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"Wir sind nicht das Weltsozialamt": Alice Weidel und Alexander Gauland bei der Vorstellung des AfD-Asylkonzepts am 21. August in Berlin.

Foto: Bernd von Jutrczenka/dpaBild 1 / 2

Zwei gegen alle

Noch knapp zwei Wochen bis zur Bundestagswahl. Die Spitzenkandidaten werben mit kurzen Botschaften um die Gunst der Wähler. Wir wissen mehr über sie zu erzählen. Ab heute porträtiert die Freie Presse die Spitzenkandidaten jener sechs Parteien, die gute Chancen haben, in den nächsten Bundestag einzuziehen. Lesen Sie zum Auftakt ein Doppelporträt der AfD-Kandidaten Alice Weidel und Alexander Gauland.

Von Oliver Hach
erschienen am 11.09.2017

Chemnitz. Die AfD ist gewachsen als Partei wider die politische Korrektheit. Ihre Spitzenkandidaten spielen virtuos auf einer Klaviatur der Provokation und der Alternative zur Alternativlosigkeit der "Altparteien". Warum? Weil Öffentlichkeit, Medien und politische Gegner mitspielen.

"Mann und "Messer". Diese beiden Wörter tippt Alice Weidel jeden Morgen auf ihrem Handy bei Google ein. "Machen Sie das auch mal", ruft sie den Menschen im "Haus des Gastes" zu. Etwa 400 Besucher sind an dem Nachmittag Ende August in das Veranstaltungszentrum des Chemnitzer Vorortes Reichenbrand gekommen, die Bühne ist in blaues Licht getaucht.

"Mann" und "Messer": Es gibt über 200.000 Treffer in Google News. Weidel liest vor: "Einparken dauert zu lange - Mann zieht Messer." "Blutiger Streit in Asylunterkunft: Mann geht mit Messer auf Landsmann los." Unter den Zuhörern beginnt es zu rumoren. Weidel weiter: "Mann mit Messer verletzt: Polizei sucht Zeugen nach Streit in Imbiss." "19-Jähriger verletzt Mann mit Messer." Und: "Mann ruft ,Al- lahu Akbar" und greift Soldaten mit Messer an." Die Erregung nimmt zu. "Mann, Mann, Mann - Messer, Messer, Messer", echot Weidel und hält triumphierend ihr Smartphone in die Höhe. Schließlich: "Schauen Sie sich das Foto an: Was da wieder für ein Mann abgebildet ist!" Im Saal wird es laut, die Menge empört sich.

Alexander Gauland wirkt dagegen fast altersmilde, als er Anfang August zum ersten Wahlkampfauftritt nach Sachsen kommt - auf den Kornmarkt nach Bautzen. Wenn man diesen Ort googelt, tauchen Begriffe wie "Problemzone" und "Krawalle zwischen Ausländern und Einheimischen" auf. Jetzt stehen auf dem Kornmarkt mehrere Hundert Menschen, einige tragen Fahnen: Schwarz-Rot-Gold mit Banane als Wappen, Identitäre Bewegung, skandinavisches Kreuz. Begrüßt werden "die Freunde von Pegida".

Gauland kommt auf die Flüchtlingspolitik zu sprechen und sagt: "Frau Merkel will, dass wir in einem Land leben, in dem einmal Muslime die Mehrheit haben." Er erinnert an die Regierungserklärung Helmut Kohls von 1982, in der der CDU-Kanzler gesagt habe: "Integration ist nur möglich, wenn die Zahl der bei uns lebenden Ausländer nicht weiter steigt."

Damals gehörte er selbst noch zum Establishment. Gauland ist 76 Jahre alt, 40 Jahre lang - von 1973 bis 2013 - war er Mitglied der CDU, leitete Ende der Achtzigerjahre die Hessische Staatskanzlei unter dem christdemokratischen Ministerpräsidenten Walter Wallmann. Jetzt ist der Mann aus der Berliner Vorstadt am Heiligen See in Potsdam ihr erbitterter Gegner. "Wir wollen in den Bundestag", sagt Gauland, "um dieser Politik den Garaus zu machen."

