"Es gibt keinen Ost-West-Gegensatz"

Tom Mannewitz forscht an der TU Chemnitz über politische Kulturen - Verständnis für repräsentative Demokratie ist unterentwickelt

Chemnitz. Der Politikwissenschaftler Tom Mannewitz von der TU Chemnitz betritt mit seinen Forschungen Neuland: Es gibt mehr regionale Unterschiede in der Republik, als man denkt, aber nicht den viel beschworenen Bruch zwischen neuen und alten Ländern. Stephan Lorenz hat mit ihm gesprochen.

Freie Presse: Ihr Buch über die politische Kultur in Deutschland erscheint in einer Zeit, in der wieder mehr von einem Ost-West-Gegensatz gesprochen wird.

Tom Mannewitz: Bei der Untersuchung der politischen Kultur, also der politischen Meinungen, Einstellungen und Werte einer Gesellschaft, wird tendenziell meist Ost und West miteinander verglichen. Häufig unter der Fragestellung, ob sich diese Kulturen einander angepasst haben oder nicht. Mir geht es um die Regionalisierung der politischen Kultur. Die Ratlosigkeit von Medien, Politikern und Wissenschaftlern angesichts der jüngsten Ereignisse in Sachsen - ist das nun typisch sächsisch, ostdeutsch oder deutsch? - hat den Bedarf an Forschung gezeigt.

Gibt es denn nun im Osten mehr Fremdenfeindlichkeit?

Es gibt da kein schlichtes "Ja" oder "Nein". So meint mittlerweile eine Mehrheit, Ausländer sollten bei knappen Arbeitsplätzen wieder in ihre Heimatländer geschickt werden - und zwar in Ost und West. Wir sehen aber auch große Meinungsunterschiede. Das hat die jüngste Umfrage der "Freien Presse" gezeigt: Wer sich die einzelnen Aussagen ansieht, erkennt einen im Vergleich zum Westen größeren Unmut gegenüber der Flüchtlingspolitik, der jedoch geringer ist als noch zu Beginn der 1990er-Jahre.

Und die Übergriffe auf Asylunterkünfte?

Das Problem ist, dass eine kleine, gewaltbereite Minderheit es schafft, ein immenses Mobilisierungspotenzial abzurufen. Das beweist: Es liegt noch eine Menge Arbeit vor uns, wenn wir verstehen wollen, was auf politischer Ebene etwa den "typischen" Sachsen vom "typischen" Hessen unterscheidet - jenseits von Mentalitätsunterschieden.

Was sind die Faktoren einer politischen Kultur?

Entscheidend sind etwa die wirtschaftliche Lage, die politischen Rahmenbedingungen oder auch die Mentalitäten der Menschen. Da gibt es große Unterschiede beispielsweise zwischen Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern oder Bayern und Schleswig-Holstein.

Welche Kriterien haben Sie zugrunde gelegt?

Das Verhältnis zur Demokratie. Die Politikwissenschaft allgemein sagt, dass die Demokratie Unterstützung in der Bevölkerung finden muss, damit sie stabil bleiben kann. Ich habe über 20 nationale und internationale Umfragestudien dazu ab 2010 untersucht. Der Fundus ist riesig.

Welche Unterschiede gibt es?

Sowohl die These von einer in Ost und West gespaltenen Gesellschaft ist falsch als auch die von der inneren Einheit. Es herrscht ein stark regionalisiertes Einstellungsmuster.

Also kein Ost-West-Gegensatz?

Nein, nur bei der Gewichtung von Freiheit und Gleichheit wird differenziert: Im Osten legt man mehr Wert auf Gleichheit, im Westen steht die Freiheit an erster Stelle.

Und die regionalen Eigenheiten?

Es sind graduelle Unterschiede, und zwar zwischen fast allen Bundesländern. Es haben sich bestimmte Regionalkulturen herausgebildet: Im Süden und Südwesten der Republik, dem katholischen Kernland, stehen der Rechtsstaat und das Verfassungsgericht, aber auch Werte wie Freiheit, Wettbewerb und Eigenverantwortung höher im Kurs als in anderen Regionen. In Ländern mit eher protestantischem Einschlag, etwa Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen oder auch Thüringen ist vor allem eine hohe Akzeptanz für die Grundfesten der Demokratie zu verzeichnen.

Und im restlichen Osten?

