Hilfe für Flüchtlinge: Das muss man wissen

Unterstützung kann von der Aufnahme eines Asylbewerbers über einen Begleit- und Fahrdienst bis hin zum Deutschunterricht reichen

Chemnitz. Überall in Sachsen stehen Ehrenamtliche ankommenden Flüchtlingen bei. Die "Freie Presse" gibt Tipps, was Sie als Privatperson selbst tun können und was Sie dabei beachten sollten.

Kann ich einfach in eine Erstaufnahmeeinrichtung oder in ein Wohnheim gehen, um direkt Kontakt zu Flüchtlingen aufzunehmen?

Nein, in der Regel ist das ist nicht möglich. Der Sicherheitsdienst wird Sie abweisen.

An wen kann ich mich wenden?

Eine zentrale Stelle, die ehrenamtliche Hilfe vernetzt, gibt es in Sachsen nicht. Eine gute Anlaufstelle sind deshalb Flüchtlingsinitiativen vor Ort, aber auch karitative Einrichtungen wie das Deutsche Rote Kreuz, die Caritas und die Diakonie oder Kirchgemeinden, in die Sie sich einbringen können. Im Zweifelsfall fragen Sie im Sozialamt nach. In ländlichen Gegenden können aber auch oft die Ordnungsämter oder die Rathäuser weiterhelfen. Im Lokalteil der "Freien Presse" finden Sie heute zudem Rufnummern oder Adressen regionaler Ansprechpartner. Der Sächsische Flüchtlingsrat in Chemnitz, Henriettenstraße 5, kann zudem vermitteln und erstberaten.

Und wenn es vor Ort noch gar nichts gibt?

Dann bietet der Sächsische Flüchtlingsrat seine Unterstützung beim Aufbau einer Initiative und Schulungen für Ehrenamtliche an. Allerdings ist diese Organisation nach eigenen Angaben bis Ende des Jahres schon ausgelastet.

Was wird gebraucht?

Am besten sprechen Sie die Flüchtlinge auf der Straße selbst an, woran es am meisten mangelt. Aber auch die ehrenamtlichen Helfer, karitative Organisationen vor Ort oder der Flüchtlingsrat wissen, was am meisten gebraucht wird. In Bayern liegen in einigen Rathäusern auch Bedarfslisten aus. Oft fehlt es nicht an Altkleidern, sondern an neuer Unterwäsche, an Wörterbüchern oder Handy-Guthaben.

Darf ich als Privatperson einfach Geld- oder Sachspenden für die Flüchtlinge einsammeln?

Haus- und Straßensammlungen sind in Sachsen seit 2009 ohne Erlaubnis der Behörden möglich. Jedermann darf für beliebige Zwecke sammeln, wie, wann und wo er will. Die Behörden verzichten wegen des zu hohen Verwaltungsaufwands auf eine Kontrolle. Zivilrechtlich ist eine Spende eine Schenkung. Deshalb dürfen nur gemeinnützige Organisationen Spendenquittungen ausstellen. Bei ihnen wird auch die Mittelverwendung im Rahmen der Abgabeordnung geprüft. Steuerlich können Spender also Spenden nur geltend machen, wenn sie an eine gemeinnützige Organisation gehen.

Werden Sachspenden abgeholt?

In der Regel nicht. Am besten übergeben Sie sie einer karitativen Organisation oder einer Initiative vor Ort, die sie dann auch verteilt.

Wie kann ich konkret helfen?

Begleiten Sie doch Flüchtlinge zu den Behörden. Dafür müssen Sie kein Experte sein. Das Know-how hat der Flüchtlingsrat. Oder Sie gehen mit zum Arzt oder zum Supermarkt. Oder Sie betreuen speziell einen einzigen Flüchtling in Form einer Patenschaft. Eine Win-win-Situation ergibt sich auch durch einen Tandem-Sprachunterricht, bei dem Sie zum Beispiel einem Flüchtling Deutsch beibringen und im Gegenzug von ihm Arabisch lernen. Derartige Tandems sind natürlich nicht auf die Sprache begrenzt, sondern münden oft in gemeinsamen Freizeitaktivitäten. Örtliche Initiativen, der Flüchtlingsrat oder die zuständigen Behörden können Flüchtlinge, die Interesse daran haben, an Sie vermitteln. Helfen kann aber auch sehr einfach sein: Laden Sie Flüchtlinge und deren Kinder ein - zum Fußballtraining, zum Basteln, zum Chor. Teilen Sie dazu einfach den Helfern vor Ort mit, was Sie anbieten.

Worauf muss ich achten, wenn ich mit Flüchtlingen gemeinsam etwas unternehmen oder einen Ausflug machen möchte?

Dann sollte man penibel darauf achten, dass Flüchtlinge während der ersten drei Monate den Landkreis nicht verlassen dürfen. Gibt es eine derartige räumliche Einschränkung, kann man aber bei der Ausländerbehörde einen Urlaubsschein beantragen. Damit können Flüchtlinge quer durch Deutschland reisen. Die Bundesrepublik für einen Ausflug zum Beispiel nach Tschechien dürfen Sie dann aber nicht mit Ihren Gästen verlassen, sonst machen Sie sich der Fluchthilfe strafbar. Das sollten Sie auch beachten, wenn Sie einen Flüchtling lediglich zum Arzt oder in den Supermarkt fahren und dabei die Kreisgrenze überschreiten.

Ist es sinnvoll, selbst einen Verein für die Flüchtlingshilfe zu gründen?

