Ein uriger Platz im Pleißenbogen

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Langenhessen.

Das Pleißental in seiner Form war auch in Langenhessen jeher bestimmend bei der Besiedlung und den damit verbundenen Wegführungen. Dabei war das Wasser des durch das Tal fließenden Flusses nicht immer so klar wie heute. In der Werdauer Zeitung von 1931 war zum damaligen Zustand der Pleiße Folgendes zu lesen: "Von Werdau wendet sich die trübfarbene Pleiße nordwärts in die Nachbargemeinde Langenhessen. Auch hier behält sie den Charakter eines Industrieflusses, denn Färbereien und Bleichereien am Oberlauf schicken ihre Abwässer direkt in den Fluss. Die Pleiße, die im Sommer sehr wenig Wasser führt, nimmt dann von rechts den klaren, frischen Königswalder Bach auf und fließt weiter bis zu dem, nach der an der rechten Seite liegenden Volksschule benannten Schulwehr hin. Nun beginnt sich das Wasser allmählich zu klären. Im Niederdorf erhält die Pleiße schließlich noch einen stärkeren Zufluss, den Pfarrbach. Farbiger wird dann das Pleißenwasser erst wieder in der Stadt Crimmitschau." Soviel zur Situation der damaligen Pleiße. Nach 1990 hat sich mit dem nahezu kompletten "Verschwinden" der Textilindustrie wenigstens die Sauberkeit der Pleiße geregelt.

Von den vielen schmalen Brücken über die Pleiße zum Mittelweg existieren heute nur noch wenige. Viele wurden Opfer der Hochwasser in den vergangenen Jahrzehnten. Zwei massive Brücken ermöglichen heute die Überquerung auch für große Fahrzeuge - die Brückenweg- und die Kirchschulstraßenbrücke von und zur Crimmitschauer Straße.

Letztere Straße wurde als Hauptdurchfahrtsstraße erst 1800 gebaut, dann 1855/56 und nochmals 1927/29 verbreitert. Am nördlichen Ende des ehemaligen Fabrikgrundstückes in Werdau, Grünanger 32, beginnt bereits die süd- östliche Flur der Gemeinde Langenhessen. Das auf der rechten Seite unmittelbar folgende Bauerngut leitet nun den typisch dörflichen Charakter der Landschaft ein.

Vorbei am Wehrplatz und der Angerbrücke, erreicht man auf der linken Straßenseite ein winklig erbautes Gebäude - heute Hausnummer 21, ehemals 162. Es steht von der Dorfstraße etwas eingerückt, sodass das Grundstück mit seinem Garten bis an die Pleiße reicht. Ein kleiner Parkplatz lädt zur kurzen Rast ein. Direkt am Haus steht eine große Linde mit mächtigem Stamm und einer gewaltigen Krone. Am Haus ist der Schriftzug "Restaurant ,Zwei Linden'" zu erkennen. Ein Ausleger an der Hausecke verweist unter anderem auf die Jahreszahl 1875. Die Datierung besagt, dass sich das Restaurant seit dieser Zeit ständig in Familienbesitz befand.

Bis um 1850 gehörte das Grundstück zum gegenüberliegenden Däumlerschen Bauerngut. Dann erwarb es der Tischlermeister Friedrich Eger. Er erbaute darauf ein Gebäude - heute noch teilweise existent als der hintere und längs der Dorfstraße stehende Hausteil - und eröffnete darin eine einfache Schankwirtschaft. 1872 fügte Eger seinem Haus rechtwinklig einen Anbau hinzu, in den er dann seine Schankwirtschaft verlegte. Der andere ältere Gebäudeteil wurde nur noch für Wohnzwecke genutzt.

1875 kaufte der Gutsbesitzer Johann Gottlieb Däumler sein ehemaliges Grundstück einschließlich Schankwirtschaftsgebäude zurück. Die Schankwirtschaft, jetzt von Däumler weiterbetrieben, erhielt den Namen Restaurant "Zwei Linden". Namensgeber waren vermutlich die zwei großen Lindenbäume, die unmittelbar vor dem Restaurant standen. Nach dem Ableben Däumlers 1886 übernahm seine Tochter Ernestine Pauline die weitere Bewirtschaftung. Sie fügte dem Anwesen unter Mithilfe von Friedrich Ferdinand Wolf, ihrem späteren Mann, weitere Nebengebäude hinzu, in denen ein Waschhaus, eine Kohlenremise und verschiedene Ställe eingerichtet wurden. Die alte Ansichtskarte von 1911 zeigt das Restaurant "Zwei Linden" und das wunderbar romantisch verklärte Gaststättenleben der damaligen Zeit. Vor allem die "Freiluftnutzung" vor und neben dem Restaurant spiegelt die damals beliebten Vergnügungen wider.

Nach dem zeitigen Ableben von Pauline Ernestine Wolf führten ab 1919 ihr Witwer und im Anschluss ihre Kinder, ab 1927 Max Wolf und danach ab 1943 Klara Wolf das Restaurant weiter. 1960 übernahmen Max Enke und seine Frau Paula, geborene Wolf, die nun als Konsum-Gaststätte "Zwei Linden" geführte Wirtschaft. Sie betrieben diese bis 1972. Danach wurden Enkes Tochter Hanni Rau und ihr Mann Rolf neue Betreiber der Gaststätte. In dieser Zeit erfolgten erneut mehrere An- und Umbauten am Gebäudekomplex. Durch Aufstockung des alten Fachwerkgebäudes und Veränderungen im Gaststättenbereich entstand zusätzlicher Wohnraum.

Der Gastraum wurde regelmäßig von den zahlreichen Langenhessener Vereinen genutzt. Bei Klassentreffen ehemaliger Schulkameraden oder auch bei Familienfeiern spielte Rolf Rau gerne auf dem Klavier. Einige der kleinen Tische wurden von eifrigen Skatspielern genutzt und am großen Stammtisch war sowieso immer reger Betrieb.

Nach 1990 wurde das wieder in Restaurant umbenannte Gasthaus erneut privat geführt. Die Familie Rau konnte sich wieder voll und ganz auf ihre kleine gemütlichen Dorfgaststätte kümmern. Gäste schätzten die herzhafte Küche. Man aß die Bratkartoffeln noch mit Majoran und Bratkruste, die Sülze war "hausgemacht". Hanni Rau soll einmal scherzhaft gesagt haben: "Eine gute Küche hält nicht nur Leib und Seele beisammen, sondern auch Personal und Wirtschaft." Betrieben wurde das Restaurant noch bis zum Jahr 2015 und dann endgültig geschlossen. Das Gebäude dient heute als Wohnhaus und wird von Johann Gottlieb Däumlers Ur-Ur-Ur-Enkelin mit Familie bewohnt.

Quellen: Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben; Ortschronik Langenhessen; Unterlagen und Berichte Familie Wagner.

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