Werbung/Ads
Menü


Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Sachsen verbeamtet Lehrer ab kommendem Jahr

CDU und SPD einigen sich auf ein Maßnahmenprogramm gegen den Lehrermangel. Doch der Kompromiss gefällt nicht jedem.

Von Kai Kollenberg und Tino Moritz
erschienen am 09.03.2018

Dresden. Sachsen wird ab dem 1. Januar 2019 vorübergehend Lehrer verbeamten. Darauf hat sich die CDU/SPD-Koalition nach langwierigen Verhandlungen verständigt. Sie will damit neue Kräfte für den Schuldienst im Freistaat gewinnen. "Wir brauchen ein deutliches Signal, dass es uns zukünftig gelingt, den Bedarf von 1600 bis 1800 Lehrern pro Jahr wieder ausschließlich mit grundständig ausgebildeten Lehrern zu decken", sagte Kultusminister Christian Piwarz (CDU).

Konkret sehen die Pläne vor, dass Sachsen bis zum Jahresende 2023 allen jungen Lehrern die Verbeamtung anbietet. Referendare werden demnach auf Widerruf verbeamtet. Auch Lehrkräfte, die bereits im Freistaat arbeiten und zu Jahresbeginn 2019 noch unter 42 Jahre alt sind, sollen Beamte werden können. Die Regierung geht davon aus, dass rund 6000 der derzeit knapp 33.600 Lehrer in Sachsen die Voraussetzungen erfüllen, sich aber dennoch nur 60 Prozent verbeamten lassen werden - das wären etwa 3600. Für die übrigen angestellten Lehrer plant der Freistaat, Zulagen und Prämien aufzulegen sowie zusätzliche Beförderungsstellen einzurichten.

Insgesamt kostet das neue Programm gegen den Lehrermangel in den nächsten fünf Jahren rund 1,9Milliarden Euro. Davon werden 1,7 Milliarden Euro als eigentliche Mehrkosten fällig. Die übrige Summe soll aus anderen Haushaltsmitteln beglichen werden.

Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) zeigte sich zufrieden: "Wir haben mit diesem Paket einen großen Schritt gemacht. Damit sind wir konkurrenzfähig zu anderen Bundesländern", sagte er in einer Videobotschaft nach der kurzfristig anberaumten Sondersitzung des Kabinetts. SPD-Fraktionschef Dirk Panter sprach von einem "starken Ergebnis" nach "harten Verhandlungen".

Aus der Landtagsopposition gab es unterschiedliche Bewertungen: Bildungspolitikerin Petra Zais (Grüne) freute sich, "dass es gelungen ist, die Pläne zur Verbeamtung an Ausgleichszahlungen für alle Lehrerinnen und Lehrer zu koppeln". Cornelia Falken (Linke) warf der Regierung hingegen vor, eine "Zwei-Klassen-Lehrerschaft" zu schaffen.

Kritik gab es auch von der Gewerkschaft GEW. "Die nicht mehr verbeamtungsfähigen Lehrkräfte können nicht den Eindruck haben, dass ihre Anstrengungen angemessen anerkannt werden", sagte Landeschefin Uschi Kruse. Philologenverbandschef Steffen Pabst lobte hingegen die Verbeamtung als "wichtiges Zeichen für unsere jungen Kolleginnen und Kollegen". Der Vorsitzende des Sächsischen Lehrerverbandes, Jens Weichelt, begrüßte zwar die Verbeamtung, bedauerte aber die fehlende finanzielle Gleichstellung angestellter Pädagogen: "Das werden viele Lehrerinnen und Lehrer mit Recht kritisieren."

Zum Maßnahmenpaket gehört auch eine Einstellungsgarantie für Referendare, die nur an Gymnasien und Beruflichen Schulen auf bestimmte Fächerkombinationen beschränkt wird. Zudem will Sachsen 20 zusätzliche Schulpsychologen einstellen, bisher gibt es gerade mal 34 Stellen. Um den Lehrerbedarf bis 2030 besser abzudecken, will die Regierung die bisher befristete Ausbildung von Grundschullehrern an der TU Chemnitz dauerhaft gewährleisten.



Foto: Grafik: Tilo Steiner

Was für Sachsens Lehrer alles besser werden soll 

Nicht jedem der knapp 33.600 Lehrer verspricht die Regierung mehr Geld. Für die meisten wird sich trotzdem etwas ändern. 

