Musik als Therapie: Keimzeit-Frontmann Norbert Leisegang im Interview

Seit der Wende hat die Gruppe Keimzeit mehr als 20 Alben veröffentlicht - ob man sich so viel Liedtext überhaupt merken kann, wie politisch die Gruppe ist und wie sich Sänger Norbert Leisegang auf einer anstrengenden Tournee entspannt, hat er der "Freien Presse" erzählt.

Die Gruppe Keimzeit, die derzeit mit ihrem aktuellen Album "Das Schloss" durch die Republik tourt, ist am 8. November um 20 Uhr im "Alten Gasometer" in Zwickau zu erleben. Thomas Croy hat sich mit Frontmann Norbert Leisegang (59) unterhalten.

Die ersten Alben von Keimzeit "Irrenhaus", "Kapitel Elf" und "Bunte Scherben" habe ich auf oft auf Kassette gehört. Die neue Platte scheint musikalisch zu jenen Wurzeln zurückzukehren. Täuscht der Eindruck?

Norbert Leisegang: Ich überlasse das dem Hörer. Was mir mit Alben so machen, das ist ja immer ein Angebot. Und ich finde es natürlich immer toll, wenn ein Album, das wir veröffentlichen, auf Resonanz stößt. Aber grundsätzlich hat ja jeder seine eigene Sicht darauf, eigene Empfindungen dabei, und das ist das eigentlich Wichtige. Wenn wir ein Album aufgenommen haben, wie "Das Schloss" jetzt, ist das ein Angebot unsererseits, und dann kann der Hörer seine eigene Welt dazu stricken. So, finde ich, ist ja die Kunst generell gedacht, und auch die Keimzeit-Songs reihen sich da ein.

"Das Schloss" ist ja nicht nur das besungene Fantasieschloss aus Papier, sondern es soll wohl auch ein bisschen mit jenes Schloss abbilden, in dem Sie zur Schule gegangen sind. Ist das richtig?

Das ist richtig. Ich habe meine ersten Schuljahre in einer Polytechnischen Oberschule in Fredersdorf, sieben Kilometer von Belzig entfernt, in einem Gutsschloss verbracht. Die Songs haben zum Teil eine Retrospektive, dass ich mich zum einen an das Schloss meiner Schulzeit erinnere und zum anderen auch an das Verhalten meinerseits, als ich als Kleinkind Geschenke, die möglicherweise sehr filigran waren, immer zerdemmelt hatte. Als Kleinkind will man das Spielzeug ja alles prüfen und in den Mund stecken. Da kam mir so die Idee, wo ich jetzt hin und wieder Kinder sehe, die das Gleiche tun und die Eltern einfach zuschauen müssen - das fand ich immer schon sehr eigenartig. Das habe ich dann in dem Song "Das Schloss" verarbeitet. Oder eben auch "Action-Kalle", das ist eine Art Erinnerung an Mitschüler, die einem nicht sehr helle oder sehr speziell erscheinen, und später, wenn man ihnen nach Jahrzehnten bei einem Klassentreffen begegnet, kann es sein, dass genau jene eine unglaubliche Karriere hingelegt haben und zur Wissenschaftselite gehören wie in diesem Falle "Action-Kalle".

Was mich am neuen Album besonders angesprochen hat, ist "Der fliegende Teppich" - das erscheint wie eine Art Parabel für eingefahrene Beziehungen, die dann irgendwie auseinandergehen. Steckt da auch Autobiographisches drin?

Da haben wir's wieder. Du machst Dir da Gedanken, dass eine Beziehung auseinanderbrechen kann. Mir geht es dabei eher um Beziehungen zwischen Menschen. Wir sind ko-abhängig in vielerlei Hinsicht, auf der Arbeit, in der Familie, in der Beziehung. Und wir wollen mitunter diese Ko-Abhängigkeit, die doch ganz konstruktiv ist wie beim Teppich und dem Boden, nicht wirklich wahrhaben. Wir wollen auseinanderdriften. Insofern merke ich, dass wir oftmals einem Irrtum aufsitzen, denn man ist oft so wie Teppich und Boden zeitlebens miteinander verhaftet und kann sich da nicht einfach davonmachen. Allerdings - in der Kunst kann man das doch. Wenn es dem Teppich gelingt zu fliegen. Und der Boden ist verwundert.

Keimzeit steht für sehr poetische Texte, die einem zum Nachdenken anregen. Sind die Worte bewusst so gewählt, dass sie eine breite Fläche zur Projektion bieten?

Das ist ja die Fläche der Poesie. Grundsätzlich bin ich ja auch sehr poesiebegeistert. Mich sprechen Gedichte sehr an, auch Poesie in Essays und Romanen. Ich greife das eigentlich nur auf und versuche es weiterzuvermitteln. Das ist der Vorteil der schönen Künste, dass wir nicht alles beim Namen nennen und uns einengen müssen, sondern dass wir uns poetisch ausdrücken und und freuen, wenn es Leute gibt, die sagen: Ich sehe darin was, was möglicherweise der Autor gar nicht im Sinn hatte.

