Berg- und Talfahrt

Vor 70 Jahren erlaubten die Sowjets in Potsdam-Babelsberg die "Herstellung von Filmen aller Art" - die Geburtsstunde der Defa. Nach der Wende übernahmen Franzosen das Ruder und strichen die vier Buchstaben. Was dazwischen passierte, entsagt sich einfachen Kategorien.

Die Deutsche Film AG, Defa, begann als erstes Unternehmen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Filmproduktion. Am 17. Mai 1946 überreichte Oberst Sergej Tulpanow, Kulturoffizier der sowjetischen Militäradministration SMAD, während einer Feier im ehemaligen Althoff-Atelier in Potsdam-Babelsberg die Gründungsurkunde. Mit der Lizenz konnte die "Herstellung von Filmen aller Art" beginnen. Dass sich gerade hier die konstituierende Versammlung traf, lag nahe. Denn in den Babelsberger Studios hatte schon seit 1917 die Universum-Film AG, die Ufa, fürs Kino produziert.

Die Defa-Gründung war von einem sogenannten Filmaktiv vorbereitet worden, das sich bereits am 17. November 1945 konstituiert hatte. In der neuen Vereinigung engagierten sich deutsche Filmschaffende, allesamt Mitglieder der Kommunistischen Partei Deutschlands. Sie hofften auf einen Neuanfang und wollten mithelfen, "in Deutschland die Demokratie zu restaurieren und die deutschen Köpfe vom Faschismus zu befreien." Ursula von Keitz, Filmwissenschaftlerin und Leiterin des Filmmuseums in Potsdam, sagt: "Das gesamte Kulturprogramm in der Sowjetischen Besatzungszone hat bei der Umerziehung maßgeblich auf den Film gesetzt, weil man ihm durch die Kraft seiner Bilder so viel Wirkung zuschrieb."

Zunächst gab es aber keine Filme, auch keine Importfilme in deutscher Fassung. "Die Alliierten mussten einsehen, dass sie nicht in der Lage waren, die Kinos in Deutschland zu bespielen", erklärt von Keitz. Auch deshalb sei es zur Wiederaufnahme der Produktion in Babelsberg gekommen. Die neu produzierten Filme in Ostdeutschland waren an der DDR-Ideologie ausgerichtet. Im Westen gingen die Alliierten anders vor, sie wollten parteipolitische Einmischung in der Filmindustrie verhindern. Daneben verfolgten sie das wirtschaftliche Ziel, den Kinomarkt der Bundesrepublik für ihre eigenen Erzeugnisse zu erschließen.

In Babelsberg wurden Tontechniker, Kameraleute und Kostümbildner der Nazizeit weiterbeschäftigt - nur Schauspieler und Regisseure ausgetauscht, da ihre Namen durch NS-Filme oft belastet waren. Die Defa wurde zunächst von den Sowjets kontrolliert - 80 Prozent des Stammkapitals lagen in deren Hand. Ab Oktober 1952 gelangten alle Aktienanteile an die DDR, die Defa wurde zum Staatsbetrieb - und dem Komitee für Filmwesen unterstellt. Im Januar 1954 ging die Zuständigkeit ins neu geschaffene Ministerium für Kultur über. Politbüro-Mitglieder sahen Filme vorab und zensierten sie. Sie konnten eine ihren Wünschen entsprechende Nachbearbeitung anordnen.

Im Laufe der Jahre produzierte die Defa Unterhaltungs- und dokumentarische Filme, Märchen- und Literaturverfilmungen sowie Indianerfilme. Die Dreharbeiten zum ersten Nachkriegsfilm "Die Mörder sind unter uns" von Wolfgang Staudte starteten bereits Wochen vor der Gründung. 1950 entstand "Das kalte Herz" nach Wilhelm Hauff, der erste deutsche Farbfilm der Nachkriegszeit. Wegweisend waren ebenso "Der Untertan" nach dem Roman von Heinrich Mann (1951) und "Die Geschichte vom kleinen Muck" aus dem Jahr 1953, der die Zuschauer mit verblüffenden Tricks unterhielt.

Die Hoffnung auf eine Liberalisierung der Kulturpolitik erfüllte sich aber nicht. Kritik an politischen und sozialen Verhältnissen durch die Filmschaffenden blieb unerwünscht. Auf dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED im Dezember 1965 sagte Staatschef Walter Ulbricht: "Sie dürfen doch nicht denken, dass wir uns weiter als Partei- und Arbeiterfunktionäre von jedem beliebigen Schreiber anspucken lassen, liebe Genossen. Das ist zu Ende, absolut zu Ende. Und wir werden uns mit denen beschäftigen, die das zu einer Spezialität gemacht haben." Diese Drohung führte in der Kulturszene zu einem Kahlschlag: Bücher, Theateraufführungen und Musikstücke, die sich kritisch mit der ostdeutschen Gesellschaft auseinandersetzten, landeten auf dem Index.

