Chemnitz: Polizei sprengt "hochbrisanten" Sprengstoff

Chemnitz. Nach dem Fund von einigen Hundert Gramm hochbrisantem Sprengstoff in einer Wohnung im Chemnitzer Heckertgebiet hat die Polizei am Abend das Material vor Ort  in eigens ausgehobenen Erdlöchern gesprengt. Die Detonation löste eine heftige Druckwelle aus. Nach Angaben eines Sprechers des Landeskriminalamtes Sachsen (LKA) ging dabei alles glatt. Die Ermittler gehen davon aus, dass kein weiteres Material entsorgt werden muss. Ein Bagger schüttete nach der Sprenung die Löcher wieder zu.

Laut LKA war die gefundene, vermutlich selbst zusammengemischte Substanz vergleichbar mit dem Sprengstoff TATP. Dabei handelt es sich um eine brisantes und instabiles Sprengmittel, das sehr empfindlich gegen Schlag, Wärme und Reibung ist. Deshalb hatten sich die LKA-Experten entschlossen, das Material nicht abzutransportieren, sondern es vor Ort unschädlich zu machen. Die Polizei geht davon aus, dass der flüchtige Tatverdächtige in der Lage gewesen wäre, mit dem Material eine Bombe zu bauen, die erheblichen Schaden hätte anrichten können.

Am frühen Nachmittag hatte der LKA-Sprecher zunächst Entwarnung gegeben: Man habe geringe Mengen Sprengstoffspuren gefunden, die weiter untersucht würden. Die Einsatzkräfte würden Schritt für Schritt abrücken, die Bewohner könnten wieder in ihre Häuser zurück. Kurz darauf wurde jedoch der Evakuierungskreis erweitert und noch mehr Anwohner des Wohnblocks in Sicherheit gebracht - insgesamt waren 100 Menschen betroffen. Am Abend hieß es, die ersten 20 evakuierten Anwohner könnten in Kürze in ihre Wohnungen zurück. Ausgenommen waren die 80 Bewohner des Hauses, in dem der Sprengstoff gefunden worden war. Dort wurden noch Spuren gesichert.

Bei der Durchsuchung einer Wohnung an der Straße Usti nad Labem hatte die Polizei am Nachmittag mehrere hundert Gramm des Sprengstoffs entdeckt. Der Verdächtige, dem die Aktion galt - ein 22-jähriger Syrer -, war am Abend weiter auf der Flucht. Die Wohnung, in der der Sprengstoff gefunden wurde, war laut Polizei allerdings nicht die des Verdächtigen, sondern gehörte einem anderen Syrer. Aus Sicherheitskreisen erfuhr die Deutsche Presse-Agentur, dass es einen Zusammenhang mit der Terrormiliz "Islamischer Staat" gibt.

Bei dem Gesuchten handelt sich um Jaber Albakr. Dem 1994 in Saasaa geborenen Mann wird vorgeworfen, einen Sprengstoffanschlag geplant zu haben. Die Polizei veröffentlichte am Samstagnachmittag einen Fahndungsaufruf. Der Gesuchte ist vermutlich mit einem schwarzen Kapuzensweatshirt mit auffälligem Druck bekleidet. Die Polizei rief die Bürger zur Wachsamkeit auf. Es sei nicht bekannt, was der Mann bei sich hat. "Wer den Verdächtigen sieht, soll vorsichtig sein. Keine Heldentaten!", so LKA-Sprecher Tom Bernhardt. Hinweise erbittet das Landeskriminalamt Sachsen unter 0351 8554114/E-Mail lka@polizei.sachsen.de oder jede andere Polizeidienststelle.

Im Zuge der Anti-Terror-Ermittlungen sperrte die Polizei kurz nach 15.30 Uhr auch den Hauptbahnhof teilweise für Reisende. Spezialisten untersuchten dort Gepäckstücke, die zwei dort festgenommene Verdächtige bei sich hatten. "Dass gesperrt werden muss, kann ich nachvollziehen. Aber dass hier niemand von der DB vor Ort ist, der Auskunft gibt, finde ich schwach", sagte ein Reisender, der nach Olbernhau wollte. Am Abend stand dann eine Mitarbeiterin der Bahn Reisenden Rede und Antwort. Gegen 19.30 Uhr wurde der Gleisbereich des Hauptbahnhofs weitgehend wieder freigegeben. Die verdächtigen Gepäckstücke hätten sich als harmlos erwiesen, hieß es.

Am Nachmittag gab es einen weiteren Polizeieinsatz an der Mozartstraße. Auch dort wurde eine verdächtige Person festgenommen. Er wird derzeit verhört. Nach Angaben des LKA wird eine Verbindung des Mannes zu Jaber Albakr vermutet.

Mit einem Großaufgebot war die Polizei in Chemnitz schon am Samstagmorgen ins Fritz-Heckert-Gebiet ausgerückt. Mit Maschinenpistolen bewaffnete Beamte sicherten einen Bereich an der Straße Usti nad Labem. Das Areal wurde abgesperrt. Am Mittag erfolgte der Zugriff, Beamte eines Spezialeinsatzkommandos sprengten die Tür einer Wohnung und stürmten die Räume. Der gesuchte Jaber Albakr konnte dabei jedoch nicht gefasst werden.

