Man muss nur ein feiner Kerl sein

Stadtrat senkt Hürdenhöhe für Bürgermeister-Bewerber auf Bodenniveau ab

Zwickau. Um sich auf die drei im Herbst frei werdenden Bürgermeisterstellen der Stadt Zwickau zu bewerben, reicht es praktisch aus, ein feiner Kerl zu sein. Mit den Stimmen von Linkspartei, AG Zwickau und Teilen der CDU hat der Stadtrat am Donnerstag einen entsprechenden Beschluss zur Ausschreibung der Beigeordnetenstellen gefasst. Den Nachweis von Fachqualifikationen wie Hochschulstudium oder Berufserfahrung sieht er nicht vor.

Die Beschlussempfehlung, die Hürde für Bewerber praktisch auf Bodenniveau abzusenken, war aus dem Haupt- und Verwaltungsausschuss gekommen. Der wandte sich damit gegen die Vorlage der Stadtverwaltung. In der ging man noch von "einer gefestigten Persönlichkeit mit einem hohen Maß an Sachkenntnis, Lebenserfahrung und überdurchschnittlichem Engagement sowie Hochschulabschluss in sachlicher Beziehungsnähe zu den Aufgaben des Geschäftskreises" als Idealkandidaten aus. Bewerber fürs Finanzdezernat sollten zudem eine abgeschlossene wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung oder Laufbahnbefähigung für den gehobenen oder höheren nichttechnischen Verwaltungsdienst und mindestens drei Jahre Berufserfahrung im Finanz- und Haushaltswesen mitbringen.


In der verabschiedeten Vorlage sind als Forderungen nur das hohe Maß an Sachkenntnis, Lebenserfahrung und überdurchschnittliches Engagement übrig geblieben. Nicht mal gefestigt muss die Bewerberpersönlichkeit mehr sein: Ein Luftikus tut's auch, ersatzweise ein Hallodri.

Auf die Absurdität der Vorlage wiesen in der Debatte einige Stadträte hin. So Thomas Gerisch (CDU), der betonte, es werde nun möglich, dass ein Amtsleiter höher qualifiziert sein muss, als der Bürgermeister, der ihn und seine Arbeit kontrolliert: "Dann können Amtsleiter machen, was sie wollen!", so sein Fazit.

Jens Heinzig (SPD) wetterte, nach dieser Ausschreibung brauche man "nicht mal einen Schulabschluss. So wird Zwickau nicht erstklassig", spielte er auf die OB-Wahl-Kampagne von AGZ-Mann Sven Fischer an.

Hinter vorgehaltener Hand wird spekuliert, dass die Bewerbungskriterien auf Aspiranten aus den Reihen des Stadtrates zugeschnitten worden sind. So werden Sven Fischer Ambitionen auf den Posten des Finanzdezernenten nachgesagt, sollte es denn nicht zum OB-Amt reichen. Die CDU will angeblich ihren Stadtchef Rainer Dietrich ins neue Dezernat 2 (Wirtschaft, Bildung, Ordnung) hieven, Links- fraktionschef Bernd Meyer ist als künftiger Chef des Baudezernats im Gespräch. Namen, heißt es gleichwohl aus Insider-Kreisen, stünden noch nicht fest, wohl aber habe es Absprachen über die Aufteilung der Ressorts unter den Fraktionen gegeben. Offen redet darüber keiner.

Um so unverblümter brachte am Freitag Oberbürgermeister Dietmar Vettermann (parteilos) seinen Unmut über das Stadtratsvotum zum Ausdruck. Das, sagte er, sei "unterste Schublade". Wie es ihm der grüne Stadtrat Wolfgang Rau im Plenum empfahl, trägt er sich mit dem Gedanken, von seinem Vetorecht Gebrauch zu machen. Zeit dazu hat er bis Donnerstag. (mit ros)

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