NSU-Prozess: "Schamanentum" bei psychiatrischem Gutachten?

Im Prozess gegen die vermutliche Terroristin Beate Zschäpe machte gestern ein "Pralinen-Kavalier" seine Aufwartung.

München.

Selbstzweifel scheinen Joachim Bauer unbekannt. "Meine Überzeugung ist, dass mein Gutachten ein erschöpfendes ist und ein sehr gutes", sagte der Freiburger Psychiatrie-Professor gestern, bevor er im Münchner Prozess zum Terror des "Nationalsozialistischen Untergrundes" gelöchert wurde. Gegenstand des Kreuzverhörs war eben jenes im Auftrag der Verteidigung der Hauptangeklagten Beate Zschäpe erstattete Gutachten. Anders als der vom Gericht bestellte Psychiater Henning Saß, der Zschäpe volle Schuldfähigkeit und fortdauernden Hang zu Straftaten attestiert, sieht Bauer bei ihr eine krankhafte Abhängigkeit von Uwe Böhnhardt, die Zschäpes Schuld vermindert. Ihre "dependente Persönlichkeitsstörung", ihre Verlustängste hätten es ihr unmöglich gemacht, aus der Untergrundsituation auszubrechen. Der Beziehung zu Böhnhardt hätte sie "alles untergeordnet", so Bauer.

Es sei "nicht dienlich, Hahnenkämpfe aufzuführen". Ihm liege fern, sich "aufzuplustern", betonte Bauer, doch ließ er keinen Zweifel, wessen Gutachten er als fundierter einschätzte. Schuld daran treffe Professor Saß nicht, da die Angeklagte ihm jedes Gespräch verweigert habe. Doch sei ein Gutachten "nur sinnvoll, wenn es gelingt, den zu Begutachtenden zu explorieren", so Bauer. Insgesamt acht Gespräche erlaubte Beate Zschäpe dem emeritierten Psychiatrie-Professor. Die Gespräche, zu denen Bauer Zschäpe als "unschuldige Geste der Humanität" unerlaubterweise zunächst Pralinen hatte mitbringen wollen, mündeten in das Schriftstück, dessen auffälligste Eigenschaft seine Ähnlichkeit zu Zschäpes eigenen Erklärungen im Prozess ist. Sie sei ein Opfer, das sich 13 Jahre in der Untergrund-Geiselhaft ihrer Männer befand.

An der Stelle wies Oberstaatsanwältin Anette Greger auf einen Widerspruch hin, den Bauer nicht gelten ließ. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt planten 1999, nach Südafrika zu verschwinden. Allein wegen Zschäpes Weigerung taten sie es nicht. Einen Widerspruch sah Bauer nicht: "Die saßen ja nicht schon auf gepackten Koffern." Auch die Kritik, dass kaum Zeugenaussagen ins Gutachten einflossen, die Zschäpes Charakter anders schilderten, ließ Bauer nicht gelten. Wenn Zschäpes Cousin aussage, sie sei "robuster" als andere Frauen und habe "die Männer im Griff" gehabt, sei das eine Wertung, die am Stammtisch hätte fallen können. Auf Sachkunde fuße sie nicht. Im Vier-Augen-Gespräch kam der Fachmann zu anderer Erkenntnis. Doch räumte Bauer ein, dass er nicht alle Aussagen zu Zschäpes Charakter überhaupt kannte. Die Auswahl trafen Zschäpes Verteidiger. Dem Gutachter fehlte die Aussage des Unterschlupf-Gebers Max-Florian B., der betonte, Zschäpe habe eine "gleichberechtigte Stellung" gehabt, sei "keineswegs das Mäuschen" gewesen. Auch fehlte die Aussage eines Zeugen, dem ihr bestimmendes Auftreten und ihre radikale Haltung in Erinnerung blieben. Sogar das Töten habe sie als legitim erachtet.

Dass solche Aussagen fehlten, ist nach Bauer nicht weiter tragisch. Er selbst habe ja auch ausgewählt, welche Zeugen relevant seien. Die Auswahl habe er nach zu erwartender Unbefangenheit getroffen, danach, ob Zeugen aus der rechten Szene stammten und sich selbst hätten rechtfertigen wollen. Dass Ilona Mundlos und Jürgen Böhnhardt als Mutter beziehungsweise Vater der toten Uwes wohl auch nicht unbefangen urteilten, diese Frage stellte der Gutachter sich nicht.

Auch stimmte die Unterscheidung seiner Auswahl nicht wirklich: Auch Nichtszene-Zeugen unterschlug man. Ein Zwickauer Geschäftsmann hatte geurteilt, Zschäpe habe die "Hosen angehabt". Und zwar derart deutlich, dass er mit einem Kollegen noch gescherzt habe, so eine Frau hätten beide bloß nicht haben wollen. Solche Aussagen decken sich mit der Sicht der Ankläger, dass es vielmehr Zschäpe war, die im Untergrund ihre Männer steuerte, als dass sie selbst gesteuert wurde.

Rechtsanwalt Eberhard Reinecke, der im Prozess Opfer des NSU-Bombenanschlags an der Keupstraße in Köln vertritt, beschrieb den Sachverständigen am Ende als "Leumundszeugen" in "professoralem Mäntelchen". Er meine, gute Menschenkenntnis zu haben und so Dinge als Fakt behaupten zu können, die keineswegs glaubwürdig seien. "Das ist Schamanentum." Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl formulierte vorerst vorsichtiger: Es obliege dem Senat, die Aussagen zu würdigen.

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