LKA-Sprecher Tom Bernhardt sagte: "Wir wollen ihn so schnell wie möglich finden." Die Durchsuchung in der Wohnung habe den Verdacht bestätigt, "dass dort mit Sprengstoff hantiert wurde". Noch sei unklar, ob der Gesuchte als Flüchtling nach Deutschland gekommen sei. Beim Verfassungsschutz hätten jedoch "Erkenntnisse" zu ihm vorgelegen. Medienberichte über einen geplanten Terroranschlag auf einen deutschen Flughafen bestätigte das LKA nicht.

Die Durchsuchungen in dem Plattenbaugebiet liefen bis zum Nachmittag. "Keine Panik, wir haben die Lage unter Kontrolle", hieß es. Die Polizei forderte die Bewohner des abgesperrten Gebiets dennoch auf, zunächst zu Hause zu bleiben. Sie lobte zudem die Ruhe und Besonnenheit, mit der die Anwohner auf den Einsatz reagierten. Am Nachmittag wurde ein Bürgertelefon eingerichtet - die Nummer: 0371 3872027. Die Polizei informierte auch über die sozialen Netzwerke über den Einsatz, bei Twitter teilweise auch in englischer Sprache.

26 Mieter aus dem Haus Straße Usti nad Labem 97 waren mit Bussen in die nahe gelegene Schule gebracht worden, weitere Blöcke im Umkreis von 200 Metern wurden geräumt. Anwohner Vincento Gruppuso (18) schilderte, wie er den Polizeieinsatz erlebte: Gegen 11 Uhr sei er aufgestanden, nachdem seine Freundin, die im dritten Stock im Haus Usti nad Labem 97 wohnt, früh auf Arbeit gegangen war. Seine Mutter habe ihn angerufen, weil sie vom Polizeieinsatz gehört hatte. "Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich vermummte Polizisten und einen grauen Geländewagen", so der 18-Jährige. Er sei aus der Wohnung gegangen und habe links in den Lauf eines Maschinengewehrs geblickt. Er sei aufgefordert worden, das Haus zu verlassen. Er sei dann an der Hauswand zu einem Bus geführt worden. Im Bus sei er dann mit weiteren Anwohnern zur Schule gefahren worden. Seine Mutter habe ihn abgeholt - so konnte er sich mit Freunden treffen, die gemeinsam den Polizeieinsatz beobachteten. Vincentos Vater ist Italiener. Wegen seines fremdländischen Aussehens sei er am Tag daher gleich mehrfach angesprochen worden, ob er was mit dem geplanten Sprengstoffanschlag was zu tun hat. Anwohner Philipp Brietzke berichtete, so etwas habe er in Chemnitz noch nicht erlebt. "Gegen 13.50 Uhr habe ich einen Dunkelhäutigen mit einem Rucksack gesehen, der panisch weggerannt ist."

Wegen der Flucht des Terrorverdächtigen verstärkte am Samstag auch die Berliner Polizei ihre Kräfte in der Hauptstadt. An den Bahnhöfen seien Beamte aus den Hundertschaften im Einsatz, sagte Polizeisprecher Winfried Wenzel am Samstagabend. Auch die Kollegen in den einzelnen Abschnitten seien mit dem Fahndungsbild des 22-jährigen Syrers unterwegs. "Wir sind maximal sensibilisiert", sagte Wenzel. Ein Fokus der Polizei liege auf dem Flughafen Tegel. Auch am zweiten Flughafen der Hauptstadt in Schönefeld wurden die Sicherheitsvorkehrungen erhöht. (bj/cmey/dy/roy/hr/dpa)

Letztes Statement des LKA-Sprechers Tom Bernhardt am Samstagabend

Vereitelte islamistische Sprengstoffanschläge in Deutschland

In den vergangenen Jahren wurden mehrere islamistische Sprengstoffanschläge in Deutschland vereitelt. Einige aufsehenerregende Fälle:

September 2007: Die islamistische Sauerland-Gruppe wird gefasst. Die vier Mitglieder werden wegen geplanter Terroranschläge auf Diskotheken, Flughäfen und US-Einrichtungen in Deutschland zu mehrjährige Freiheitsstrafen verurteilt.

April 2011: Ermittler nehmen in Düsseldorf drei mutmaßliche Al-Kaida-Mitglieder fest, die einen Sprengstoffanschlag in Deutschland geplant hatten. Im Dezember 2011 wird ein vierter Verdächtiger gefasst. Die Männer müssen mehrere Jahre ins Gefängnis.

Februar 2016: Die Polizei kommt einer mutmaßlichen Terrorzelle auf die Schliche und schlägt gleichzeitig in Berlin, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen zu. Die vier Verdächtigen hatten womöglich einen Anschlag in Berlin geplant.

Juni 2016: Spezialkräfte der Polizei nehmen drei mutmaßliche Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Brandenburg fest. Sie sollen einen Anschlag in der Düsseldorfer Altstadt geplant haben.

