Warum Leipzigs bester Mafiajäger abserviert wurde

Experte für Organisierte Kriminalität bietet Staatsanwälten Mithilfe bei Trockenlegung des "Sachsen-Sumpfes" an - Anwalt: "Es gab eine Hetzjagd auf meinen Mandanten"

Leipzig. Bis Ende Mai 2007 hielt sich Georg Wehling bedeckt. Äußerungen des Polizisten, der bis 2002 als Sachsens erfolgreichster Ermittler im Bereich der Organisierten Kriminalität (OK) galt und nach falschen Anschuldigungen zeitweise suspendiert war, zur aktuellen Korruptionsaffäre gab es nicht. Vermutlich auch aus Gründen des Selbstschutzes. "Schließlich", so sein Anwalt Rainer Wittner, "hat es jahrelang eine regelrechte Hetzjagd auf meinen Mandanten gegeben." So etwas habe er noch nicht erlebt.

Jetzt jedoch geht der 51-Jährige Beamte, dessen Glaube an den Rechtsstaat in den vergangenen fünf Jahren schwer gelitten haben dürfte, in die Offensive. Nachdem nun die Akten des sächsischen Verfassungsschutzes über mutmaßliche Verstrickungen hoher Justizbeamter, Polizisten und Politiker mit dem organisierten Verbrechen auf dem Tisch der Generalstaatsanwaltschaft liegen, schöpft der Kriminalhauptkommissar Hoffnung auf späte Gerechtigkeit. Mehr noch: Er bietet den Ermittlern, die den mutmaßlichen "Sachsen-Sumpf" trockenlegen sollen, seine Mithilfe an.

Im Exklusiv-Gespräch mit der "Freien Presse" schildert der frühere Leipziger Mafiajäger, dass er 2002 selbst zum Gejagten wurde. "Weil ich zu viel wusste und zusammen mit zwei Kollegen immer weiter herankam an das kriminelle Geflecht in Leipzig", sagt er und verweist auf "einen Sumpf aus Korruption, Immobilienmafia und etwa Kinderprostitution". Über so genannte Vertrauenspersonen (VP) - im Jargon V-Leute - seien die OK-Experten immer tiefer eingedrungen in mutmaßliche Mafiastrukturen. Wehling schließt nicht aus, dass die kriminellen Machenschaften bis in die Spitze des Rathauses reichten. Auch sein Anwalt sagt: "Die Annahme, dass er (Wehling, d. R.) einigen gefährlich werden konnte, hat wahrscheinlich ein paar Spitzbuben mit Schlips und Anzug unruhig gemacht."

Den Dreh- und Angelpunkt für sein berufliches Schach-Matt sieht Wehling im "Fall Klockzin". 1994 war auf Martin Klockzin, einen Manager der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft, ein Mordanschlag verübt worden. Das Opfer überlebte schwer verletzt. Nachdem den vier beschuldigten Attentätern der Prozess gemacht war - es wurden 1996 dreimal lebenslänglich und eine zwölfjährige Haftstrafe verhängt - rückten die Hintermänner des Anschlags ins Visier der OK-Experten um Wehling. "Damit begann der Ärger, der mir im Falle weiterer Ermittlungen aus dem engsten Umfeld eines damaligen Leipziger Oberstaatsanwaltes angedroht worden war", berichtet er. Noch bevor die beiden Drahtzieher des Attentats verurteilt waren - beide erhielten 2003 nur eine Geldstrafe von je 2500 Euro, weil sie nach Wehlings Meinung "Recht erpressen konnten" - wurde der OK-Chef nach Worten seines Anwaltes "eiskalt abserviert".

Wegen angeblicher Strafvereitelung im Amt durchsuchten im Oktober 2002 rund 50 Beamte des Landeskriminalamtes (LKA) auf Antrag der Staatsanwaltschaft Leipzig die Diensträume der OK-Ermittler und Wehlings Privatwohnung. Dabei, so sein Anwalt Wittner, seien in den Diensträumen massenweise Akten beschlagnahmt worden, insbesondere VP-Unterlagen. "Ich wurde suspendiert, die gesamte OK-Abteilung außer Gefecht gesetzt."

Die Boulevardpresse titelte mit "Polizeikrieg in Sachsen", vermutete Neid des LKA auf Wehlings Erfolge als Anlass für die Aktion. 2005 dann die nächste Durchsuchung - mit kleiner Mannschaft. Dieses Mal waren unhaltbare Aussagen eines Kleinkriminellen Anlass für die Aktion. Wehling: "Ich habe versucht, juristisch gegen die Falschaussagen vorzugehen, doch stets wurden meine Anzeigen totgemacht."

Insgesamt neun Verfahren strengte das LKA über die Staatsanwaltschaften Leipzig und Chemnitz laut Wittner gegen Wehling an, eines - die vermeintliche Strafvereitlung - wurde bis zum Prozess getrieben. "Im Prozess gab es einen Freispruch, alle Verfahren wurden zudem eingestellt", so der Jurist. Er ist überzeugt, dass der Ursprung der beruflichen Demontage seines Klienten in Absprachen der Staatsanwaltschaft Leipzig mit dem LKA liegt.

"Vollständig rehabilitiert bin ich immer noch nicht", sagt Wehling, der in die Kriminaltechnik in Leipzig abgeschoben wurde. Eine Verfügung seines Dienstherrn von 2002, wonach er nicht mehr im OK-Bereich arbeiten darf und ihm auch die Führung von Vertrauenspersonen untersagt wurde, gelte weiter. Warum? Wehling kann nur spekulieren.

Auch mit einem Antrag beim Oberlandesgericht (OLG) Dresden - Wehling wollte eine Anklage gegen die LKA-Beamten, die ihm auf der Basis falscher Verdächtigungen vermutlich "einen Strick drehen wollten", erzwingen - scheiterte er. Pikant: Die auf den 30. März 2007 datierte Ablehnung des Antrages als "unzulässig" durch das OLG ist auch von dem Mann unterzeichnet, der laut Wehling im ersten Klockzin-Prozess als Vorsitzender Richter saß.

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