Neben der Lehrerverbeamtung hat das CDU/SPD-Kabinett auf einer Sondersitzung weitere Maßnahmen beschlossen, um für eine "nachhaltige Sicherung der Bildungsqualität" in Sachsen zu sorgen, wie das 14-seitige "Handlungsprogramm" heißt. Die "Freie Presse" stellt die wichtigsten Punkte vor.

Topgehalt für Grundschullehrer: Ab dem 1. Januar 2019 wird ihnen "deutschlandweit eines der besten Angebote" unterbreitet, wie Kultusminister Christian Piwarz (CDU) versicherte - und zwar durch die Höhergruppierung in die Tarifgruppe E 13 - bei Verbeamtung A 13. Piwarz sprach deshalb sogar von einem "Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Bundesländern". Profitieren würden 6700 Lehrer - darunter auch jene, die als ausgebildete Grundschullehrer etwa an Förder- oder Oberschulen tätig sind. Vom ursprünglichen Plan, ihnen dafür die Heraufsetzung ihrer Unterrichtsstunden von wöchentlich 27 auf 28 abzuverlangen, wurde nach Veto der SPD Abstand genommen.

Aufwertung der "DDR-Lehrer": Eine Besserstellung durch Höhergruppierung in E 13 winkt auch den 7500 Lehrkräften mit einem Abschluss aus DDR-Zeiten. Darunter fallen auch 3800 an Grundschulen. "Wir dürfen nicht vergessen, dass die Lehrer mit DDR-Ausbildung seit 27 Jahren unterschiedslos die gleiche Arbeit leisten", so Piwarz. Eine "Anerkennungskommission" solle möglichst unkompliziert und schnell Entscheidungen treffen.

Zulagen, Beförderung, Prämien: Um möglichst vielen angestellten Lehrern, die sich nicht (mehr) verbeamten lassen können, einen Ausgleich zu bieten, ist eine Zulage geplant, die sich Sachsen ab 2019 bis zu 25 Millionen Euro kosten lassen will. Die konkrete Ausgestaltung ist aber auch deshalb noch nicht geklärt, weil Sachsen dazu noch Gespräche mit der Tarifkommission der Länder zu führen hat. Ebenfalls vorgesehen ist, jeden fünften angestellten Lehrer an Oberschulen und Gymnasien von der E 13 in die E 14 zu befördern. Piwarz sprach von "Aufstiegsmöglichkeiten gerade für diejenigen, die sich in besonderer Art und Weise für Bildungssystem, Schule und Schüler engagiert haben". An Grund-, Ober- und Förderschulen sollen Schulleiter- oder Vizeposten besser bezahlt werden. Ab 2019 erhält jede öffentliche Schule ein vom Umfang des Lehrkörpers abhängiges Budget für Leistungsprämien, was Sachsen jährlich neun Millionen Euro kostet. Zwei Millionen Euro sind für eine Sonderzulage veranschlagt, um Referendare für den ländlichen Raum zu gewinnen.

Christian Piwarz - Kultusminister

Foto: Toni Söll

Umgang mit Seiteneinsteigern: Unter den aktuell knapp 33.600 Lehrern gibt es gut 3500 Seiteneinsteiger. Ihnen winkt die Eingruppierung in A 13 oder E 13 erst, wenn sie einen der regulären Lehramtsausbildung gleichgestellten pädagogischen Abschluss erwerben. Zur besseren Vorbereitung wird ihre Einstiegsqualifikation um drei Monate vorgezogen - erstmals ab Mai, um ab August einsatzbereit zu sein.

Stundentafel: Vom zwischenzeitlichen Plan von Kultus- und Finanzministerium, ab Sommer 2019 rund 800 Lehrerstellen durch Abstriche bei den Fächern Sport, Kunst, Musik und der zweiten Fremdsprache einzusparen, ist nun keine Rede mehr. Neu im Papier ist der Verweis auf die "überdurchschnittlich hohe Stundenlast" der sächsischen Schüler - und das allgemein gehaltene Ziel einer "Absenkung des Unterrichtsvolumens um vier Prozent". Welche Fächer die Kürzung der Stundentafel ab 2019/20 trifft, bleibt offen. In die Überlegungen "sollen alle Fächergruppen einbezogen werden".