September 2016: Ein 16-jähriger Flüchtling aus Syrien wird von der Polizei in Köln festgenommen. Laut den Ermittlern hatte er einen Sprengstoffanschlag geplant und von einem Chatpartner im Ausland Anweisungen zum Bombenbau erhalten.

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5Kommentare
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  • 4
    5
    voigtsberger
    10.10.2016

    Jetzt kam im TV noch die Pressekonferenz zum Fall in Chemnitz, mit der Erkenntnis, das einer der drei Syrier, die ihren Landsmann überwältigten, zu Fuß zu einer Polizeidienststelle gelaufen ist, um dies zu melden. Wo waren da die ach so modernen Smartphone, dass da einer zu Fuß loslaufen muss, wo sonst die Flüchtlinge mit Taxis, bis zu nächsten Straße zum Arzt gefahren sind, auf Staatskosten. was soll uns das alles sagen und was soll da uns wiedereinmal für ein Bär aufgebunden werden", denn von der Person auf dem Video in Dresden bei den Anschlägen hört man auch keine Ermittlungserfolge bzw. Ermittlungserkenntnisse mehr, aber in den Medien wird immer noch von einen rechtsradikalen Anschlag gesprochen, was zur Zeit aber keine Behörde bestätigt! Na da bin ich aber mal gespannt, was da alles noch für Vorfälle bis zur Wahl passieren und wie die Flüchtlinge am Ende die Helden für Ordnung und Sicherheit im Land sind. Ha, ha, ha.........!

  • 5
    4
    kartracer
    10.10.2016

    Irgendwie hat voigtsberger schon Recht, selbst hoch
    brisanter Sprengstoff ist eben ohne Zünder so etwas wie eine
    Tüte Mehl oder Zucker.
    Warum fackelt man das Zeug im Stadtgebiet, in einem
    Loch ab, und bringt es nicht, wie manche 5 Zentner Bombe,
    auf ein entsprechendes Gelände???
    Die Menschen dort waren in Angst, und da wird noch "BUMM" gemacht, ist schon sehr komisch.

  • 5
    6
    voigtsberger
    10.10.2016

    Bei mir stellt sich die Frage, wie kann aus 500 g Sprengstoff, heute in den Berichten 1,5 kg werden und was war das für ein "Blub" von einen so riskanten Sprengstoffes und auch noch in einen Wohngebiet gezündet, wo sonst jede rostige Handgranate aus Chemnitz mit Blaulicht unter höchster
    Sicherheitsstufe verbracht wird. Aber am meisten wundert mich, wie können aus zwei Syrier, heute mit einen mal drei Landsleute des Verdächtigten werden, wo doch alle wie "Pech und Schwefel" zusammenhalten, wenn es um die Aufklärung von Straftaten geht, wie in Köln und in anderen Städten unseres Landes, wo waren und sind da die "Helden der Flucht"? Da kann man nur noch gespannt sein, wem dies am Ende nutzt!

  • 7
    4
    countrymanne
    10.10.2016

    SOFORTIGER STOPP mit der unregistrierten Zuwanderung.
    Bearbeitung von Asyl- und Flüchtlingsanträge nur mit gültigen, nicht gefälschten Dokumenten aus dem Ursprungsland.
    Aber bei positiver Entscheidung nur BEFRISTET, kein DAUERBLEIBERECHT mit sog. FAMILIENNACHZUG .!!
    Wir haben in Deutschland schon genug Kriminelles Potenzial, welches einer dringenden Aufarbeitung bedarf.
    Chemnitzer, bleibt Wachsam , Stark und haltet zusammen.
    MfG M.W.

  • 7
    6
    countrymanne
    10.10.2016

    Was muß erst noch geschehen, eh die Politiker begreifen und reagieren.
    Warum werden sog. " Flüchtlinge " und " Asylanten " auch in Wohnhäusern und Ballungsgebieten, welche von deutschen Bürgern bewohnt werden untergebracht ?
    Wäre es nicht eher Nachvollziehbar diese Menschengruppierungen weit ab von Wohnstätten "normaler " Bürger zu sammeln und einzuquartieren ?
    Sind dies nun die ewig " Traumatisierten " jungen, minderjährigen, alleinreisenden und kräftigen Männer ?
    Wo bleiben denn die wahren, betroffenen " Kriegsflüchtlinge " ?
    Ich kann es Ihnen sagen: " die kämpfen in Ihrer armen, zerbombten Heimat um ihr Leben und das ihrer Familienmitglieder !!
    Warum werden die sog." gefaßten Verdächtigen " wieder FREIGELASSEN ???
    Es müßte nur eins geben, SOFORTIGE Abschiebung und Ausweisung aus DEUTSCHLAND.
    Sieht so der DANK aus, den man uns entgegen bringt ?
    Wer sich nicht an unsere hier herrschenden Gesetzte und Lebensformen hält, hat in DEUTSCHLAND NICHTS verloren.
    Wünsche allen Usern und Bürgern unserer "schönen " Stadt, weiterhin friedliche und ruhige Jahre, OHNE FLÜCHTLINGE !
    MfG M.W.



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