Wettstreit mit den Gotteskriegern

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" sucht auch in Deutschland Nachwuchskämpfer. Charismatische Rekrutierer bringen junge Menschen dazu, in Syrien und im Nordirak in den Krieg zu ziehen. Eine Berliner Initiative versucht, anfällige Jugendliche vom Dschihadismus abzubringen. Das braucht Zeit.

Berlin.

Die letzte Meldung ist erst wenige Tage alt: Zwei Jugendliche aus Ostdeutschland werden vermisst. Die beiden Teenager im Alter von 15 und 18 Jahren sollen sich gemeinsam in die Kampfregion nach Syrien aufgemacht und dort der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) angeschlossen haben. Zuvor haben sich die beiden vermutlich im Internet radikalisiert. Die Frage ist: Was bringt zwei junge Frauen dazu, freiwillig in den dschihadistischen Terrorkrieg zu ziehen? Und: Hätte es verhindert werden können?

Thomas Mücke sitzt in einem Besprechungszimmer im ausgebauten Dachgeschoss eines Hinterhauses im Berliner Stadtdteil Moabit. Die gleichnamige Justizvollzugsanstalt und das Bundesinnenministerium liegen ganz in der Nähe. Mücke kennt viele Fälle wie den der zwei ostdeutschen Mädchen. Seit einigen Jahren leitet der Pädagoge und einstige Streetworker die staatlich geförderte Initiative "Violence Prevention Network" (deutsch: Netzwerk zur Gewaltvorbeugung). Sie versucht, Extremisten zur Umkehr zu bewegen, Neonazis wie Salafisten.

Die Parallelen zwischen beiden Extremisten-Gruppen seien groß, sagt Mücke. "Die Jugendlichen sind meist in einer Lebenssituation, die es Ideologen einfach macht, sie auf ihre Seite zu bringen und zu radikalisieren." Oft kämen die jungen Leute aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Sie fühlten sich abgehängt, suchten nach Gemeinschaft, hätten ein geringes Selbstwertgefühl und eine schwere Identitätskrise hinter sich. "Meist haben sie ein geringes Bildungsniveau und wachsen in problematischen familiären Verhältnissen ohne Vater auf." Vor allem bei den deutschen Konvertiten sei das auffällig.

Aber auch Jugendliche aus Migrantenfamilien erlebten oft starke familiäre Konflikte, Gewalt und die Abwesenheit des Vaters. "Das ist auch der Grund, warum charismatische Autoritäten in der salafistischen Szene so attraktiv sind für die Jugendlichen. Sie sind nichts anderes als ein Ersatzvater."

Zudem hätten die jugendlichen Migranten häufig Ausgrenzungserfahrungen gemacht. Der ehemalige Innensenator von Berlin, Ehrhart Körting (SPD), spricht kürzlich gar von einer "Unwillkommenskultur" in Deutschland gegenüber dem Islam. Diese sei ein Nährboden für Dschihadisten. Mücke sagt, all das führe dazu, "dass sich bei den Jugendlichen viel Hass angestaut hat. Und der IS versteht es mit seiner professionellen Propaganda, ein Ventil dafür bereitzustellen." Eine wirksame Werbfigur des IS im Internet ist beispielsweise der einstige Rapper Deso Dogg, der mit bürgerlichem Namen Denis Cuspert heißt. Der Berliner hatte sich vor einiger Zeit dem IS angeschlossen.

Von Religion hätten die meisten Jugendlichen allerdings keine Ahnung, "sie konvertieren nicht zum Islam, sondern in einen politischen Extremismus", sagt Mücke. Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor, selbst Tochter syrischer Einwanderer und Lehrerin im Fach islamischer Religionsunterricht in Nordrhein-Westfahlen, sieht es ähnlich. "Die Salafisten suchen sich Jugendliche aus, die keinerlei religiöses Wissen haben." So könnten sie den Ideologen auch nicht widersprechen. Und mit dieser Strategie sind die Rekrutierer offenbar erfolgreich.

Catrin Rieband vom Bundesamt für Verfassungsschutz hat einen Überblick über die Szene. Sie spricht von mehr als 650 deutschen Dschihadisten, die inzwischen nach Syrien ausgereist sind - davon ein Zehntel Frauen. "Sie werden oft im Internet rekrutiert. Dort gibt es Erfahrungs- und Reiseberichte anderer Frauen, die das Leben an der Seite der IS-Kämpfer idealisieren und romantisieren - als gehorsame Ehefrauen und Produzentinnen des Dschihad-Nachwuchses." Auch Mückes Initiative hat mit Frauen gearbeitet. Sie suchten im Extremismus "nach dem starken Mann, um sich selbst in Sicherheit wiegen zu können. Sie wollen sich einem übermännlichen Wesen unterordnen."