Alice Weidel und Alexander Gauland: Die 38 Jahre junge, attraktive Unternehmensberaterin aus dem Münsterland und der doppelt so alte Jurist und Publizist im Tweed-Sakko, in Chemnitz geboren, auf dem Kaßberg aufgewachsen und nach dem Abitur in den Westen geflüchtet - das ist das Spitzenteam der Partei Alternative für Deutschland für die Bundestagswahl 2017. Gewählt wurde es auf dem Parteitag im April in Köln, wo die Bundesvorsitzende Frauke Petry eine schwere Niederlage einstecken musste. Die Frau aus Sachsen war angetreten, die AfD auf realpolitischen Kurs zu bringen. Doch die Partei ließ sich nicht bändigen. Petrys Antrag wurde nicht einmal behandelt - ebenso wenig wie eine Ergänzung im Grundsatzprogramm, nach der sich die AfD vom Extremismus distanziert.

Alice Weidel galt bei ihrer Wahl in Köln als gemäßigt innerhalb der AfD. Sie studierte Volks- und Betriebswirtschaftslehre, promovierte, gefördert von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, über das chinesische Rentensystem und spricht Mandarin. Mit ihrer Lebensgefährtin, einer Filmemacherin aus Sri Lanka, zieht sie in der Schweiz zwei Söhne groß. In Deutschland ist sie in Überlingen am Bodensee gemeldet.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk bezeichnete sich Weidel selbst als "klassisch liberal" und nannte als Maxime das Recht auf Leben, Freiheit, Eigentum. Vor dem zumeist intellektuellen Radiopublikum formuliert sie die Wahlziele der AfD so: "1. Garantie der inneren Sicherheit, 2. Steuersenkung und Steuervereinfachung, 3. eine nachhaltige, verantwortungsvolle Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik." Auf die Frage, ob sie im Bundestag auch mit den anderen Parteien stimmen würde, antwortet Weidel: "Aber natürlich! Das ist Realpolitik, das ist pragmatische Politik." Im AfD-Bundesvorstand unterstützte sie den Antrag auf Parteiausschluss gegen den Thüringer Rechtsaußen-Provokateur Björn Höcke.

Die Spitzenkandidatin kann aber auch Krawall machen. "Die politische Korrektheit gehört auf den Müllhaufen der Geschichte." Mit diesem Satz ließ sie bereits zum Parteitag in Köln aufhorchen. In Chemnitz, im "Haus des Gastes" redet sie sich regelrecht in Rage. Über die Bundesregierung sagt sie: "Das ist nur noch widerlich, was da oben rumspringt." Justizminister Heiko Maas (SPD) nennt sie "einen Schandfleck in dieser Bundesregierung"; die CDU habe Deutschland bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet.

Man kann nicht genau erkennen, ob das Show ist, kalkulierte Eskalation oder tatsächlich innere Erregung. Mehrmals erklärt Weidel an diesem Nachmittag, ihre wäre jetzt "beinahe etwas herausgerutscht". Sie sagt: "Ich bin Wutbürgerin."

Die AfD - gegründet im Frühjahr 2013 als Partei der Euroskeptiker: Im selben Jahr verfehlte sie den Einzug in den Bundestag knapp mit 4,7 Prozent. Heute, vier Jahre später, ist sie in 13 von 16 Landesparlamenten vertreten. Und der Einzug in den Bundestag gilt diesmal als ausgemacht. Mit Abflauen der Flüchtlingskrise sanken die Umfragewerte zwar. Aktuell liegt die Partei aber bei 11 Prozent, könnte drittstärkste politische Kraft im Bund werden - rechts von der CDU.

