Lebendiges Wissen

Wikipedia wird 15. Allein in Deutschland stehen 1,9 Millionen Einträge in der Internet-Enzyklopädie. Das ist mehr als in jedem gedruckten Lexikon jemals stand. Doch noch ist viel zu tun.

Berlin/Chemnitz.

Beinahe so, wie sich Ethnologen zu Südsee-Stämmen aufmachen, so hat sich Christian Pentzold unter die Wikipedianer begeben. Der Wissenschaftler der TU Chemnitz wollte erforschen, was Menschen, die sich nicht kennen und die nicht bezahlt werden, dazu bringt, zusammen an der größten Enzyklopädie mitzuschreiben. Um sie und ihren Erfolg zu verstehen, um ihre Probleme aufzudecken wurde er 2011 selbst Wikipedianer. Er schrieb zu Schlössern und Burgen in Schottland sowie in einem Artikel zur Tulpenmanie im holländischen Winter 1636/37. Das war der erste dokumentierte Börsencrash.

In diesen Tagen jährt sich die Gründung der Internet-Enzyklopädie das 15. Mal. Mit 1,9 Millionen Einträgen ist sie größer als jedes Lexikon, das es in gedruckter Form je gab. Die Seite rangiert auf Platz sieben der meistaufgerufenen Internetseiten in Deutschland - wobei es weder eine Shopping-Seite wie Ebay ist noch die Seite eines sozialen Netzwerks. Noch dazu ist der Inhalt werbefrei und frei verfügbar. Noch nie war so viel enzyklopädisches Wissen für so viele Menschen zum Nulltarif zugänglich.

"Der Erfolg ist vor allem den wenigen hochaktiven Autoren zu verdanken, die sich in Wikipedia intensiv engagieren." Pentzold meint Autoren, die 100 und mehr Einträge, sogenannte Edits, im Monat erstellen. In Deutschland seien es rund 1000 und im englischsprachigen Raum rund 3000 bis 3500 Wikipedianer, die auf diese Weise 80 Prozent des Inhalts lieferten.

Diese Intensivautoren denken allerdings nicht - wie man sich das landläufig vorstellen könnte - im freien Raum darüber nach, welchen Lexikonbeitrag sie mal liefern könnten. "Sie werden über die Entwicklungen des Projekts auf dem Laufenden gehalten und so im besten Fall bei der Stange gehalten", beschreibt Pentzold. Bestimmte Software lege ihnen Aufgaben und Tätigkeitsfelder vor: Einmal erstellte Artikel behielten sie oft im Blick, sie schauten und kontrollierten, dass Ergänzungen korrekt sind. Manche Autoren hätten permanent ganze Listen mit Artikeln unter Bobachtung - und sobald jemand daran arbeitet, erfahren sie es und können eingreifen. "Die Autoren entwickeln so etwas wie ein Gefühl für einen Bereich, für ein Territorium, das sie im Blick haben. Sie zeigen hohes Interesse an ihren Artikeln und sie haben in den vergangenen Jahren entsprechend Wege entwickelt, die Qualität der Enzyklopädie zu sichern", beschreibt Pentzold.

Es gibt Regeln, zum Beispiel die, dass alle Informationen belegt sein müssen. Nichts, was sich nicht nachweisen lässt anhand sicherer Quellen, dürfe aufgenommen werden. Relevanzkriterien sollen dafür sorgen, dass enzyklopädisch passende Artikel aufgenommen werden und der Bestand zu pflegen ist. Neutralität der Darstellung gilt als weiteres Gebot. Es besagt, dass zu einem Artikel alle Sichtweisen und Fakten gehören, die sich belegen lassen - auch wenn sie dem Autoren nicht gefallen. "Bei Wikipedia können zwei Wahrheiten richtig sein, soweit zwei Wahrheiten belegt werden können. ,Klimawandel' oder ,Impfpflicht' nehme man als Beispiel hierfür." Dazu gibt es naturgemäß viele Diskussionen, eine entsprechende Kultur. Man kann alle Veränderungen zu einem Eintrag in der "Versionsgeschichte" verfolgen. Das Wissen lebt geradezu.