Meist seien es Schulen, Jugendzentren oder auch Moscheen, die Hilfe suchten bei seiner Organisation. "Manchmal stehen auch Eltern vor der Tür. Die wissen oft nicht, an wen sie sich wenden sollen" erzählt Mücke. "Es gab beispielsweise eine Mutter, die wusste nicht, ob ihr Sohn noch in Deutschland ist oder schon in den Kampfgebieten."

Der schwierigste Schritt seiner Arbeit sei es, einen Zugang zu den Jugendlichen zu finden. "Oft handelt es sich um sehr autarke Menschen, die in ihrem Leben oft enttäuscht worden sind. Sie müssen erst einmal lernen, Hilfe anzunehmen." Auch seien sie extrem misstrauisch. Das Entscheidende in seiner Arbeit sei daher, eine Beziehung zu den Jugendlichen aufzubauen und sie zur Kooperation zu bewegen, "sonst funktioniert es nicht".

Am ehesten erreichbar seien die radikalisierten jungen Männer und Frauen über Persönlichkeiten, die den selben kulturellen und religiösen Hintergrund haben und Türkisch oder Arabisch sprechen. "Wenn ein normaler Deutscher mit einem Salafisten ins Gespräch kommen will, geht das garantiert schief."

Es habe auch Fälle gegeben, in denen er und seine Kollegen Syrien-Rückkehrer begleitet haben, erzählt Mücke. "Es gibt Aussteiger, die nicht mehr wollen. Wir versuchen, sie in eine neue Gemeinschaft zu integrieren und organisieren einen Wohnortwechsel, ähnlich wie bei Aussteigern aus der rechtsextremen Szene." Denn aussteigen sei gefährlich. "Die Jugendlichen können in Syrien nicht einfach sagen: Ich mache nicht mehr mit und fahre wieder nach Hause. Dann sind sie tot."

Ist ein Kontakt zustande gekommen, braucht es Zeit. "Wir versuchen, dem Jugendlichen in vielen Gesprächen aufzuzeigen, dass der Extremismus für ihn ein misslungener Selbstheilungsprozess war und dass seine Probleme anders zu lösen sind. Das geht aber nur über Selbsterkenntnis."

Bei den Treffen gehe es auch darum, mit den Jugendlichen über ihre Zukunft nachzudenken. "Wer vom Dschihad geträumt hat, denkt nicht über seine soziale Perspektive nach." Und wer schon vor seiner Ausreise schon Probleme hatte, bei dem seien sie nach der Rückkehr aus Syrien noch größer. "Welche Schule nimmt so jemanden auf? Welcher Betrieb stellt ihn als Azubi ein?" Die Arbeit mit den jungen Menschen dauere oft ein bis zwei Jahre. "Deradikalisierung geht nicht von heute auf morgen. Es ist ein langer Dialog und braucht Zeit. Denn Gedanken und Einstellungen verschwinden nicht von heute auf morgen."

Zugleich bleiben die IS-Rekrutierer eine dauerhafte Gefahr, sagt Lamya Kaddor. "Salafisten sind deshalb so erfolgreich, weil sie die besseren Sozialarbeiter sind und nicht, weil sie religiös gebildet wären. Sie hören zu und nehmen sich Zeit." Mücke sieht seine Initiative sogar im Wettbewerb mit den Salafisten. "Wir sind in einer Konkurrenzsituation zu den IS-Rekrutierern." Die Gesellschaft dürfe aber nicht zulassen, dass es für manche jungen Leute keine anderen Ansprechpartner mehr gebe als die Extremisten, warnt Mücke. "Jugendliche, die abzurutschen drohen, sind erkennbar und lassen sich noch ansprechen. Diese Chance sollten wir nicht vertun."

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1Kommentare
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  • 0
    1
    Soundnichtanders
    22.03.2015

    Nicht das Ausreisen muss man unterbinden, eher das wieder Einreisen. Sofern die Notwendigkeit sich ergeben sollte. Das Paradies liegt ja scheinbar nicht in Mitteleuropa.



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