Gewagte Messung des Gemeinsinns

Eine gestern veröffentlichte Studie besagt, dass die Deutschen im Osten weniger zusammenhalten als im Westen. Wie kommt man zu so einem Befund?

Chemnitz.

Zusammenhalt ist ein großes Wort. Kann man einen so emotional belegten Begriff überhaupt messen? Die Bertelsmann-Stiftung hat gestern die Studie "Radar Gesellschaftlicher Zusammenhalt" veröffentlicht, in der Wissenschaftler der privaten Jacobs-Universität in Bremen genau das versuchen. Sie bewerten - aufgeschlüsselt nach Bundesländern - die sozialen Beziehungen zu anderen Menschen, die emotionale Verbundenheit mit dem Gemeinwesen und die Orientierung am Gemeinwohl anhand von 31 Indikatoren. Dazu zählen etwa Spendenbereitschaft, ehrenamtliches Engagement, aber auch politisches Interesse und das Verhältnis zu Ausländern. Der Gemeinsinn, so das Ergebnis, sei seit der Wiedervereinigung überall gewachsen.

Die Autoren der Studie merken mehrfach an, dass die Ergebnisse vorsichtig interpretiert werden sollten. Denn: Was genau unter Zusammenhalt zu verstehen ist, sei Auslegungssache. "Bei Zusammenhalt handelt es sich nicht um einen dinglichen Zustand, der sich unmittelbar messen ließe wie die menschliche Körpertemperatur", schreiben sie.

Liest man die Mitteilung, die die Bertelsmann-Stiftung gestern herausgab und auf Basis derer landesweit alle großen Medien berichten, fällt ihre Interpretation des Ergebnisses allerdings wenig vorsichtig aus: "Weniger Zusammenhalt in den ostdeutschen Bundesländern", lautet der Titel der Mitteilung. Die neuen Bundesländer kämen allesamt auf die letzten Plätze. Auch Sachsen. Schlechter als der Freistaat schneiden nur Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt ab. Mitautor Kai Unzicker räumt ein: "Die Überschrift ist auf die Spitze getrieben. Schauen wir im Einzelnen, haben die ostdeutschen Bundesländer auch ihre Stärken." So seien Solidarität und das Verhältnis zum Gemeinwesen in Sachsen besonders ausgeprägt.

Die Vorgehensweise, Länder auf Basis eher grober Indikatoren zu vergleichen, ist in den Sozialwissenschaften umstritten. "Das spaltet Theoretiker in zwei Lager", sagt Michael Hoelscher, Vertretungsprofessor für empirische Sozialforschung an der Technischen Universität Chemnitz. Seiner Ansicht nach könne man das zwar machen, müsse bei der Interpretation aber sensibel vorgehen. "Auf der Bertelsmann-Website wird dagegen verstoßen, etwa, wenn statt von Tendenz von einem deutlichen Trend gesprochen wird."

Die Ergebnisse der Bertelsmann-Studie, die einen Zeitraum von 25 Jahren abbildet, basieren nicht auf selbst erhobenen Daten und Umfragewerten. Die Autoren stützten sich auf insgesamt acht Fremddatensätze, die ursprünglich nicht dazu gedacht waren, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu messen. Ein Nachteil: Wenn ein Zusammenhalts-Faktor, der noch in den 90er-Jahren mit ausgewertet wurde, in späteren Datensätzen nicht mehr zu finden war, ließ man ihn einfach weg. Ausgerechnet zwei Punkte, in denen Sachsen in den letzten drei Umfragezeiträumen besonders stark war, fielen deshalb raus: Zum einen war das die Wichtigkeit von Freunden und Bekannten. Und wie stark sich die Sachsen mit ihrem Bundesland verbunden fühlen - 2004 und 2008 waren das mit 70 Prozent deutlich mehr als der Bundesdurchschnitt von 64 Prozent.

Das "Radar Gesellschaftlicher Zusammenhalt" widmet sich auch dem internationalen Vergleich. Das relativ geringe Vertrauen in Mitmenschen, das die Forscher den Ostdeutschen attestieren, zeige Parallelen zu anderen ehemals sozialistischen Staaten. "Das ist typisch für Länder, in denen zuvor eher Kontrolle das gesellschaftliche Klima bestimmt hatte", schreibt die Bertelsmann-Stiftung.

Sozialwissenschaftler Michael Hoelscher meint dazu: "Bei diesen internationalen Studien ist die Messung relativ schwach, oft gibt es nur zwei Antwortmöglichkeiten: ja oder nein." Häufig werde auch nicht berücksichtigt, dass es in unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Definitionen etwa von Vertrauen gebe. Hoelscher bezweifelt, dass die Sozialismus-These der Bremer Forscher gut durchgetestet ist. "Hier wird nahegelegt, dass der real existierende Sozialismus Vertrauen zerstört hat."

Gar nicht mit einbezogen hat die Studie den Zusammenhalt zwischen Familien und über Generationen hinweg. Diesem Thema widmet sich die Forschungsgruppe des Beziehungs- und Familienpanels, an dem auch Sozialwissenschaftler der TU Chemnitz beteiligt sind. Hier kommt Ostdeutschland besser weg: Die Verbundenheit zwischen den erwachsenen Kindern und ihren Eltern ist bei in Westdeutschland Geborenen über die Zeit leicht geringer als bei gleichaltrigen Ostdeutschen. "Dies wird damit begründet, dass es in Ostdeutschland aufgrund historischer Gegebenheiten eine stärkere Familienbindung gibt", sagt Veronika Salzburger, ehemalige Mitarbeiterin am TU-Institut für Soziologie. Kontakt und Hilfe zwischen den Generationen seien in alten und neuen Bundesländern aber ähnlich.