Festgestellt wurde eine große Heterogenität in den Ostländern Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen.

Gibt es mehr Skeptiker?

Die Unterschiede treten vor allem bei der Frage auf ob und, wenn ja, wie ein politischer Wechsel erfolgen soll: Der Weg über Reformen, wie er in Demokratien üblich ist, ist in allen Bundesländern bei der Mehrheit Konsens. Im Osten wollen das aber vor allem die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern. Den harten politischen Bruch, die radikale Veränderung der Verhältnisse in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wollen viele Sachsen, Berliner und Brandenburger. Der Anteil dort ist mit jeweils 25 Prozent relativ hoch. Im Westen gibt es das kaum. Sachsen-Anhalt steht übrigens für die Option des Bewahrens. Für die Unterschiede gibt es keine Erklärungen. Die Erforschung regionaler politischer Kulturen steht noch am Anfang.

Welche Strategien zur Konfliktbewältigung hat unsere politische Kultur im Allgemeinen?

Es gibt Tausende Faktoren, die das Meinungsbild beeinflussen. Viele davon entziehen sich dem politischen Steuerungseinfluss. Die Deutschen trauen Lösungen eher den Akteuren und Institutionen zu, die möglichst weit weg vom politischen Meinungskampf sind, etwa Bundesverfassungsgericht, Justiz, Militär oder Polizei. Es gibt zudem eine sehr starke Neigung in Deutschland, Konflikte und Meinungskontroversen zu meiden. Die Expertenkommission "25 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit" hat vollkommen recht, wenn sie sagt, das Verständnis für die repräsentative Demokratie und Meinungskonflikte sei unterentwickelt im Freistaat - das trifft aber nicht nur auf die sächsische politische Kultur zu, sondern auf die deutsche insgesamt.

Parteien können diese Konflikte nicht mehr genügend kanalisieren?

Die Deutschen scheuen Meinungskampf. Daher haben viele ein so schlechtes Bild von unseren Politikern und finden eine Große Koalition in Berlin zumindest akzeptabel. Viele präferieren mittlerweile auch eine technokratische Regierung aus Fachleuten, die für eine vermeintlich "sachliche" oder "interessenfreie" Politik steht. Das ist eine hochproblematische Entwicklung, weil der Streit unterschiedlicher Parteien ja eigentlich Demokratie ausmacht und so etwas wie interessenfreie Politik nicht existiert. Missverständnisse darüber, wie Parlamentarismus funktioniert, sind weit verbreitet und schaden der Demokratie.

 

Tom Mannewitz

Der 28-Jährige ist seit Oktober 2014 Inhaber der Juniorprofessur Politikwissenschaftliche Forschungsmethoden an der TU Chemnitz. Mannewitz studierte Politik- und Kommunikationswissenschaft in Dresden. Er lebt in Leipzig.

Buchtipp: Tom Mannewitz, "Politische Kultur und demokratischer Verfassungsstaat. Ein supranationaler Vergleich zwei Jahrzehnte nach der deutschen Wiedervereinigung.", Nomos 2015, ISBN: 9783848721108

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15Kommentare
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  • 4
    3
    fingerindiewunde
    09.10.2015

    @Schinderhannes Bla-Bla, eindeutig!

  • 2
    3
    Schinderhannes
    08.10.2015

    @ "Frohnau"

    Das müssen gerade Sie mit Ihrer Ausländerphobie schreiben.

  • 4
    3
    Frohnau
    08.10.2015

    Man kann in diesem Forum tatsächlich in kategoriesiren in
    Menschen
    Halbmenschen
    Menschlein
    Schleimscheißer
    Bla-Bla

    jeder kann sich täglich eine Kategorie aussuchen!

    Glück auf !

  • 3
    6
    Schinderhannes
    08.10.2015

    @ "Interessierte"

    Glauben Sie, dass ein 15 jähriges Hausschaf, mehr Lebenserfahrung als ein 4 jähriges Kleinkind hat?

  • 6
    3
    Interessierte
    08.10.2015

    Den Autoren hatte ich noch gar nicht angesprochen ...
    Aber ich hatte das mal kurz überschlagen und mich wider Erwarten nicht aufgeregt , aber ich werde noch ein paar Bemerkungen dazu schreiben ...

    Solchen Menschen wie ...
    Nunja , Prof.Dr. mit 28 Jahren ist schon allerhand !
    Nur hat er eben noch nicht die gewisse Lebenserfahrung , was manchmal das Leben ausmacht , er hat alles nur ´studiert´ ...

