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Warum Niedersteinpleis auch "Fickersgrün" genannt wird

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Steinpleis.

Wir befinden uns erneut am Straßenkreisel "Wiener Spitze" in Leubnitz/Ruppertsgrün. Ehe diese Straße ihr heutiges Aussehen erhielt, befand sich an dieser Stelle die Gaststätte "Wiener Spitze". Noch 2005 führte hinter der Gaststätte ein Fußweg in Richtung Steinpleis. Vorbei an Kleingärten und der ehemaligen Textilfabrik führte dieser Weg über den Lohbach hinweg, durch den Steinpleiser Eisenbahnviadukt hindurch in ein einst völlig selbstständiges Dörfchen. Offiziell als Niedersteinpleis bezeichnet, wird auch heute noch dieser etwas abgelegene Steinpleiser Ortsteil im Volksmund nach dem ehemaligen Besitzer des dortigen Freigutes Ficker "Fickersgrün" genannt.

Die ganze Pracht der Ziegelsteinbrücke erkennt man erst so richtig, wenn sie passiert wurde und man den Blick zurückwirft. Der Weg führt nun weiter, vorbei an Gartenanlagen zu einer Reihe von Wohnhäusern, die aber erst um 1910 und später erbaut wurden. Den ursprüngliche Siedlungskern bildeten jedoch die kleinen Fachwerkhäuschen, die sich nahezu halbkreisförmig um das heute sanierte ehemalige Herrenhaus des Freigutes Niedersteinpleis angesiedelt haben.

Vermutlich ist das Freigut aus einem Vorwerk des Rittergutes Untersteinpleis hervorgegangen. Seine Besitzer hatten das Gut nie von einer jeweils herrschenden Obrigkeit entlehnt, sondern waren immer sogenannte freie Pächter mit eigener Gerichtsbarkeit. In Urkunden taucht das Freigut erstmals 1547 auf, als in der Folge des Schmalkaldischen Krieges (1546-1547) spanische Truppen auch in Niedersteinpleis einquartiert waren.

Freigutsbesitzer war zu dieser Zeit Asmus von Jahna. Von 1548 bis 1588 war dann das Freigut im Besitz der Herren von Römer mit Verpachtung an die Brüder Kendler. Der nachfolgende Eigentümer des Freigutes Peter Ficker erweiterte das Gut 1590 mit der alten Mahlmühle am Ruppertsgrüner Lohbach. Ficker war zugleich kurfürstlich sächsischer Floßmeister der Pleißenflößerei. Ab 1615 ist bereits von einer vollständigen Umwandlung dieser Mahlmühle in eine Papiermühle die Rede. Alle nachfolgenden Papiermüller waren Pächter der Familie Ficker, die die Mühle und das Freigut bis 1759 besaß. Ab 1759 war Johann Pinther neuer Besitzer. Unter seiner Herrschaft entstand um 1770 das noch heute bestehende, im spätbarocken Stil erbaute Herrenhaus. 1945 fiel das Freigut unter das Enteignungsgesetz. Im Herrenhaus entstanden Wohnungen. Mitte der 1960er-Jahre wurde die Gutsmauer abgebrochen. Von 1975 bis 1990 war das Gelände Sitz der LPG Tierproduktion "Karl Marx".

Nochmals zurück zur ehemaligen Mahl- und späteren Papiermühle. Um diese Mühle betreiben zu können, wurde ein Mühlgraben angelegt. Ein eigens errichtetes Wehr regelte die Wasserzufuhr. Als sich die Papiermühle um 1820 nicht mehr rentierte, wandelte sie der neue Besitzer Friedrich August Rühling, ein Tuchfabrikant aus Werdau, in eine Tuchmanufaktur um. Nach einem Brand im Jahr 1850 verkommt die Manufaktur immer mehr. Von 1872 bis 1912 wird sie durch Moritz Hoffmann als Kunstwollfabrik betrieben. 1912 erwarb die Firma Ferdinand Puchert, Ruppertsgrün die Fabrik. Zuerst als Reißerei genutzt, wurde sie dann bis 1945 als Pappenfabrik für Pucherts Textilunternehmen weiterbetrieben. Nach der Enteignung der Puchertschen Fabrik ging die Produktionsstätte ins Volkseigentum über und wurde bis zur Wende als VEB Hartpappenfabrik Steinpleis weitergeführt. Dann kamen die Schließung, die Entlassung der Mitarbeiter und ab 1996 schließlich der Umbau des Gebäudes für Wohnzwecke.

Die Versorgung des Gebietes wurde einst durch das Lebensmittelgeschäft der Familie Schlund (Hausnummer 9A), den ab 1967 hinzugekommenen Konsum-Flachbau (Nr. 5D) und der mit einem Gasthof verbundenen Fleischerei Brunner (Nr. 12) abgesichert. Die Nummer 12 besteht eigentlich aus zwei Hausteilen. Der linke Bereich, in dem einst Brunners Fleischverkaufsstelle eingerichtet war, ist der ältere Hausteil.

1890 errichtete Eigentümer Carl Heinrich Brunner einen Anbau - für einen Gemischt-Warenhandel und eine Gaststube. Am 26. März 1890 eröffnete er dann das Restaurant "Laudon" (der Name stammt vom österreichischen General Freiherr Ernst G. von Laudon). Anfang 1901 ließ Brunner noch eine Kleinvieh-Schlachtanlage errichten, die in den Folgejahren zu einem größeren Schlachtbetrieb erweitert wurde.

In dieser Zeit wurde auch das Ladengeschäft in den älteren Hausteil verlegt, um im Restaurant mehr Raum für Gastzimmer zu gewinnen. Auf einem Gemälde aus der Zeit um 1915 ist diese Gewerbeaufteilung in den beiden Hausteilen deutlich zu erkennen. In den 1960er-Jahren kam es wiederum zu baulichen Veränderungen. Verzierungen an der Hausfront wurden entfernt und neue große Fenster und Türen eingebaut. Hinsichtlich der Gaststätte wurde 1969 ein Kommissionsvertrag mit der HO unter Beibehaltung des alten Namens abgeschlossen.

1990 endete mit der Gewerbeaufgabe die 100-jährige Tradition der "Dorfgaststätte Brunner". Ende 2010 wurde dann auch die Fleischerei geschlossen. Heute ist das Gebäude ein Wohn- und Geschäftshaus. Übrigens: 1932 erwähnte die Zeitzeugin Frau Wilhelmine Bauer eine kleine Kneipe, die Johann Kießling um 1850 hier in diesem Ortsteil betrieb und von ihm "Zur wilden Taube" benannt wurde. Leider ist dabei keine Hausnummer erwähnt. Quellen: Bücher "Werdauer Gaststättenchronik", Band 1 und 2 mit weiteren historischen Ereignissen und umfangreichen Quellenangaben; Festschriften Steinpleis 1954 ff., 450 Jahre Niedersteinpleis.

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