Die wichtigsten Ergebnisse

Laut der Studie "Radar Gesellschaftlicher Zusammenhalt" halten Menschen in Deutschland seit 1990 stärker zusammen als je zuvor - allerdings sei dies im Osten weniger ausgeprägt. Die fünf Ost-Länder belegen die letzten Plätze. Sachsen nimmt den 13. Rang im Ländervergleich ein.

Fest gemacht wurde der Gemeinsinn etwa an politischem Interesse, Vertrauen in Mitmenschen oder auch der Toleranz gegenüber unterschiedlichen sexuellen Orientierungen. Nach Ansicht der Forscher ist der Zusammenhalt stärker ausgeprägt in Regionen, denen es wirtschaftlich gut geht, die ein geringes Armutsrisiko und eine jüngere Bevölkerung haben. (emst)

www.bertelsmann-stiftung.de

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9Kommentare
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    0
    aussaugerges
    16.05.2014

    Ich habe so viele verlogene westdeutsche Bertüger kennengelernt. 5 Romane reichen nicht!!!
    So ein Gesindel wie die uns grinsend abgezockt haben!
    Aber nun ist die UA dran.

    Banken sind die Oberbetrüger. Aber gerettet
    Für 100 Euro erschlagen die die eigene Mutter.
    ----------------Ja Geld und Kapitalismus-------------------
    Und Bertelsman ist der Heilsbringer. Pfui Teufel

  • 2
    0
    Pixelghost
    15.05.2014

    Und wenn man den Bumerang nicht richtig fangen kann, trifft er auch schon mal die Birne.

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    4
    Interessierte
    15.05.2014

    Der Bumerang ist eine traditionelle Wurfwaffe, in der Neuzeit vor allem ein Sportgerät. Bumerangs können aus Holz, Knochen, Metall oder Kunststoffen gefertigt sein.
    Während Sportbumerangs bei korrektem Wurf zum Werfer zurückkehren, war dies beim traditionellen australischen Wurfholz („Kylie“) dagegen nicht zwingend der Fall.
    Der Vorteil des Kylie besteht darin , dass er ´weiter, geradliniger und damit auch zielsicherer` fliegt als ein rückkehrender Bumerang ..........

  • 0
    0
    Pixelghost
    14.05.2014

    Die Ostdeutschen sind einmal verarscht worden, ausgehorcht und bespitzelt.
    Wer will es Ihnen verdenken, dass sie sich heute zurückziehen.

    Aus meinem Umfeld heraus bin ich ausgehorcht, bespitzelt, beleidigt und ausgenutzt worden.
    Das Ausnutzen und zeitgleiche Beleidigen habe ich nach der Wende dann wieder kennen gelernt. Mit mir nicht mehr, meine Tür ist zu.

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    3
    Interessierte
    14.05.2014

    Wahrscheinlich kommt das auch aus Amerika und bekanntlich kommt von dort nicht viel Gutes ...
    Soo hat jeder seine Arbeit ....;-)
    https://www.youtube.com/watch?v=amMDckSCVXc

  • 0
    3
    Interessierte
    14.05.2014

    Mich haut hier fast jeder Beitrag um !!! ;-)
    Ich habe schon immer die Zeitung gelesen , aber das letzte halbe Jahr hat alles übertroffen !!!
    Angefangen bei der Kindesentführung !!!

    Und was die Streikbrecher betrifft , da kam hier schon einmal ein Beitrag :
    www.ardmediathek.de/.../hilflos-leiharbeiter-als-streikbrecher-missbraucht?...

    Interessant sind auch die ´Geschlossenen Heime`....
    Und man ist auch noch überzeugt davon , dass das gut ist und bemängelt , dass es die im Osten nicht gibt!!!
    Und wenn es die im Osten auch oder überhaupt gäbe , dann wäre das sicherlich wieder nicht gut für unseren Ruf !!!

    Damals habe ich auch immer die Augen gerollt , wenn ´man` uns gewisse Sachen beibringen wollte , aber so langsam bestätigt sich das alles ( man muß immer erst seine eigenen Erfahrungen machen )

  • 2
    0
    Raimon
    14.05.2014

    Als ich diese Meldung zum ersten male hörte, hat es mich fast umgerissen. Da schreibt ein Experte für gesellschaftliche Entwicklung der Bertelsmann-Stiftung über den "Gemeinsinn" im Osten? Zieht seine Schlussfolgerung auch noch aus den unterschiedlichen Einkommensverhältnissen. Wo hat der Mensch bisher gelebt, auf einer Insel? Oder hat er überhaupt eine Vorstellung was der Osten unter Gemeinsinn verstehen könnte? "Vor 20 Jahren war der Zusammenhalt im Osten noch stärker als heute."
    Warum wohl hat sich dies nun geändert? Weil wir es von vom "Westen" übernommen haben.
    Vertrauen in Mitmenschen? Aus eigenem Erleben kenne ich da etwas anderes. Abgrenzung bist zum geht nicht mehr. Nichts sagen, nichts hören was meine Person betrifft, was kümmert mich fremdes Leid.

  • 1
    1
    aussaugerges
    14.05.2014

    Ja das ist alles gegen die Ossis.
    Die Blutsauger aus dem Westen sind alle Gauner.

  • 1
    1
    gelöschter Nutzer
    14.05.2014

    Zu dieser Studie paßt die heutige Meldung von Radio Sachsen, daß die Unternehmensführung der Pflegeeinrichtung am Zwickauer Schwanenteich Streikbrecher aus Hamburg und München angekarrt hat.



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