  • 4
    5
    Schinderhannes
    08.10.2015

    @ "Interessierte":

    Versuchen Sie doch nicht, ja gerade SIE, solchen Menschen wie diesem Autoren, zum wiederholten Male, das Wasser zu reichen...

  • 3
    3
    Interessierte
    08.10.2015

    Ein Scharlatan :
    Der Scharlatan hatte sie alle hereingelegt.

    „Der Schamane - war nicht einfach der nächstbeste freiberufliche Scharlatan, der seine ´unwissenden` Verwandten ausnutzte ...

    „Ein Schriftsteller buhlt auf ebenso schmähliche Weise wie ein Politiker - oder sonst ein Scharlatan um sein Publikum ...

    Schamane :
    eine Person, die mit magischen Fähigkeiten ausgestattet ist, mit Geistern in Verbindung treten kann und die bei manchen Völkern "Priester" ist.

    DAS PASST DOCH ALLES SEHR GUT

  • 2
    1
    Interessierte
    08.10.2015

    Die DBR ist mit der DDR untergegangen ...

    Woran lag denn das ?
    Ist da eine Stütze weggefallen ?
    In diesem Falle der Osten von Deutschland , von dem man ´gut&günstig` gelebt hat und der mit der Mauer den Westberlinern und dem Westen eine Sicherheit und eine ´besondere` Stellung gegeben hat ?

  • 9
    2
    Interessierte
    08.10.2015

    Leider haben die Ostdeutschen das Land ihrer Träume gar nicht mehr kennengelernt, denn es ist zusammen mit der DDR untergegangen ...
    ( ist das nicht traurig für die Westdeutschen ???

    Aber eigentlich sind das diiie Deutschen - und der Rest , dass sind dann die Ostdeutschen .

    Ansonsten wunderbar zusammengefaßt , es ist alles drin , was drin sein muß , ich kann nur hoffen , wir bewahren uns ´UNS` und lassen uns nicht noch weiter von diesen Scharlatanen einnehmen ...
    https://de.wiktionary.org/wiki/Scharlatan
    .

  • 8
    1
    gelöschter Nutzer
    08.10.2015

    Mal ehrlich, wenn ich mich nicht mehr vom Wessi unetrscheiden könnte würde ich mir ernsthaft Sorgen machen.
    Nach 25 Jahren Bundeseinheitsbrei bin ich froh 26 Jahre Osterfahrung zu haben. Vorallem die Wendezeit mit ihrer gelebten Demokratie war etwas einzigartiges. Das fehlt dem Wessi für immer und das merkt man.

  • 6
    4
    Lärmgeschädigter
    08.10.2015

    Ich frage mich immer wieder, welche Erlebnisse solche Leute mit der DDR bzw. dem Osten hatten.
    Wenn man das Geschwätz analysiert, muß man zur Meinung kommen: Null Ahnung aber Professor

  • 5
    1
    berndischulzi
    08.10.2015

    Die Scharlatanerie kann ich gern bezeugen....

  • 5
    0
    Pedroleum
    08.10.2015

    Zitat aus dem Text: „Die Unterschiede treten vor allem bei der Frage auf ob und, wenn ja, wie ein politischer Wechsel erfolgen soll: Der Weg über Reformen, wie er in Demokratien üblich ist, ist in allen Bundesländern bei der Mehrheit Konsens. Im Osten wollen das aber vor allem die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern. Den harten politischen Bruch, die radikale Veränderung der Verhältnisse in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wollen viele Sachsen, Berliner und Brandenburger. Der Anteil dort ist mit jeweils 25 Prozent relativ hoch. Im Westen gibt es das kaum. Sachsen-Anhalt steht übrigens für die Option des Bewahrens. Für die Unterschiede gibt es keine Erklärungen. Die Erforschung regionaler politischer Kulturen steht noch am Anfang.“

    Meine These dazu: Die Beispiele Sachsen, Mecklemburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg spiegeln ein bisschen die Parteienfluktuation in er jeweiligen Landesregierungen wieder: Während in Sachsen mit der CDU und in Brandenburg mit der SPD Kontinuität herrschte, gab es in Sachsen-Anhalt und Mecklemburg-Vorpommern Wechsel zwischen den beiden großen Volksparteien.