Besonders hart traf es die Defa, im Zuge der Zensur wurden zwölf Filme verboten oder während des Drehs abgebrochen. Einige konnten erst in den 1990er-Jahren gezeigt werden. "Keiner dieser Filme war systemkritisch im Sinne, dass er den Sozialismus abschaffen wollte, sondern die suchten nach Wegen der Verbesserung. Die wollten einfach innerhalb des Systems etwas ändern, denn die Filmemacher waren zu überwiegender Mehrheit selbst Mitglieder der SED und überzeugte Sozialisten", meint Filmhistoriker Andreas Kötzing. Für viele Filmemacher begann eine schwierige Zeit, einige flüchteten thematisch in die Vergangenheit oder in den Westen, andere versuchten sich beim Fernsehen oder am Theater.

Bis zur Wende wurden in den volkseigenen Filmstudios etwa 700 Spiel- und rund 950 Animationsfilme sowie 2450 Dokumentar- und Kurzfilme gedreht. Insgesamt beschäftigte die Defa rund 3500 Künstler, Techniker, Handwerker und Angestellte. Am 1. Juli 1990 wurde sie in eine Kapitalgesellschaft umgewandelt und in die Treuhandverwaltung überführt. Im August 1992 kaufte der französische Mischkonzern Compagnie Generale des Eaux (CGE) für umgerechnet rund 66,5 Millionen Euro das Unternehmen.

Der neue Besitzer strich den Firmennamen "Defa" und das Studio wurde in "Babelsberg Studio GmbH" umbenannt. Auch die Mehrheit der früheren Mitarbeiter wurde in den folgenden Jahren entlassen. Bis 1996 war Regisseur und Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff Geschäftsführer der Babelsberger Studios. Bis heute wurden seit der Wende mehr als 40 Spielfilme hergestellt, das Studio ist zu etwa 70 Prozent mit Produktionen für das Fernsehen beschäftigt.

"Es ist fast ausgeschlossen, die vier Jahrzehnte der Defa in einfache Kategorien einzuteilen. Das Werk insgesamt zeigt sich widersprüchlich", sagt Filmwissenschaftler Claus Löser. So habe bis 1952 eine Form von Liberalität geherrscht mit unbelasteten ostdeutschen Filmschaffenden. Erst dann sei die Defa zu einem Propagandainstrument der SED geworden. Anfang der 1960er-Jahre hätten innovative Kräfte eine gewisse Aufbruchstimmung hervorgebracht, die aber 1965 durch die Beschlüsse des 11. Plenums beendet wurde. "Dann setzte eine lange und traurige Phase der Stagnation ein", so Löser weiter, die gerade im Hinblick auf den Alltag und das Leben in der DDR nur durch wenige Filme wie "Jakob der Lügner" oder "Solo Sunny" unterbrochen worden sei.

Zum 70. Geburtstag der Defa zeigt der MDR eine Dokumentation. Der erste Teil wird am 10. Mai, 22.05 Uhr, gesendet, der zweite Teil am 17. Mai um dieselbe Uhrzeit.

Die Defa und ihre Betriebe in der DDR

Durch eine umfassende Reorganisation zum 1. Oktober 1952 wurde die Deutsche Film-Aktiengesellschaft aufgelöst und in eigenständige volkseigene Betriebe (VEB) gesplittet. Die Defa verfügte neben dem weithin bekannten Standort in Potsdam-Babelsberg über weitere Betriebsstätten.

So gehörten zum Defa-Studio für Spielfilme neben den Ateliers in Potsdam auch alte Anlagen in Berlin- Johannisthal. Dort waren in den 1920er-Jahren Klassiker wie "Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens" entstanden. Auch gab es ab 1953 ein Studio für populärwissenschaftliche und Werbefilme sowie eines für Wochenschauen und Dokumentarfilme.

In Dresden wurde 1955 ein Studio für Animationsfilme eröffnet und in Johannisthal im selben Jahr eines für Synchronisation. Bis zur Wiedervereinigung wurden dort etwa 7000 Filme auf Deutsch vertont. Zeitweilig gehörten zur Defa auch ein auf Film- und Projektionstechnik spezialisiertes Gerätewerk in Friedrichshagen und ab 1953 die Kopierwerke in Johannisthal.

Hinzu kam noch die VEB Kinotechnik. Sie bestand zunächst aus fünf selbstständigen Betrieben in den Bezirken Berlin (Ost-Berlin war offiziell kein Bezirk, aber seit 1961 mit der Funktion eines Bezirkes versehen), Dresden, Halle, Erfurt und Schwerin. Die blieben zwar als Außenstellen bestehen, wurden jedoch ab 1964 im VEB Filmtheatertechnik zusammengefasst. Die Betriebe der Kinotechnik sorgten für die technische Ausstattung der Lichtspielhäuser und berieten diese in wissenschaftlich-technischer Hinsicht.

Den Filmverleih übernahm zunächst die sowjetische Firma Sovexport. Später gingen deren Aufgaben an die Defa-Außenhandel und ab 1955 an die Progress Filmvertrieb über. Ab 1974 fungierte der Progress Filmverleih als staatliche Kultureinrichtung, seit 1990 verwertet der Verleih als GmbH die Defa-Produktionen. (mioss)

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