-Tradition. Der gesamte Komplex mit der ehemaligen Gaststätte "Lindengarten" ist gegenwärtig im Umbau begriffen. Eine Gaststätte wird es vermutlich nicht mehr. Nur das Gelände um den inzwischen wild romantisch verwachsenen Teich mit seiner mittigen uralten Wallinsel zeugt noch von alten Zeiten und lädt zu interessanten Spaziergängen ein.

Quellen:Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben; Iris Winkler: Chronik der Gaststätte Lindengarten.

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