Wie die NPD mit Anton Günther auf Stimmenfang geht

Schon zu Lebzeiten wurde Anton Günther von den Nazis missbraucht. Jetzt spannt ihn auch die NPD für ihre Propaganda im Wahlkampf ein.

Annaberg-Buchholz.

An der Bundesstraße 95 in Annaberg-Buchholz grüßt die NPD von den Laternenmasten. "Unser Anton würde NPD wählen!" ist dort - braun unterlegt - zu lesen. Darüber das Konterfei von Anton Günther samt einer aktuellen Ansicht seines Heimatortes Gottesgab, der heute Boží Dar heißt und hinter Oberwiesenthal in Tschechien liegt. Auf dem dortigen Friedhof befindet sich auch die letzte Ruhestätte des bekanntesten erzgebirgischen Volksdichters. Der, so meinen Kritiker der Aktion, würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, von wem er jetzt vereinnahmt wird.

Im Wahlkampf vor der Bundestagswahl führen die Rechtsextremisten derzeit eine regelrechte Materialschlacht. Wieder einmal wird mit Sprüchen am Rande der Legalität provoziert. So wehren sich bundesweit Verbände von Sinti und Roma mit Anzeigen gegen den rassistischen Wahlslogan "Geld für Oma statt Sinti und Roma". Im Erzgebirge versucht es die NPD nun auch mit Anton Günther. 500 Plakate mit der Kampagne hat der Kreisverband Erzgebirge nach eigenen Angaben drucken lassen. Hinzu kommt die gleiche Menge an Motiven mit Schloss Schwarzenberg, gedacht als Affront für den Tag der Sachsen am Wochenende.

Längst geht es im Wahlkampf für die NPD ums politische Überleben: Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest Dimap vom August käme die Partei bei Landtagswahlen in Sachsen derzeit auf nur noch drei Prozent.

"Schamlos und widerwärtig" nennt Rico Gebhardt, Fraktionschef der Linken im Sächsischen Landtag, die "Heimat-Kampagne" der NPD. "Wie schon ihre Vorgängerpartei NSDAP missbrauchen auch die Nazis von heute unseren erzgebirgischen Volksdichter", sagt Gebhardt, der aus Schlema stammt.

Damals wie heute wird vor allem das Lied "Deitsch un frei" als angeblicher Beweis für die großdeutsche Gesinnung des Heimatdichters herangezogen. Historiker widersprechen jedoch. "Das Lied entstand schon 1908 und bezog sich auf die komplizierte Situation der Sudetendeutschen in Böhmen. Nach 1933 haben die Nazis das Lied für sich entdeckt", stellte Lutz Walther aus Lößnitz schon vergangenes Jahr zum 75. Todestag Anton Günthers klar.

Manfred Günther verfasste gemeinsam mit ihm eine Biografie über den Volksdichter. Er berichtet: "Anton Günther hat sich dagegen entschieden, aus der Tschechoslowakei nach Nazi-Deutschland überzusiedeln - weil er dort eben kein Frei-Schaffender gewesen wäre." Beide zeigten sich entsetzt über den Missbrauch durch die NPD.

Anton-Günther Lehmann, der Enkel des Volksdichters, beklagt, dass man seinen Großvater nicht ruhen lässt: "Er war kein Politiker. Er hat nur seine Heimatliebe ausgedrückt." Und Karl-Heinz Richter, zweiter Bundesvorsitzender des Erzgebirgsvereins, erinnert an den Freitod Anton Günthers 1937: "Er nahm sich das Leben, weil er mit der Entwicklung nicht mehr klarkam." Der Erzgebirgsverein kündigte inzwischen eine Aufklärungskampagne gegen die NPD-Wahlpropaganda an.

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