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In der Kölner Innenstadt bittet eine alte Frau um Almosen: Über das Ausmaß der Altersarmut wird derzeit gestritten.

Foto: Federico Gambarini Bild 1 / 9

Fast jeder Fünfte von Armut oder Ausgrenzung bedroht

Im Europa-Vergleich liegt Deutschland zwar unter dem Schnitt. Trotzdem sind rund 16 Millionen Menschen hierzulande von Armut und Ausgrenzung bedroht. Sozialverbände nehmen die künftige Bundesregierung in die Pflicht.

Von Stephan Köhnlein, dpa
erschienen am 08.11.2017

Wiesbaden (dpa) - Trotz sprudelnder Steuereinnahmen und niedriger Arbeitslosenzahlen sind in Deutschland knapp 20 Prozent der Bevölkerung von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Das entspricht etwa 16 Millionen Menschen, wie das Statistische Bundesamt mitteilte.

In allen Altersgruppen ist das Risiko für Frauen höher als für Männer, am größten ist die Kluft bei Menschen ab 65 Jahren.

Die Zahlen für das Jahr 2016 stammen aus der Erhebung «Leben in Europa (EU-SILC)». Exakt beträgt der Anteil 19,7 Prozent der Bevölkerung in Deutschland. Europaweit liegt der Schnitt bei 23,5 Prozent.

Eine Person gilt als von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, wenn mindestens eine der folgenden drei Lebenssituationen zutrifft: Ihr Einkommen liegt unter der Armutsgefährdungsgrenze, ihr Haushalt ist von erheblicher materieller Entbehrung betroffen oder sie lebt in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung.

Noch enger ist die Definition der Armutsgefährdung: Als armutsgefährdet gilt ein Mensch, wenn er über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. 2016 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 1064 Euro, für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2234 Euro im Monat. Der Erhebung zufolge fallen 16,5 Prozent der Bevölkerung in diese Gruppe, also jeder Sechste in Deutschland.

3,7 Prozent waren von erheblicher materieller Entbehrung betroffen. Das bedeutet, dass ihre Lebensbedingungen aufgrund fehlender finanzieller Mitteln eingeschränkt waren. Sie waren zum Beispiel nicht in der Lage, ihre Miete zu bezahlen, ihre Wohnungen angemessen zu heizen oder eine einwöchige Urlaubsreise zu finanzieren.

9,6 Prozent der Bevölkerung unter 60 Jahren lebten in einem Haushalt mit sehr niedriger Erwerbsbeteiligung. Das umfasst Haushalte, in denen die Erwerbsbeteiligung der erwerbsfähigen Haushaltsmitglieder insgesamt weniger als 20 Prozent beträgt.

Im EU-Durchschnitt waren 17,3 Prozent der Bevölkerung von Armut bedroht und 7,5 Prozent von erheblicher materieller Entbehrung betroffen. 10,4 Prozent lebten in einem Haushalt mit sehr niedriger Erwerbsbeteiligung.

Der Sozialverband VdK nahm die Politik in die Pflicht. «Armut ist ein drängendes Problem in Deutschland und ein unhaltbarer Zustand, den die neue Bundesregierung schnell angehen muss», mahnte VdK-Präsidentin Ulrike Mascher. Wenn trotz der guten wirtschaftlichen Konjunktur 16 Millionen Menschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht seien, dürfe die Politik das Problem nicht länger kleinreden.

Linkspartei-Chefin Katja Kipping war den potenziellen Jamaika-Partnern vor, Kinder- und Altersarmut weiter zu ignorieren. Auch Erwerbslose, Beschäftigte mit Hungerlöhnen und Alleinerziehende hätten von einem Bündnis aus Union, FDP und Grünen nicht zu erwarten. «Auch auf einer tropischen Insel kann soziale Kälte herrschen», erklärte Kipping.

«Auch wenn diese relative Armutsgrenze im reichen Deutschland höher liegt als in Süd- oder Osteuropa, wissen wir aus vielen Untersuchungen, dass arme Menschen oft große Schwierigkeiten haben, am normalen gesellschaftlichen Leben teilzunehmen», erklärte Sozialexperte Eric Seils von der Hans-Böckler-Stiftung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln sieht vor allem Langzeitarbeitslosigkeit als ein Problem. «Die Politik sollte verstärkt in eine intensivere Betreuung von Langzeitarbeitslosen sowie in zusätzliche Weiterbildungsmaßnahmen und befristete Lohnsubventionen investieren», hieß es in einer Mitteilung.

Der Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt AWO, Wolfgang Stadler, forderte ein Ende von «Niedriglohnpolitik und einem Minijobsystem, das sich für immer mehr Menschen zur Armutsfalle entwickelt».

