Die Ukraine als zweites Finnland?

Auch nach dem Besuch des ukrainischen Ministerpräsidenten Arseni Jazenjuk in Berlin ist eine Lösung der Ukraine-Krise nicht in Sicht. Die Diplomatie sucht weiter einen Ausweg. Der Osteuropa-Experte Jörg Baberowski bietet Lösungen an.

Chemnitz.

Das geplante Gipfeltreffen zum Konflikt in der Ukraine in der nächsten Woche steht auf der Kippe. Offenbar haben die streitenden Parteien Zweifel, was die Erfolgsaussichten eines solchen Treffens angeht.

Doch Verhandlungen sind notwendiger denn je, und zwar ohne Vorbedingungen, meint der Osteuropa- und Russlandexperte Jörg Baberowski, der Donnerstagabend auf Einladung der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung zu Gast an der TU Chemnitz war. "Es müssen endlich alle Punkte auf den Tisch gelegt werden. Die Gespräche sollten unter Ausschluss der USA stattfinden, weil die Amerikaner nur strategisches Interesse in der Region haben. Und dann müssen die verschiedenen Möglichkeiten der Reihe nach abgeklopft werden: Kulturautonomie für die Ukraine, Föderalisierung oder auch Finnlandisierung. Warum sollte nicht eine dieser Möglichkeiten umgesetzt werden? Eines muss dem Westen klar sein: Keine russische Regierung gleich welcher Coleur wird einem Verlust der Ukraine jemals zustimmen."

Baberowski favorisiert eine Art Finnlandisierung der Ukraine, die formell oder eher informell anerkennt, dass Ukraine und Russland geschichtlich, wirtschaftlich, moralisch eine Sonderbeziehung haben.

Der Begriff stammt aus den 1960er-Jahren und weist auf die besondere politische Lage Finnlands nach dem Zweiten Weltkrieg hin. Aufgrund eines 1948 geschlossenen Freundschafts- und Beistandsvertrages war Finnland gezwungen, sich stark an den Interessen der UdSSR zu orientieren. Es ging mit Moskau ein ungeschriebenes Arrangement ein, das der einstigen autonomen russischen Provinz militärische Neutralität auferlegte. Der gesellschaftlichen Ausrichtung Finnlands nach Westen und dem späteren Eintritt in die Europäische Union tat dies keinen Abbruch.

Nach Meinung Baberowskis wäre aber auch ein ukrainischer Nationalstaat denkbar, der den Regionen weitreichende Autonomie gewährt - wie sie etwa Italien mit großem Erfolg Südtirol eingeräumt hat. "Bislang ist die Kiewer Regierung aber strikt gegen eine Föderalisierung des Landes. Es könnte den Konflikt aber entschärfen, wenn die föderalen Strukturen auch effektiv von einer neutralen Instanz überwacht werden. Das ist wichtig, um nach einem solchen Krieg wie im Osten des Landes wieder Vertrauen aufzubauen", so Baberowski. Eine Teilung der Ukraine hält er indes für unwahrscheinlich, auch weil Wladimir Putin kein Interesse mehr daran habe.

In dem Konflikt hätten beide Seiten bislang entscheidende Fehler gemacht, die zu Eskalation geführt hätten. "Wer wie Moskau mit dem Säbel rasselt, Panzer auffahren lässt und den Hitler-Stalin-Pakt von 1939 als Drohkulisse aufbaut, der darf sich nicht wundern, wenn ihn keiner mag. Russland hat nicht verstanden, dass das Auftreten als Großmacht mit territorialen Ansprüchen auf dem Gebiet der untergegangenen Sowjetunion den anderen, vor allem den Nachbarstaaten, Angst macht." Das Verhältnis zwischen Europa und Russland ist auf Jahre hinaus zerrüttet, befürchtet der Historiker. Das liegt seiner Meinung nach auch daran, dass der Westen nicht anerkennen will, was das verloren gegangene Imperium des Sowjetreiches für die Eliten und die Mehrheit der Russen bedeutet. Er kritisiert das Verhalten als unsensibel und fordert ein "Begreifen der postimperialen Phantomschmerzen Russlands". Viele Russen empfanden den Zerfall des Sowjetimperiums, die nachfolgende Jelzin-Zeit sowie die Geringschätzung des Westens als Katastrophe. "Nur im Geiste dieser tiefen Demütigung sind die derzeitige Popularität Putins in Russland und dessen Politik nach außen hin zu verstehen", so Baberowski.

In seinem Vortrag betonte er die historischen Unterschiede von Ost- und Westukraine. Die Ukraine sei kein einheitlicher Nationalstaat, und die Krim habe immer eine Sonderrolle gespielt. Für die Russen sei die Ukraine der mythische Geburtsort ihres Landes. Baberowski: "Die Ukraine ist 1991 unabhängig geworden, bevor sie zu einer Nation wurde. Man könnte sagen, sie ist bis heute eigentlich keine Nation, sondern ein Zwittergebilde."

Zur Person

Der Historiker Jörg Baberowski, 1961am Bodensee geboren, ist Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität in Berlin. Der Russland-Experte erhielt 2012 für sein Buch "Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt" den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie "Sachbuch/Essayistik". (slo)

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