Als der Wahlkampf der AfD in Sachsen Ende Juli begann, kam der Bundesvorsitzende Jörg Meuthen nach Annaberg-Buchholz. In der vollen Festhalle nannte er die vier Gegner der AfD: die "Kartell-Parteien", die Medien (ARD und ZDF - "Agentur für betreutes Denken"), die Kirchen ("Volksverräter") und die Antifa. Meuthen rief den Kampf einer Partei gegen alle aus: Die AfD - umzingelt von Feinden. Er beklagte, seine Partei werde entweder verunglimpft oder ignoriert. Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Die AfD ist medial immer häufiger präsent.

Sonntag vor drei Wochen. Alice Weidel sitzt bei "Anne Will" in der ARD. Die Moderatorin will wissen, ob die AfD-Spitzenkandidatin ihre Aussage ernst meine, Frau Merkel sei eine "Extremismuskanzlerin". Weidel reagiert kühl und gelassen, argumentiert mit der unkontrollierten Einreise Zehntausender Flüchtlinge im Krisenjahr 2015, der niedrigen Asylanerkennungsquote und der gestiegenen Kriminalität. Als Will insistiert, entgegnet Weidel: Ja, natürlich meine sie das Wort ernst. Auch im Hinblick auf den G-20-Gipfel in Hamburg. Im Kampf gegen Rechts würden vom Bund 100 Millionen Euro freigemacht und damit indirekt linksextremistische Organisationen unterstützt. Vergangene Woche schwenkt Innenminister Thomas de Maizière (CDU) auf den Kurs ein. Es gebe ein Übergewicht bei Projekten gegen Rechtsextremismus, sagt er. Die AfD wirkt.

Später in der Sendung wird über den Abgasskandal diskutiert. Die AfD verlangt eine Garantie für Diesel-Fahrzeuge bis 2050 - ohne Fahrverbote wegen der ausgestoßenen Schadstoffe. "Unabhängig von den Grenzwerten?", hakt SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann ein. Weidel: "Sie reden von Stickoxid-Grenzwerten, Herr Oppermann, hab ich Sie richtig verstanden?" Er nickt. Dann, so Weidel, müsse man sich schon fragen, warum diese Grenzwerte draußen auf der Straße viel strenger seien als am Arbeitsplatz. Das habe ihr bisher keiner erklären können. "Herr Oppermann, erklären Sie mir das." Der SPD-Mann gerät ins Schwimmen und geht der AfD-Frau auf den Leim: "Ich kenne die Grenzwerte von Stickoxiden in geschlossenen Räumen nicht." Dabei sind Industriearbeitsplätze gemeint und nicht Büros.

Es gelingt nicht, die Partei inhaltlich zu stoppen. Die AfD und ihre beiden Spitzenkandidaten können sich als einzige Alternative zu den "Altparteien" präsentieren - als Verteidiger des Dieselmotors und der deutschen Sparer, als Gegner von Euro, Klimarettung, Islam und Willkommenskultur. Als einzige bedeutende Partei im Bundestagswahlkampf will die AfD eine Volksabstimmung über die Rückkehr zur D-Mark. Sie bezweifelt, dass Klimaänderungen vorwiegend menschengemacht sind und verlangt die Aufkündigung des Pariser Klimaabkommens. Im Wahlprogramm stehen auch die Streichung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und der Weiterbetrieb der Kernkraftwerke, die Abschaffung des Rundfunkbeitrags. Die Partei ist gegen "Frühsexualisierung" und "Gender-Ideologie". Zur Asylpolitik erklären Weidel und Gauland auf einer Pressekonferenz in Berlin, Flüchtlinge aus Konfliktregionen sollten langfristig in "heimatnahen Schutzzentren" untergebracht werden. Das individuelle Grundrecht auf Asyl wird von der Partei in Frage gestellt, die Grenzen sollen geschlossen werden.

Bereits vor dem Einzug in den Bundestag ist der politische Einfluss der Partei zu spüren - selbst im Kanzler-TV-Duell zwischen Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD). Dort wird über weite Strecken die Flüchtlingspolitik im Sinne der AfD problematisiert. Merkel verteidigt die Grenzöffnung 2015 als humanitären Akt, drückt sich aber um eine Antwort, ob nächstes Jahr tatsächlich, wie von der AfD heftig kritisiert, 390.000 Syrer ihre Familienangehörigen nach Deutschland nachholen dürfen. Innenminister de Maizière ist dagegen, die Kanzlerin sagt: Das wird im Frühjahr entschieden. Nach der Wahl.