Der SoVD Sozialverband Deutschland verlangte mehr Investitionen für Chancengleichheit - etwa mit dem Ausbau von Kitas, Ganztagsschulen und dem Wohnungsbau. Nur so könne die Politik der rasanten Veränderung der Arbeitswelt begegnen, die sozialen Sprengstoff mit sich bringe, sagte SoVD-Präsident Adolf Bauer.

 
© Copyright dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH
 
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Kommentare
6
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 10.11.2017
    13:36 Uhr

    Interessierte: Armut ist ein Armutszeugnis für diesen Staat , deshalb spricht man davon nicht ...

    Sogar das AAmt hat heute auf 19 Mlld. Gewinn verwiesen , was eigentlich den H4-Beziehern zukommen sollte , damit die auch die letzten 10 Tage im Monat noch etwas zum Essen haben , denn momentan reicht das nur bis zum 20. des Monats , wie schon oft gesagt wurde .
    Die Rechnung hatten wir doch schon mal :
    400 - 100 Strom etc. = 300 für 20 Tage , da fehlen mindestens 150 Euro im Monat

    Und unter den wohl 12 Punkten zu Jamaika hat man von Armut noch nichts gehört ...
    Da kann ich der Katja Kipping nur Recht geben ...
    «Auch auf einer tropischen Insel kann soziale Kälte herrschen»

    Wie wahr ?????????
    Und vor allem sehr beschämend ggü. den (ehemals) eigenen Brüdern+Schwestern , aber damals war man noch ganz weit weg und es betraf einen nicht selbst , heute muß man was abgeben , da sieht das schon wieder ganz anders aus ...

    0 0
     
  • 09.11.2017
    19:17 Uhr

    Nixnuzz: In der sz steht: "...Die einen weisen die Flüchtlinge ab, die anderen holen sie trickreich ins Land. Die einen sagen: Unsere Gesellschaft kann sich diese Menschen nicht leisten. Die anderen sagen: Wir nehmen sie gern, und noch lieber nehmen wir ihr Geld.
    Die einen: Das sind Länder wie Ungarn und Polen, die es ablehnen, Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien oder Bootsflüchtlinge aus dem Mittelmeer aufzunehmen - obwohl die EU-Staaten das beschlossen haben.
    Die anderen: Das sind Länder wie die Niederlande, Irland oder Luxemburg, die mit teils aberwitzigen Gesetzen Steuerflüchtlinge anlocken - obwohl sie damit anderen EU-Staaten viele Milliarden an Einnahmen entziehen...Sondern es sind weit mehr EU-Staaten, allen voran Malta, Großbritannien und die Niederlande, die dieses Spiel betreiben - ein Spiel, bei dem anderen EU-Staaten Geld entzogen wird, das diese dringend bräuchten, um Schulen und Kindergärten, Gesundheitsfürsorge und Renten zu bezahlen.
    Ein Spiel, das meist im Verborgenen stattfindet...Solch ein Vorgehen widerspricht dem Prinzip der Solidarität ebenso wie dem europäischen Sozialstaatsgedanken.
    Es wäre in der EU an der Zeit für einen Steuerflüchtlingsgipfel.
    Man nehme nur die Niederlande: Dort können ausländische Konzerne mehrere inländische Firmen so kunstvoll miteinander verweben, dass am Ende bestenfalls gar keine Steuern anfallen. "
    (9. November 2017, 15:59 Uhr Paradise Papers: Der eigentliche Steuer-Skandal spielt in Europa )

    Ich weiß zwar nicht , wieviel Euros hier Richtung Rheinmündung nach Westen abfließen, aber über die Maut kriegen wir das wohl von den Wohnwagen- und LKW-Frachten nicht zurück...Auf wen soll man jetzt seinen Frust lenken: Unsere Gewählten oder unsere Nachbarn?..

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  • 08.11.2017
    19:26 Uhr

    Nixnuzz: ..aber die Meck-Pommerer sind stink-sauer. Kam im öff-rechtlichen ZDF.

    0 4
     
  • 08.11.2017
    19:04 Uhr

    BlackSheep: Vor kurzem stand doch ein Bericht in der FP, das in Sachsen die wenigsten Betriebe nach Tarif bezahlen, könnte vielleicht damit was zu tun haben Freigeist14.

    0 7
     
  • 08.11.2017
    13:21 Uhr

    Zeitungss: @Freigeist: Ich würde sagen, es kommt darauf an, wem man diese Frage stellt. Im KDW wird die Antwort sicherlich anders ausfallen als in einem Problembezirk.

    0 6
     
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