Mentoringprogramm: Lehrer über 63 Jahre sollen künftig nicht mehr vor der Klasse stehen müssen. Das neue Lehrermaßnahmenpaket räumt ihnen die Möglichkeit ein, lediglich als Mentoren für Referendare, Seiteneinsteiger und Praktikanten zu fungieren. Dies hatte die SPD angeregt, wie Piwarz anerkannte. Die "Senior-Lehrkräfte" sollen in Teilzeit bis zu 20 Stunden pro Woche an der eigenen oder einer anderen Schule eingesetzt werden. Die Anstellung erfolgt nach Arbeits- oder Honorarvertrag.

Lehramtsausbildung: Die Zahl der Studienplätze für Lehramtsstudenten wurde bereits von 1000 Erstsemestern 2011 auf 2420 erhöht - allerdings oft über befristete Beschäftigungsverhältnisse an den Hochschulen. Weil aber der Lehrerbedarf über 2024 hinaus bis 2030 hoch sein wird, will das Kabinett die Ausbildung der Grundschullehrer an der TU Chemnitz verstetigen. Mit der Entfristung von 29 Stellen werde ihre "dauerhafte Etablierung" erreicht, sagte Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) und fügte hinzu, dass dies nicht zulasten "anderer Bereiche" der TU gehen werde. Rektor Gerd Strohmeier zeigte sich über dieses Bekenntnis von Stange erfreut, wies aber zugleich darauf hin, "dass für die Lehramtsausbildung in Chemnitz insgesamt 39 Stellen benötigt werden" - also nicht nur 29. Zudem müsse der Freistaat die Anzahl der Lehramtsstudenten auf das bestehende Studienplatzkontingent der TU Chemnitz aufschlagen.

www.freiepresse.de/lehrerpaket

Das sagen angehende Lehrer an der TU Chemnitz zur Verbeamtung 

Christian Meusel (24) freut sich, dass die Lehrer in Sachsen ab 2019 unter bestimmten Bedingungen verbeamtet werden können. "Ich komme ursprünglich aus Sachsen-Anhalt, dort sind die Lehrer schon seit Jahren Beamte", sagt der Lehramtsanwärter für die Fächer Chemie und Geografie. "Ohne Verbeamtung wäre ich als Lehrer definitiv zurück in meine Heimat gegangen", sagt er. Nun denke er darüber nach, in Sachsen zu bleiben.

Marleen Neubert (18) aus Niederwiesa studiert Grundschullehramt im ersten Semester. Sie hat sich für ihren weiteren Lebensweg noch nicht auf ein Bundesland festgelegt. "Die Verbeamtung ist dabei für mich nicht entscheidend", sagt die Studentin über ihre berufliche Zukunft als Lehrerin. Ein wichtigeres Argument für Sachsen sei, dass hier die Pädagogen dringender als anderswo gebraucht würden. Mit dem höheren Gehalt sind die Chancen zusätzlich gestiegen, dass sie im Freistaat bleiben wird.

Franziska Schulze (28) befindet sich seit Februar im Referendariat an einer Leipziger Oberschule, besucht aber auch Seminare an der TU Chemnitz. "Es ist besser, wenn alle das Gleiche verdienen", sagt die Hallenserin. Das sei das Gute an den Plänen der Regierung. "Die Lehrer verdienen in Sachsen-Anhalt noch teilweise 800 Euro mehr im Monat - und zwar netto. Das ist total ungerecht", findet sie. Allerdings bringe der Beamtenstatus auch Nachteile mit sich: "Die Kosten für die Krankenversicherung steigen im Alter stark an", befürchtet sie.

Johann Petzl (30) unterrichtet als Referendar Geschichte und Religion an einer Oberschule bei Leipzig. Seine Seminare finden an der TU Chemnitz statt. "Lehrer sein hat mit Idealismus zu tun. Ich wäre auch ohne das höhere Einkommen hiergeblieben", sagt der Mittelsachse. Ihm seien seine Heimat und Familie wichtiger. Dafür hätte er auch finanzielle Abstriche in Kauf genommen. "Wer kümmert sich um die Kinder vor Ort, wenn alle wegrennen?", fragt er. (jreb)

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
5
Kommentare
5
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 12.03.2018
    11:07 Uhr

    Tauchsieder: Alles klar "tbau...", dass hatte ich vor ab auch so gesehen. Nur wusste das man im Vorfeld der Benennung von Haubitz auch schon?