Ein Verein ist ein super Ansprechpartner für alle, die mit der Flüchtlingshilfe zu tun haben, und natürlich auch für die Flüchtlinge selbst. Wenn ich mein Hilfsangebot langfristig absichern möchte, überwiegen die Vorteile einer Vereinsgründung die Nachteile. Wenn ich zum Beispiel einen regelmäßigen Fahrdienst einrichten will, hilft die Vereinsstruktur, Versicherungsfragen zu lösen. Als Verein kann ich auch Spenden annehmen und Spendenquittungen ausstellen, um die eigene Arbeit zu finanzieren oder um zum Beispiel mehrsprachige Info-Flyer drucken zu lassen. Ich kann dann auch Fördergelder beantragen. Wenn nicht alle Vereinsmitglieder an einem Strang ziehen, kann ein Verein aber auch schnell wieder auseinanderfallen.

Kann man Flüchtlinge auch privat aufnehmen?

Ja, aber aus Erstaufnahmeeinrichtungen nicht offiziell. Zwar dürfen Flüchtlinge, die dort schlafen, auch anderenorts übernachten. Weil aber dort jeder von heute auf morgen in eine kommunale Einrichtung irgendwo in Sachsen geschickt werden kann, riskiert er, die extrem kurzfristig angesetzten Termine für Asylantrag oder Transfer in ein kommunales Heim zu verpassen - und sich noch länger in der Erstaufnahmeeinrichtung aufhalten zu müssen.

Darf ich mein Gästezimmer oder ein WG-Zimmer an einen Flüchtling untervermieten?

Ja, aber erst, nachdem ein Asylbewerber die Erstaufnahmeeinrichtung verlassen und eine Aufenthaltserlaubnis erhalten hat. Und nur, wenn der Vermieter und die Unterbringungsbehörde dem zustimmen. Dem Flüchtlingsrat ist allerdings noch kein einziger Fall bekannt, in dem das geklappt hat. In Dresden sei das zum Beispiel auch gar nicht gewollt, weil die Ausländerbehörde sich dagegen sperre, sagt Patrick Irmer vom Flüchtlingsrat. "Die beharrt auf abgeschlossene Wohneinheiten, weil nur das den direkten Zugriff bei einer Abschiebung garantiert." In Chemnitz zum Beispiel entwickeln die Universität und das Sozialamt zurzeit aber laut einer Stadtsprecherin eine Plattform, auf der Studenten, die ein WG-Zimmer frei haben, und Flüchtlinge zusammenfinden sollen.

Wie sieht es mit der Vermietung einer leerstehenden Wohnung aus?

Landkreise und Städte dürfen Asylbewerber, deren Verfahren bereits läuft, an Vermieter vermitteln. Die Stadtverwaltung Chemnitz bietet dazu zum Beispiel auf ihrer Webseite ein Formular, dass potenzielle Vermieter ausfüllen und abschicken können. Ihr Angebot können Sie auch von sich aus an die zuständige Behörde in Ihrem Landkreis schicken, am besten mit Angabe der Mietpreisvorstellung, Grundriss und Angaben zu Lage, Inventar und Zustand der Unterkunft. Ist sie geeignet, schließt das Sozialamt einen Mietvertrag mit Ihnen ab - meist für sechs Monate mit Option auf Verlängerung. Die Behörde sucht auch den künftigen Bewohner aus und bezahlt die Miete.

Wer haftet für den Gast?

Laut Landesdirektion ist die medizinische Versorgung der Flüchtlinge gesichert, auch wenn sie die Erstaufnahmerichtung oder das Wohnheim verlassen. Haftpflichtversichert sind sie über den Staat aber nicht. (juerg)

 

Preis würdigt Engagement

Im Internet gibt Birte Vogel unter www.wie-kann-ich-helfen.info einen inspirierenden Überblick über mehr als 400 ehrenamtliche Hilfsprojekte für Flüchtlinge in Deutschland. Das reicht in Sachsen von Studierenden in Zwickau, die mit Flüchtlingskindern basteln, bis hin zur Plauener Asylothek, die durch Spenden wie eine Bibliothek ausgestattet ist. Durch Begegnungen lernen dort Flüchtlinge die deutsche Sprache und Kultur kennen.

Für den 6. Sächsischen Integrationspreis läuft seit gestern die Bewerbungsfrist. Der Preis ist mit insgesamt 4500 Euro dotiert. Ausgezeichnet werden Projekte und Initiativen, die in den vergangenen zwölf Monaten besondere Leistungen vollbracht haben. Die Bewerbung ist bis spätestens 5. Oktober zu richten an den Sächsischen Ausländerbeauftragten, Bernhard-von-Lindenau-Platz 1, 01067 Dresden. Infos unter www.
saechsischer-integrationspreis.de.

Über Geldspenden freuen sich regionale Initiativen genauso wie der Sächsische Flüchtlingsrat. Bundesweit rufen die "Aktion Deutschland hilft", hinter der Organisationen wie Arbeiter-Samariter-Bund, Awo International, die Johanniter-Unfallhilfe und der Malteser-Hilfsdienst stehen, und das "Bündnis Entwicklung hilft", ein Zusammenschluss deutscher Hilfswerke, gemeinsam zu Spenden auf: ADH & BEH, Commerzbank, IBAN: DE53 200 400 600 200 400 600, BIC: COBADEFFXXX, Stichwort Flüchtlingshilfe Irak/Syrien. (juerg)

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