Aufarbeitung des NSU - Zwickaus Oberbürgermeisterin Sicht jetzt das Gespräch

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In vier öffentlichen Gesprächsrunden sollen sich die Menschen in Zwickau über das Thema Erinnerungskultur austauschen. Das soll den Verantwortlichen helfen, bürgernahe Entscheidungen zu treffen.

Zwickau.

Höchste Zeit, dass wir darüber reden, sagt die Oberbürgermeisterin. Und mit "wir" meint Constance Arndt (BfZ) im Grunde genommen die gesamte Bürgerschaft von Zwickau. Zwar passt noch nicht mal ein Prozent aller Zwickauer in den Bürgersaal im Rathaus, aber es ist ein Anfang: Beginnend mit dem Mittwoch, 12. Oktober, soll es vier Abende geben, an denen sich Menschen darüber austauschen, auf welche Weise Zwickau an die Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) erinnern sollte.

Zwar entscheidet am Ende der Stadtrat, wie die Erinnerungskultur gelebt werden soll. Die Anregungen dazu aber sollen von den Zwickauerinnen und Zwickauern selbst kommen. "Ich weiß, das Thema ist sehr kontrovers. Nicht nur bei uns", sagte Constance Arndt am Mittwoch, als das Programm vorgestellt wurde. Genau deswegen möchte sie Anregungen, Bedenken und auch Befindlichkeiten mitnehmen. "Und das gleich viermal, sodass es auch eine Entwicklung geben kann", erläutert sie das Konzept. Es sollten sich alle einbringen können, für die der NSU ein Thema ist "Ich erhoffe mir davon ein Stimmungsbild, mit dem ich die Stadt auch nach außen vertreten kann." Die Frage sei: Wie kann sich Zwickau auch in anderen Gremien positionieren?

Bislang hat von außen der Eindruck überwogen, dass sich Zwickau einem Diskurs nicht stellen mag. Lange Zeit hatte es der Stadtrat abgelehnt, auch nur über ein Dokumentationszentrum nachzudenken. Die damalige Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) hatte sich ein Jahr nach dem Auffliegen des Terrortrios mit der Bitte um Unterstützung an die Bundesregierung gewandt, nach der Ablehnung die Sache erst einmal ruhen lassen. Später kamen Vorschläge wie das Denkmal für die Opfer des Faschismus zu erweitern oder einen Erinnerungskomplex samt Jugendherberge zu bauen. Schließlich gestalteten junge Leute aus der Geschichtswerkstatt eine Informationsausstellung - die war zu sehen, als im November 2019 die Gedenkstätte im Schwanenteichpark eingeweiht wurde. Einen Monat zuvor war eine Eiche, gepflanzt im Gedenken an die Opfer des NSU, nachts illegal gefällt worden.

Die zehn daraufhin gepflanzten Bäume blieben unberührt, anfangs auch stark bewacht. Doch soll das Erinnern nicht allein der Flora überlassen werden. Geld für ein Dokumentationszentrum wurde mehr oder minder überraschend von Freistaat zur Verfügung gestellt, dort läuft ebenfalls gerade der Findungsprozess, auch wenn die Oberbürgermeisterin bedauert, dass dabei die Zwickauer Bürgerschaft noch nicht gehört worden ist. "Ich hätte mir das alles etwas verzahnter gewünscht", sagt Constance Arndt.

Am Ende, so hofft Arndt, soll die Bevölkerung verstehen, warum es solche Gedenkorte gibt. "Und warum man sich mit solchen Themen auseinandersetzen muss." Deswegen hofft sie auch auf Diskurs statt auf in Stein gemeißelte Meinungen.

Die vierfach geplante Diskussionsveranstaltung gehört zu den "Novembertagen", die von der Stadt und dem Demokratiebündnis seit 2012 organisiert werden. Auch in diesem Jahr gibt es mehr als 30 Veranstaltungen zwischen dem 12. Oktober und dem 25. November. Sie widmen sich dem Gedenken an drei geschichtsträchtige Tage: die Entdeckung des NSU vom 4. November 2011, der Pogromnacht vom 9. November 1938 sowie dem Fall der Mauer vom 9. November 1989. Das ganze Programm findet man auf den Internetseiten des Demokratiebündnisses. Dort kann man sich auch für die Diskussionsveranstaltungen anmelden.

zwickauer-demokratie-buendnis.de


Kommentar: Die Argumente der anderen

Wie haben sich so viele Menschen mit Händen und Füßen gegen eine sichtbare Erinnerung an den NSU gewehrt. Sie wollten in Ruhe gelassen werden damit. Dann stand auf einmal ein Baum auf der Wiese. Dann wurde gesägt und wieder gepflanzt. Nun sind es zehn Bäume mit je einer Tafel. Das reicht nicht.

Wie oft beklagen sich die Menschen, dass sie nicht mitreden können. Dass die da oben über ihre Köpfe hinweg entscheiden. Nun haben sie die Gelegenheit, sich zu Wort zu melden, sich einzubringen. Und die Entscheidung ist keine lapidare: Wie will Zwickau mit einem Teil der eigenen Geschichte umgehen. Nun ist es an den Menschen, die gern mitbestimmen wollen, sich zu beweisen: Hier reicht es eben nicht, nur dagegen zu sein und das markigste Schimpfwort zu finden. Das hilft niemandem. Hier braucht man guten Willen und ein offenes Ohr für die Argumente der anderen.

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