    In Sachsen-Anhalt hat das z. B. bei der Schulpolitik zur Folge gehabt, dass das Abitur erst auf 13 Jahre verlängert und kurz darauf – in Folge des bundesweiten Trends – wieder auf 12 Jahre verkürzt wurde. Vermutlich haben einige Wähler in Sachsen-Anhalt aus solchen Entscheidungen gelernt, auch wenn gemeinhin immer wieder behauptet wird, der Wähler hätte ein schlechtes Gedächtnis.

  • 11
    5
    fingerindiewunde
    08.10.2015

    @Attila Danke für den Kommentar. Da gibt's nichts mehr zuzufügen!

  • 14
    7
    Attila
    08.10.2015

    In Laufe meines Lebens habe ich in Sachsen, in Brandenburg, in Berlin, in NRW und in Bayern gewohnt. Dabei ist mir aufgefallen, daß die sächsischen Semmeln am besten schmecken, gefolgt von den Berliner Schrippen. Ganz schrecklich sind die Münchner Backversuche und an die NRW-Variante kann ich mich nicht mehr erinnern. Nun ja.
    So ähnlich kommen mir die geistigen Ergüsse des 28jährigen »Juniorprofessors für Politikwissenschaftliche Forschungsmethoden« vor, was immer das auch heißen mag.
    Was aber bei einem 28jährigen herauskommt, wenn er über die DDR und die Ostdeutschen »forscht«, kann man sich lebhaft vorstellen.
    Die DDR-Bürger sind '89 auf die Straße gegangen, weil sie nicht mehr hinter einer Mauer leben wollten. Sie wollten teilhaben am westdeutschen Lebensstandard, die D-Mark und die Reisefreiheit waren das Hauptmotiv aller Ausreiseversuche. Wegen »Demokratie« hat sich dagegen kaum einer in den Knast gesetzt.
    Leider haben die Ostdeutschen das Land ihrer Träume gar nicht mehr kennengelernt, denn es ist zusammen mit der DDR untergegangen. Bekommen haben sie Arbeitslosigkeit, Hartz4, Billigjobs, drohende Altersarmut, Genderismus, Kriminalität, Masseneinwanderung und den Verlust der Werte, also ein Land, das kaum noch etwas mit dem alten Deutschland vor der Wiedervereinigung zu tun hat.
    Gerade die Ostdeutschen haben sich aufgrund ihrer Vergangenheit und ihrer hervorragenden Bildung in der DDR viel mehr Weitsicht und ein feineres Gespür für die obrigkeitliche Ver*****e bewahrt als die Westdeutschen, die kraft ihrer »Geburt im richtigen System« und jahrzehntelanger linksgrüner Gehirnwäsche ihre kritische Distanz zur Politik weitgehend eingebüßt haben. Die Westdeutschen haben sich viel mehr angepaßt als jemals die Ostdeutschen, sind heute viel ängstlicher und zögerlicher.
    Während in Sachsen die Menschen all ihre vertrauten Lebensumstände aufgeben mußten, wurde zeitgleich auf bayerischen Dorffesten die jahrhundertealte Tradition beschworen und der Hoffnung Ausdruck verliehen, daß sich auch in den nächsten hundert Jahren nichts ändern möge.
    Wenn die Ostdeutschen also heute wieder »Wir sind das Volk« rufen, dann tun sie es mit einer viel höheren moralischen Berechtigung als damals. Denn diesmal geht es nicht um Teilhabe am Konsum, sondern um die ganz reale Bewahrung ihrer Heimat vor der Zerstörung durch eine unkontrollierte Invasion völlig inkompatibler Menschenmassen, samt der damit einhergehenden schleichenden Islamisierung. Dafür ist vor 25 Jahren niemand in der DDR auf die Straße gegangen. Schlimm für die Ostdeutschen ist dabei, daß es gerade Landsleute wie Merkel, Gauck und Göhring-Eckard sind, die zwar nur durch sie auf ihre Sessel gespült wurden, sich heute aber bei der »Transformierung« Deutschlands in eine Multikultihölle besonders hervortun.
    Die regionalen Unterschiede von Dorf zu Dorf sind dabei noch weniger »aussagerelevant« als die Semmelqualität.
    Früher war diese Hochschule einmal eine technische, heute tummeln sich dort offensichtlich Scharlatane jeder Couleur.



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