Studie: Zehntausende Sachsen sind unerkannt zuckerkrank

Leipziger Forscher schlagen Alarm: Diabetes ist offenbar noch verbreiteter als bekannt. Allergien nehmen zu, auch Kinder sind häufig depressiv.

Leipzig.

Leipzig. Rund jeder achte 40- bis 80-Jährige in Leipzig leidet an einem diagnostizierten Diabetes. Weitere 10.000 Messestädter - oder jeder 25. in dieser Altersgruppe - sind aber höchstwahrscheinlich zuckerkrank, ohne es zu wissen. Dabei wohnen in einigen Stadtteilen rund dreimal so viele Zuckerkranke wie in anderen. Das sind nach Einschätzung der Wissenschaftler auch auf Chemnitz oder Dresden übertragbare Ergebnisse der Langzeitstudie "Life", die vom Leipziger Forschungszentrum für Zivilisationserkrankungen präsentiert wurden. Männer leiden demnach in jeder Altersgruppe häufiger als Frauen an Diabetes. "Auch bei Fettleibigen und Menschen mit geringem Einkommen und niedrigem Bildungsniveau tritt die Erkrankung häufiger auf", sagte Studienleiter Markus Löffler. Diabetes sei offenbar auch eine Folge des Lebenstils.

Zudem stellten die Wissenschaftler eine Zunahme von Allergien und krankhaftem Übergewicht fest. Dabei fanden sie heraus, dass gesunde, aber dicke 60- bis 80-Jährige weniger graue Zellen haben als schlanke, sie sich Dinge etwas schlechter merken können und sie etwas langsamer reagieren. Ein höherer Body-Mass-Index wirke sich indirekt durch strukturelle Veränderungen der Hirnsubstanz ungünstig auf die geistigen Fähigkeiten im Alter aus, erklärte Forscherin Veronica Witte.

Nach Einschätzung der Wissenschaftler werden Depressionen bei Kindern und Jugendlichen unterschätzt. Bei den in der groß angelegten Studie untersuchten 8- bis 14-Jährigen wies etwa jedes zehnte Kind alle Kriterien einer aktuellen psychischen Störung auf. "Deren Häufigkeit ist damit genauso hoch wie bei den Erwachsenen", sagte Wieland Kiess, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Leipzig. Meist hätten psychisch gestörte Kinder ein sozial schwieriges und belastendes Umfeld, bei einem Drittel sind die Eltern depressiv. Zugleich deute aber auch eine erste Auswertung der Ergebnisse darauf hin, dass die Kinder heute körperlich weitaus fitter seien, als ihnen nachgesagt werde. ADHS werde indes vermutlich überschätzt, sagte Kiess.

Mehr als 21.000 Menschen untersucht, getestet und interviewt

Für die "Life"-Studie haben Forscher seit 2008 rund 10.000 Erwachsene, 3500 Kinder, 7000 Herzkranke, 800 Kinder mit psychischen Störungen und 300 Menschen mit einem Kopf-Hals-Karzinom in Leipzig aufwändig von Kopf bis Fuß untersucht, sie befragt und die Ergebnisse ausgewertet. Dadurch wollen die Wissenschaftler herausfinden, warum immer mehr Bürger unter den Volkskrankheiten leiden. Mehr als eine Million Datensätze sind dazu erfasst worden. Deren Auswertung werde wohl noch bis nächstes Jahr andauern, sagte Studienleiter Markus Löffler. Die Ergebnisse werden dann in eine bundesweite Studie mit 200.000 Teilnehmern einfließen.

Das Projekt, das im März 2015 ausgelaufen ist, ist vor allem mit EU-Geldern mit insgesamt 42 Millionen Euro gefördert worden. Das sächsische Wissenschaftsministerium stellte eine Weiterförderung mit bis zu fünf Millionen Euro bis zum Jahr 2020 in Aussicht. Damit sollen vor allem Nachuntersuchungen bei den Kindern finanziert werden.

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5Kommentare
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  • 1
    1
    gelöschter Nutzer
    11.04.2015

    "finnas:...Wenn ich mir jetzt die Studie ansehe, dann bin ich überzeugt, dass es wieder zu mehr vorsorglichen Medikamenteneinsatz kommen..."

    Die Pharmaindustrie wird es freuen. Haben die nicht auch den einen oder anderen Lobbyisten in Brüssel?

  • 2
    0
    finnas
    10.04.2015

    mightyMark, ich will Ihnen das gerne erklären. berndischulzi hat mit dem Begriff Cholesterinhystery den Finger genau in die Wunde gelegt. Es werden - vor allem bei älteren Menschen - oft zu viel Medikamente vorsorglich verordnet, besonders bei der Cholesterin-Behandlung und bei der Behandlung des Bluthochdruckes. Jeder derartige Patient holt sich mindestens viermal im Jahr, meistens noch öfters, sein Tablettenrezept ab, jedesmal ein Arztbesuch. Dabei wird die Cholesterin-Problematik noch immer übertrieben. Die tolerierbaren Blutdruckhöchstwerte wurden in den letzten Jahren immer mehr gesenkt, von anfänglich 150 über 140. 130 auf 120. Entsprechend mehr blutdrucksenkende Mittel werden verordnet. Es gibt inzwischen etliche Mediziner, die zur Zurückhaltung mahnen.
    Wenn ich mir jetzt die Studie ansehe, dann bin ich überzeugt, dass es wieder zu mehr vorsorglichen Medikamenteneinsatz kommen wird und damit erstmal wieder zu mehr Arztbesuchen. Das ist die Kausalität meiner stumpfen Aussage.

  • 0
    3
    gelöschter Nutzer
    09.04.2015

    Finni: erläutere mal die Kausalität dieser stumpfen Aussage. Ich kann da nicht folgen.

  • 3
    0
    finnas
    09.04.2015

    Einer der Gründe für die Überlastung der Hausärzte soll sein, dass die Deutschen dreimal so oft zum Arzt gehen wie die Schweden. Die Konsequenz aus solchen Studien wird es sein, dass wir künftig viermal so oft zum Arzt laufen.

  • 4
    0
    berndischulzi
    09.04.2015

    Klingt recht danach, also würde die Cholesterinhysterie nicht mehr so richtig laufen.



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