Ich habe vor geraumer Zeit gelesen, dass Sie Musik auch als Eigentherapie betrachten. Können Sie das mal erklären?

Das ist eigentlich ganz einfach. Ich trage auch in mir eine ganze Reihe von Defiziten. Künstler wollen ja geliebt werden, Applaus bekommen. Da setzen wir uns hin, um gute Songs zu schreiben, dann kommen wir in Proberäumen zusammen, um eine tolle Musik dazu zu schneidern, dann gehen wir ins Studio und arbeiten und ordentlich ab, um am Ende auf die Bühne zu treten und das zu zeigen. Das ist nicht nur den Musikern anheim, sondern insgesamt den Menschen: Er will geliebt werden. Er will etwas tun und Applaus dafür bekommen. Da ordne ich mich gern ein. Das ist am Ende therapeutisch gesehen ganz konstruktiv, dass man sich durch die Arbeit ständig selbst therapiert und am Leben hält.

Wobei es ja auch für die Zuschauer eine Therapie ist, in gewisser Weise ...

Ja. Das ist bilateral oder sogar multilateral. Ich ernähre mich ja auch von Filmen, Romanen und Theaterstücken. Die Autobahnen sind ja zumindest in der Unterhaltungsmusik längst gebaut durch Wegbereiter wie Chuck Berry oder Jimi Hendrix. Wir bewegen uns ja nur auf diesen Autobahnen und versuchen, den Zeitgeist hinzuzufügen. Das ist eine feine Sache. Das kann man solange machen, solange man am Leben ist. Und man ist nie austherapiert.

Bei der "Freien Presse" haben wir zurzeit eine Serie zur Wende. Können Sie sich noch erinnern, wo Sie waren, als die Mauer geöffnet worden ist?

Natürlich. Ich war gerade in Berlin-Adlershof zu einem Videodreh. Da wurde zu dem Song "Flugzeuge ohne Räder" aus dem Album "Irrenhaus" ein Video gedreht. Ich weiß noch, wie die Depesche reinkam, die haben an der Bornholmer Brücke den Grenzübergang nach Westberlin aufgemacht. Hahaha! Da haben erstmal alle gelacht. Als der Dreh durch war, haben sich gegen Mitternacht doch noch einige auf den Weg gemacht und wollten sich davon selbst überzeugen. Ich war so platt und hab mich einfach hingelegt. Am nächsten Morgen habe ich erfahren, dass es kein Witz war, sondern Realität. Da habe ich mich gefreut.

30 Jahre später haben viele im Osten die Erfahrung gemacht, dass manches, was da geglitzert hat, doch bloß "Bunte Scherben" waren, und nicht immer unbedingt die "Schlauen ins Parlament" gelangt sind. Auch in der heutigen Zeit mangelt es nicht an "Hofnarren". In den erwähnten Keimzeit-Texten habe ich oft gesellschaftskritische Andeutungen gespürt, die bis heute nichts an Aktualität eingebüßt haben. Interpretiere ich da zu viel rein?

Grundsätzlich bezeichne ich mich als einen sehr unpolitischen Menschen. Ich finde, es gibt nur wenige Künstler, die politisch wirklich was zu sagen haben. Dazu gehöre ich nun mal nicht. Allerdings ist es so, dass ich mich auch nicht beschränke, was die Themen in den Songs anbetrifft. Wenn mir so ein Thema wie damals des "Hofnarren" in den Sinn kommt, dann schreibe ich dazu was. Dann setze ich keine Bremse ein. Grundsätzlich sehe ich Keimzeit mehr im Unterhaltungsbereich, im Pop-Bereich. Nicht jeder interessiert sich für Politik und will von einer Band nicht unbedingt politische Themen um die Ohren gehauen bekommen. Letztendlich finde ich, dass die Pop- und Rock'n'Roll-Musik nicht dazu verdonnert ist, Gesellschaftskritik zu üben. Es ist nicht verboten, aber es nicht die Hauptaufgabe.

Keimzeit hat seit Wende mehr als 20 Alben herausgebracht. Da kommen sehr viele Lieder zusammen. Kann man sich eigentlich alle Texte merken?

Um Gottes Willen nein. Die Texte, die wir aktuell spielen, muss ich mir natürlich einprägen. Das sind ungefähr um die 30. Die kann ich dann auch abrufen - mit kleinen Hackern, die während des Konzerts schon mal passieren, inklusive. Bei einem Titel, den ich lange nicht gesungen habe, muss ich mich wieder neu einfädeln. So groß ist mein Speicherplatz nun wirklich nicht.

Wie reagiert man in dem Fall bei Titelwünschen aus dem Publikum?

Die Band muss es schnell können. Aus dem Publikum kommen sehr wohl Tipps und Vorschläge. Nach dem Konzert haben wir meist noch eine Autogrammstunde. Da höre ich natürlich: Spielt man dieses und jenes wieder. Und wenn uns das sinnvoll und griffig erscheint, es einzubauen ins Programm, dann machen wir das. Für Anregungen bin ich also sehr dankbar.