Die Transparenz, mit der alles geschieht, soll verhindern, dass etwa PR- und Marketingexperten Wikipedia nutzen, um ihre zumeist einseitige Sicht der Dinge in Artikeln unterzubringen. "Es gibt schon PR-Agenturen, die damit werben, ihren Kunden bei Wikipedia einen guten Eintrag zu verschaffen", sagt Pentzold.

Dass die Community dabei sehr wachsam ist, wurde erst im vergangenen Herbst deutlich. Es waren rund 400 Accounts aufgefallen, sogenannte Sockenpuppen-Accounts. Das sind Mehrfachaccounts, die von einem oder wenigen Nutzern betrieben werden. Die Accounts sollten wahrscheinlich zu PR-Zwecken genutzt werden. Sie wurden geblockt.

Die Sicherungsmaßnahmen, die sich im Laufe der Jahre entwickelten, stellen aber auch Hürden für Neulinge dar. Pentzold: "Wikipedia macht richtig Mühe. Es ist ein professionelles Metier geworden." Der prinzipiellen Offenheit für alle, die bei der Wissenssammlung mitmachen wollen, sind Grenzen gesetzt. "Jung, männlich, gut ausgebildet, aus einem entwickelten Land stammend, mit Internetzugang" - so charakterisiert Pentzold die Sozialstruktur der Wikipedianer. Nicht jeder sei so technikaffin, dass er einen Beitrag erstellen kann. Und nicht jeder sei in der Lage, sich an alle Regeln zu halten und Quellen entsprechend nachzuweisen, zeigt der Chemnitzer Kommunikations-Wissenschaftler Schwierigkeiten auf.

Schwierigkeiten, die eine Erklärung dafür sein mögen, warum unter den Wikipedianern deutlich mehr Männer als Frauen zu finden sind. Pentzold schätzt den Frauenanteil auf acht bis 16 Prozent. Der Nachweis fällt allerdings schwer, weil anonym editiert werden kann. "In der Community ist der niedrige Frauenanteil ein Thema, und es wird diskutiert, inwiefern eine männliche oder weibliche Sicht zur Artikelproduktion und zum Miteinander beitragen kann", sagt Pentzold. Manche versuchen das Phänomen damit zu erklären, dass Frauen nach einer anderen Kommunikation suchen als nach den mitunter konfliktbeladenen Diskussionen.

Fragt man Pentzold nach der Zukunft der Enzyklopädie, verweist er auf die Möglichkeit, dass sie vielleicht bald auch von hauptamtlichen Wikipedia-Angestellten editiert wird. Mit dem großen Erfolg beim Einwerben von Spenden wäre es für den Wikipedia-Verein zumindest möglich, Autoren finanziell zu vergüten, sodass neben das ehrenamtliche, unbezahlte Engagement ein bezahltes tritt.

Zudem verweist der Wissenschaftler auf sogenannte Bots. Sie würden künftig eine zentrale Rolle spielen können. Bots sind - laut Wikipedia - Computerprogramme, die weitgehend automatisch sich wiederholende Aufgaben abarbeiten, ohne dabei auf eine Interaktion mit einem menschlichen Benutzer angewiesen zu sein. Sie können "Wartungsarbeiten" übernehmen: kaputte Links reparieren, Rechtschreibfehler korrigieren.

Insgesamt stimmt Pentzold jedenfalls nicht ein in den Chor derer, die düstere Töne anstimmen. "So lange es Wikipedia gibt, so lange wird ihr der Untergang prophezeit. Doch bislang erleben wir das Gegenteil, nämlich wie Autoren an einem der erfolgreichsten Projekte des Internets mitarbeiten."

Auch bei Wikipedia selbst blickt man im Jubiläumsjahr sehr optimistisch nach vorn. Das hat einen simplen Grund. Es ist noch viel Luft nach oben. Eine interne Analyse hat ergeben, dass bei Beachtung aller Kriterien noch immer rund 100 Millionen Einträge erstellt werden können: Persönlichkeiten, Orte, Häuser, Denkmäler, ausgestorbene Tiere, Pflanzen, Pilze ... Zwar erscheinen die 1,9 Millionen Einträge, die derzeit erfasst sind, enorm viel. Es sind aber eben nur rund zwei Prozent dessen, was man als "aktuelles Wissen" im deutschsprachigen Raum erfassen kann.

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