Freispruch nach Todesurteil

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AKTE WESTSACHSEN Die "Freie Presse" blickt auf spektakuläre Strafsachen aus der Vergangenheit im Raum Zwickau zurück. Teil 32: Angeklagt war ein Mann, der seine drei Wochen alte Tochter vergiftet haben soll.

Lichtentanne.

Für die 20 Jahre alte Martha Franke* aus Lichtentanne war es die große Liebe. Doch als sie im Frühjahr 1928 feststellte, dass ihr Auserwählter Lothar Markert* noch andere Gespielinnen hatte, brach sie die Beziehung ab. Da allerdings war sie bereits schwanger. Ihrem 22 Jahre alten Ex-Freund gefiel das gar nicht.

Er versuchte, die Frau zur Abtreibung zu bewegen. Doch das kam für die Schwangere nicht in Frage. Unterhalt hätte er ohnehin nicht zahlen können, so sein Argument. Er hatte zuletzt als Hilfsheizer gearbeitet, war jedoch seit ein paar Monaten arbeitslos und auf die karge staatliche Unterstützung angewiesen. Am 26. Februar 1929 brachte Martha Franke ein gesundes Mädchen zur Welt. Doch ihre Tochter sollte gerade mal drei Wochen leben. Weil sie Einkäufe erledigen wollte, bat sie den Kindsvater, der sich angeblich zufällig in der Wohnung befand, auf das Kind aufzupassen. Das erste Treffen zwischen Vater und Tochter verlief tödlich. Markert soll dem Baby Schwefelsäure eingeflößt haben, jedenfalls wurde die stark ätzende Verbindung später im Körper des Kindes festgestellt. Das Mädchen starb einen grausamen Tod, heißt es in den Gerichtsakten des Chemnitzer Staatsarchivs.

Zunächst erklärte Markert demnach den Zustand des Kindes mit Blähungen, während er mit einem Handtuch immer wieder Schaum vom Mund des Babys wischte. Den Arzt soll er erst gerufen haben, als für das Kind keine Überlebenschance mehr bestand. Der Mediziner schöpfte Verdacht und informierte die Kriminalpolizei in Zwickau. Tags darauf wurde Lothar Markert wegen Mordverdachts verhaftet. "Nur der Herr Markert hatte die Gelegenheit, dem Kind die tödliche Schwefelsäure zu verabreichen", fasste Kriminalinspektor Horst Kaufmann gegenüber dem Staatsanwalt seine Ermittlungsergebnisse zusammen. Der Beschuldigte bestritt hingegen vehement, sein eigenes Kind getötet zu haben. Dennoch erhob der Staatsanwalt Anklage.

Der in Fraureuth geborene Angeklagte wurde am 22. Juli 1929 vom Schwurgericht am Landgericht Zwickau wegen Mordes zum Tode verurteilt. Wie bereits bei der Polizei bestritt Markert auch auf der Anklagebank, seine Tochter umgebracht zu haben. Das Gericht stützte sich dabei vor allem auf die Aussagen von Martha Franke sowie einer Freundin der Familie, die zur Tatzeit zu Besuch gewesen war. Auch die Gutachten der Sachverständigen belasteten den Angeklagten. "Trotz seines Leugnens sieht es das Gericht als gesichert an, dass der Angeklagte das Kind durch das Einflößen von Schwefelsäure und mit Überlegung getötet hat", sagte der Vorsitzende Richter, Landgerichtsrat Johannes Just in seiner Urteilsbegründung.

Doch Markert gab nicht auf. Er strengte umgehend eine Revision an. Am 8. Dezember 1929 fand er in Dresden milde Richter, die ihm die Todesstrafe ersparten und das Urteil in 15 Jahre Haft umwandelten. Auch dort waren die Richter jedoch von seiner Schuld überzeugt und glaubten den Beteuerungen Markerts nicht, kein Mörder zu sein.

Doch auch damit wollte sich der Angeklagte nicht zufriedengeben und blieb weiterhin dabei, unschuldig zu sein. Im Jahr 1934 gelang es ihm, ein Wiederaufnahmeverfahren durchzusetzen. Mit welcher Begründung geht aus den im Staatsarchiv Chemnitz erhaltenen Unterlagen nicht hervor. Am Landgericht Zwickau wurde der Fall ab dem 3. September 1936 neu verhandelt. Alle Zeugen wurden erneut geladen. Am 4. September 1936 kam das Gericht dann zu einem völlig anderen Urteil als die beiden vorherigen Instanzen: Lothar Markert wurde freigesprochen. Den Richtern fehlten die endgültigen Beweise, die den Angeklagten der Tat überführten. Der Mann war zur Tatzeit mit dem Kind allein gewesen, also gab es für die Tat keine direkten Augenzeugen. Dass er Schwefelsäure besessen und mitgebracht hatte, war auch nicht beweisbar, so die Richter, weil die Giftflasche niemand gesehen hatte.

Allerdings wurde in der Urteilsbegründung auch deutlich, dass die Strafkammer Markert für den Täter hielt. Möglicherweise lag das auch daran, dass sich Zeugen nicht mehr an die inzwischen länger als sieben Jahre zurückliegende Tat erinnern konnten.

Lothar Markert verließ nach über sechs Jahren Haft den Gerichtssaal als freier Mann. Und strengte erneut die Justiz an, da er ja zu Unrecht im Gefängnis gesessen habe und eine Haftentschädigung haben wolle. Das Landgericht Zwickau und das Oberlandesgericht Dresden lehnten die Anträge ab. Auch der Reichsjustizminister wollte dem Mann keine Entschädigung zugestehen. "Der Herr Reichsminister hat sich nicht in der Lage gesehen, ihrem Klienten aus Billigkeitsgründen eine Entschädigung für die erlittene Untersuchungs- und Strafhaft aus der Reichskasse zu gewähren", hieß es in einem Schreiben an Markerts Anwalt. *Name geändert

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