Und mediale Empörung, die der AfD Publicity bringt, gibt es trotzdem noch. In ihrem Strategiepapier zur Bundestagswahl hatte die Partei erklärt, sie müsse "zu klaren Worten greifen und auch vor sorgfältig geplanten Provokationen nicht zurückschrecken." So dürfte auch der Eklat einzuordnen sein, für den Alice Weidel sorgt, als sie vergangene Woche eine ZDF-Live-Sendung verlässt, um hinterher der Moderatorin Parteilichkeit vorzuwerfen.

Oder Alexander Gaulands Einlassung, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (eine gebürtige Hamburgerin) "in Anatolien" zu "entsorgen". Gauland, von 1991 bis 2005 Herausgeber der Potsdamer Tageszeitung "Märkische Allgemeine", weiß, wie Medien funktionieren. Der Aufschrei war über seine Worte war riesengroß, Kolumnisten überschlugen sich, ein ehemaliger Bundesrichter zeigte ihn sogar wegen Volksverhetzung an.

Als Alice Weidel im "Haus des Gastes" in Reichenbrand ihre Rede beendet, erheben sich die 400 Menschen im Saal und applaudieren im Stehen. Anschließend stellen sich Dutzende für ein Selfie mit der Spitzenkandidatin an. Weidel lächelt und wirkt gelöst, ihre Freude über den geradezu herzlichen Empfang wirkt echt. Eine Unternehmensberaterin aus dem Westen, die im Osten überraschend gut ankommt - im Stammland von Frauke Petry, die zwar ebenfalls in den Bundestag einziehen wird, deren Zukunft in der AfD aber ungewiss ist.

Auch Petry tourt wahlkämpfend durchs Land, in Plauen hören ihr 1200 Menschen zu, in Chemnitz- Rabenstein sind es 350. Sie tritt rhetorisch moderater auf, nicht so aggressiv wie die Spitzenkandidatin Weidel. Die Parteichefin operiert mit eigenem Sprecher, der auch als Babysitter für ihren vier Monate alten Sohn Ferdinand einspringt - losgelöst von der übrigen Parteispitze.

Für Dezember plant die AfD die Wahl eines neuen Bundesvorstands. Co-Chef Meuthen will wieder Parteivorsitzender werden, doch auf keinen Fall in einer Doppelspitze mit Petry. Das Verhältnis zwischen beiden ist völlig zerrüttet.

Parteivize Gauland berichtet in Bautzen, mit seiner Bundesvorsitzenden habe er seit dem Parteitag im April nicht mehr gesprochen.

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Kommentare
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Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 11.09.2017
    16:29 Uhr

    BlackSheep: Die Partein die jetzt an der an der Macht sind müssen endlich mal begreifen das Sie, CDU, FDP, SPD und Grüne der Grund für die AfD sind! Aber Eigenverantwortung wird in Deutschland ja nur von den anderen verlangt.

    1 4
     
  • 11.09.2017
    14:30 Uhr

    Blackadder: @Täglichleser: Das hat er auch nur von Böhmermann geklaut :-)

    2 3
     
  • 11.09.2017
    13:54 Uhr

    Täglichleser: Interview Gabriel mit T-Online: Mit der AfD im Bundestag haben wir dann erstmals seit Ende des 2. Weltkriegs wieder echte Nazis in einem deutschen Parlament.

    2 3
     
  • 11.09.2017
    09:29 Uhr

    Blackadder: Andre Wächter, ehemaliger AfD Chef in Bayern twitterte gestern mit Bezug zur Weidel-Email folgendes:

    "Bitte @bundesamtfvs : Überwacht sie endlich großflächig! Ich weiß von was ich rede! #AfD"



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