Ich habe Keimzeit das erste Mal erlebt im Gasthof "Zum Löwen" Ebersbrunn. Einige Male waren Sie ja auch in Zwickau selbst, sozusagen Wiederholungstäter in Westsachsen. Haben Sie gute Erinnerungen an die Auftritte in dieser Region?

Aber natürlich. Wir machen das ja seit den 80ern. Im "Löwen" haben wir Mitte oder Ende der 80er zu spielen begonnen. Das ist ja eine ausgesprochene Band-Gaststätte gewesen. Mehrfach waren wir in den letzten Jahren im Gasometer. Ich fühle mich da heimisch, weil eine ganze Reihe von Leuten, die den Weg mit uns gegangen sind, tauchen immer wieder auf. Eltern bringen ihre Kinder mit. Insofern wird es generationsübergreifend so ein Familiending, worüber ich mich natürlich freue. Unsere Musik ist ja dazu da, um zu verbinden.

Für die jüngeren Besucher dürften die alten Hits sogar neu sein. Dürfen sich die älteren Fans neben dem Songs vom aktuellen Album auch auf Titel wie "Kling-Klang" oder "Irrenhaus" freuen?

Das ist in der Tat so wie Du sagst. Manche sind gerade erst mit den Nuller-Jahren eingestiegen und haben unsere erste Alben gar nicht gehört oder nur mal peripher. Andere wieder sind in den 90ern dazugekommen. Jeder hat so seinen eigenen Zugang, und jeder hat seine Wünsche. Wir spielen deshalb quer durchs Oeuvre. Das aktuelle Album steht natürlich im Mittelpunkt. Dazu gibt es ein paar Geschichten, die ich erzähle, sodass es ein Programm von rund zwei Stunden ergibt.

Zwickau ist die Geburtsstadt von Robert Schumann. Wir ist Ihr Verhältnis zur klassischen Musik?

Das ist wirklich der Geburtsort von Herrn Schumann? Wow! Das wusste ich jetzt nicht. Danke für die Information. Schumann ist einer der großen Klassiker. Ihn mag ich sehr. Über die Frage ,Wie stehst Du zur Klassik?‘ könnte ich eine ganze Stunde reden. Die Klassik, speziell auch Schumann, hat eine ganze Menge getan für Zeitgenossen, die heute Musik machen. Wenn man sich als Musiker dafür interessiert, wie kam es denn dazu, dass wir eine wohltemperierte Stimmung haben, oder wie musikalische Pattern sich entwickelt haben - dann wird man bei Robert Schumann schon fündig. Man kann nur dankbar sein, dass die Herren und Damen damals zu jener Zeit schon eine ganze Menge für uns erfunden haben.

Für welche moderne Musik begeistert sich Norbert Leisegang?

Aktuell finde ich das Album von Billie Eilish sehr interessant. Deutsche Popmusik ist seit zehn, 15 Jahren für mich sehr innovativ. Da gibt es zum Beispiel Gisbert zu Knyphausen, der seit Jahren tolle Musik macht, Niels Frevert, Felix Kummer, der Sänger von Kraftklub, hat gerade ein Album veröffentlicht, Sängerin Dota aus Berlin oder auch Sophie Hunger, das ist musikalisch wie textlich alles sehr ansprechend.

Was war das letzte Konzert, das Sie besucht haben?

Das war ein klassisches Konzert in der Berliner Philharmonie. Da habe ich Anne-Sophie Mutter spielen hören. Die hat mit der Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim moderne Stücke gespielt. Darüber hinaus gibt es in Berlin und Potsdam tolle Clubs wie das Astra oder den Postbahnhof, wo immer wieder interessante Bands oder Künstler spielen. Zum Beispiel fand ich sehr interessant die deutsche Band Get well soon, von ihrem letzten Album "The Horror" war ich begeistert.

Mit Fußball haben Sie wohl nicht so viel im Hut?

Wenig. Da würde ich mich jetzt zu weit aus dem Fenster lehnen, um irgendetwas Sinnvolles sagen zu können.

Als Potsdamer waren Sie wirklich noch nicht im "Karli" (Karl-Liebknecht-Stadion)?

Leider noch nicht. Das wurde mir schon ein paar Mal angeboten, aber ich habe noch nicht so viel Motivation verspürt, um da mal hinzugehen. Ich bin aber nicht abgeneigt.

Abschließende Frage: Wie entspannen Sie sich während einer so anstrengenden Tournee?

Wir haben in der Band immer einen Volleyball oder eine Frisbee-Scheibe dabei, sodass wir uns bei einem Halt immer mal die Beine vertreten und in Bewegung bleiben können. Manchmal auch nur, um Überbrückungszeit totzuschlagen. Natürlich lese ich, und ein Schlümmerchen tut auch viel Gutes.

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