    0 1
     
  • 12.03.2018
    09:44 Uhr

    tbaukhage: @Tauchsieder: Im Parteibuch: Der eine hat's, der andere nicht.

    Achja, einer hat Ahnung, der andere nicht - aber das tut hier nichts zur Sachse!

    0 3
     
  • 12.03.2018
    08:14 Uhr

    Tauchsieder: Was mich hier umtreibt ist gar nicht ob der Beamtenstatus kommt oder nicht. Was mich interessiert ist die Frage, wo hier eigentlich der Unterschied zwischen unserem Kurzzeitkultusminister Haubitz und dem Neuen ist. Beide hatten/haben doch das gleiche Ziel, oder habe ich da etwas falsch verstanden?

    1 1
     
  • 12.03.2018
    02:31 Uhr

    Zeitungss: Allgemeiner Jubel unter der Lehrerschaft, was mehr als verständlich ist. Über die Erfolge oder Ernüchterung für die Schüler reden (schreiben) wir mal in einem Jahr. Das Ziel der absoluten sozialen Absicherung ist erreicht, mehr aber auch nicht. Es gibt noch große Engpässe bei vielen Berufen (Fachkräftemangel) und die Arbeitgeber könnten auch über eine Art Verbeamtung nachdenken, zumindest wenn die Kosten der Steuerzahler übernimmt.
    Wie gesagt, in einem Jahr sehe ich mir einmal die Stundenpläne meiner Enkel an und vergleiche sie mit der Realität, es wird ernüchternd sein.
    Bevor die Sache mit dem Neid wieder losgetreten wird, habe ich nicht nötig, bin bestens versorgt und zwar ohne Verbeamtung.

    1 1
     
  • 11.03.2018
    18:06 Uhr

    Interessierte: Was sagt denn da der steinreiche Finanzbeamte dazu , oder gibt es den gar nicht mehr ???

    3 0
     

Lesen Sie auch

Bildergalerien
  • 24.05.2018
Alessandra Tarantino
Bilder des Tages (24.05.2018)

Synchrone Hutfarbe, Raute, Im Blick, Kontraste, Haltung, Erdbeersaison eröffnet, Unter Fischen ... ... Galerie anschauen

 
  • 20.05.2018
Bernd von Jutrczenka
Bilder des Tages (20.05.2018)

Siegesfeier, Auf Futtersuche, Kleine Pause, Blumig, Vulkanausbruch auf Hawaii, Ochse vom Berg, Besänftigung ... Galerie anschauen

 
  • 19.05.2018
Uwe Mann
Pfingst-Regatta auf der Talsperre Pöhl

Boote aus ganz Sachsen sind am Samstag bei der Pfingst-Regatta 2018 auf der Talsperre Pöhl an den Start gegangen - bei kühlem, aber schönem Wetter und gleichmäßigem Wind. Gewertet wurde in sechs Klassen bei drei Wettfahrten. Am Sonntag soll eine weitere gestartet werden, erst dann stehen die Sieger unter den 53 Booten fest. Unser Fotoreporter Uwe Mann ... Galerie anschauen

 
  • 19.05.2018
David J. Phillip
Entsetzen nach neuem High-School-Massaker in den USA

Houston (dpa) - Nach tödlichen Schüssen auf zehn Menschen an einer Schule in Texas ist ein Teenager des Mordes angeklagt worden. Die Tat des 17-Jährigen am Freitag in Santa Fe entfachte die Debatte über die Waffengesetze in den USA neu. zum Artikel ... Galerie anschauen


 
 
 
 
 
am meisten ...
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Onkel-Max-Frage
Was ist aus dem DDR-Frachtschiff MS "Aue" geworden?
Onkel Max
Tomicek

Zu Zeiten der politischen Heimsuchungs-"Wende" gab es ein Übersee-Frachtschiff für Holzimporte, MS "Aue". Gibt es das Schiff noch? Wer hat es sich eventuell gekrallt, und wo ist es eventuell noch im Dienst? (Diese Fragen hat Rainer Nieselt aus Schneeberg gestellt.)

Antwort lesen
 
 
 
 
 
 
 
 
 
|||||
mmmmm