Chemnitz droht größte Evakuierung seit 1945

Der verdächtige Gegenstand an der Jakobstraße soll untersucht werden - Bei einem Bombenfund müssten am Sonntag 22.000 Menschen ihre Wohnung verlassen.

Für den Fall, dass auf der Kita-Baustelle am Fuße des Sonnenbergs tatsächlich ein Sprengkörper liegt, hat das Rathaus einen Plan erarbeitet. "Freie Presse" erklärt, wie dieser aussieht und was auf die Chemnitzer zukäme.

Was ist bislang auf der Baustelle an der Jakobstraße passiert?

Auf einem Grundstück neben der Kita lässt die Stadt ab Sommer eine neue Schule samt Sporthalle errichten. Als Vorbereitung wurde der Boden untersucht. Dabei hätten Experten Bohrungen und magnetische Messungen an verschiedenen Stellen vorgenommen, mit deren Hilfe sich metallische Gegenstände ausmachen ließen, erklärt der Amtsleiter der Feuerwehr René Kraus. Mehrere metallische Gegenstände seien dabei entdeckt worden, wobei es sich "aufgrund seiner Lage und Größe" um eine Bombe handeln könnte, sagt Bürgermeister Sven Schulze. Dieses Objekt liege in vier Metern Tiefe, lasse sich aber nicht näher spezifizieren. Es könnte sich also, so Schulze, auch um etwas anderes als eine Bombe handeln.

Was passiert nun?

In der Nacht auf Sonntag wollen Experten damit beginnen, den Gegenstand freizulegen und zu begutachten. Dabei werde ein Bagger die Oberfläche abtragen, erläutert Feuerwehr-Amtsleiter Kraus. Ab etwa einem Meter Abstand zum Objekt werde mit Hand weitergegraben. Diese Arbeiten nimmt der Kampfmittelbeseitigungsdienst vor. Handelt es sich tatsächlich um eine Bombe, wird er auch entscheiden, ob eine Evakuierung notwendig ist.

Wie würde die Evakuierung ablaufen?

Ab 8 Uhr müssten die Menschen innerhalb des Sperrkreises ihre Wohnungen und Häuser verlassen. Vorläufig hat die Stadt einen Sperrkreis von einem Kilometer rings um den Fundort festgelegt, in dem weite Teile des Sonnenbergs, Teile des Lutherviertels und Bereiche des Zentrums liegen. Dieser Kreis könnte auch verkleinert werden, so Schulze. Mit einem Radius von 500 Metern müsse man aber in jedem Fall rechnen. Schulze bittet die Bewohner der Gebiete, sich auf eine Evakuierung vorzubereiten. Eingebunden in die Aktion wären alle Feuerwehren der Stadt, das Technische Hilfswerk, die Bundespolizei und Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Ziel sei es, dass alle Einwohner bis zum Sonntagabend wieder in ihre Wohnungen zurückkehren können, sagt der Bürgermeister. Die Stadt will auf ihrer Internetseite und auf mehrsprachigen Handzetteln Anwohner informieren und eine Liste mit Namen aller betroffenen Straßen erstellen.

Wie viele Menschen wären betroffen?

Etwa 22.000 Einwohner. Die Evakuierung wäre damit weitreichender als die beim Fund einer Bombe auf dem Kaßberg im Herbst 2016 (etwa 17.500 Menschen) und wohl die größte derartige Aktion seit Ende des Zweiten Weltkrieges in der Stadt. Unter den 22.000 Einwohnern sind auch zahlreiche Bewohner von Pflegeeinrichtungen. Exakt 19 Einrichtungen befinden sich im Ein-Kilometer-Sperrkreis. In ihnen leben nach Angaben des Rathauses etwa 70 Patienten, die nicht selbst laufen könnten. Sie sollen vorsorglich bereits am Samstag evakuiert werden.

Warum hat sich das Rathaus für Sonntag entschieden?

Weil an diesem Tag keine Geschäfte geöffnet sind, es weniger Verkehr gebe als an Wochentagen und die Menschen sich einfacher als im Berufsalltag woandershin begeben könnten, sagt Bürgermeister Schulze. Er verwies darauf, dass sich 11 Schulen und 22 Kitas im Sperrkreis befinden, die an einem Wochentag ebenfalls evakuiert werden müssten.

Wo sollen Evakuierte hin?

Zentraler Anlaufpunkt ist das Stadion an der Gellertstraße, wo sich Betroffene aufgrund der Coronapandemie möglichst im Freien aufhalten sollen. Von dort würden Menschen, die ihre Wohnung verlassen mussten, in Ausweichquartiere gebracht.

Wie viele Evakuierungsplätze stehen zur Verfügung?

Etwa 6000, sagt Feuerwehr-Amtsleiter Kraus. "Wir gehen aber davon aus, dass wir die Kapazität nicht ausschöpfen müssen", ergänzt er. Erfahrungsgemäß würden sich viele Menschen bei solchen Ereignissen selbst ein Ausweichquartier suchen, beispielsweise bei Freunden oder Familie unterkommen. Beim Bombenfund auf dem Kaßberg 2016 hätten nur etwa 1000 der 17.500 Betroffenen eine Notunterkunft aufgesucht, so Kraus.

Welche Herausforderungen bringt die Coronapandemie bei der Evakuierung mit sich?

Größtes Problem ist die Ansteckungsgefahr, wenn viele Betroffene an einem Ort zusammenkommen. "Wir können keine Turnhalle mit 500 Leuten vollpacken", sagt Bürgermeister Schulze. Deswegen gebe es mehrere Notunterkünfte. Wer diese nutzen wolle, müsse einen Mund-Nase-Schutz mitbringen und tragen, informiert die Stadt. Außerdem würden diese Personen registriert, um sie im Falle einer Infektion kontaktieren zu können. Pflegeheimbewohner würden zudem in gesonderten Unterkünften untergebracht.

Welche Einschränkungen wird es bei Bus und Bahn geben?

Mit dem Hauptbahnhof und der Zentralhaltestelle befinden sich wichtige Knotenpunkte im Ein-Kilometer-Sperrkreis; zudem verläuft der Chemnitzer Bahnbogen unweit des Fundorts. Es wird deshalb voraussichtlich ab Sonntag, 7 Uhr, zu weitreichenden Einschränkungen und Ausfällen im Nah- und Fernverkehr kommen. Die CVAG will nähere Informationen spätestens am Freitag bekanntgeben.

Wie wahrscheinlich ist es, dass es sich um eine Bombe handelt?

Das kann niemand genau sagen. Der Leiter des Schloßbergmuseums Uwe Fiedler erinnert daran, dass die Amerikaner bei ihren Luftangriffen im Frühjahr 1945 vor allem auf Infrastrukturanlagen wie Bahnstrecken gezielt hätten. Der Fundort der metallischen Gegenstände befindet sich nur etwa 300 Meter vom Bahnbogen entfernt. Auf Luftbildern von 1945 seien auf dem Sonnenberg Krater zu sehen, die auf Einschläge von Blindgängern hindeuteten, berichtet Fiedler. Womöglich läuft es aber auch anders: In Leipzig wurden vorvergangene Woche bei Bauarbeiten in der Nähe des Hauptbahnhofs metallische Gegenstände im Boden entdeckt. Nach eingehenden Untersuchungen hatte sich der Fund als alte Brunnenanlage herausgestellt.

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