Chemnitz-Prozess: Neuneinhalb Jahre Haft für Alaa S. - Verteidigung will Revision

Der Angeklagte hoffte auf ein gerechtes Urteil. Er wolle nach Daniel H. "nicht das zweite Opfer" des eigentlichen Täters werden, sagte er. Nun soll er für lange Zeit ins Gefängnis.

Dresden.

Knapp ein Jahr nach dem tödlichen Messerangriff auf den 35-jährigen Daniel H. in Chemnitz ist der 24 Jahre alte Angeklagte zu neun Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt worden. Das Landgericht Chemnitz sprach den Syrer am Donnerstag in Dresden wegen gemeinschaftlichen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung schuldig.

Anders als die Verteidigung hatte das Gericht keinen Zweifel an der Schuld des Angeklagten - nicht nur aufgrund der Aussage des Hauptbelastungszeugen Younis al N., sondern auch aufgrund weiterer Aussagen, die die Aussage von N. stützten.


Die Verteidigerin Ricarda Lang erklärte nach der Urteilsverkündung, man werde in Revision gehen. Anwalt Frank Wilhelm Drücke bezeichnete das Urteil als "falsch". Wegen der Revision der Verteidiger wird der Schuldspruch der Chemnitzer Richter nun zunächst nicht rechtskräftig.

Kurz vor dem Urteil hatte der 24-Jährige erklärt, er hoffe auf ein gerechtes Urteil und darauf, nach Daniel H. "nicht das zweite Opfer" des eigentlichen Täters werden zu müssen. Die mit einem Schwur auf seine Mutter versehene Beteuerung seiner Unschuld, die der im Prozess bislang schweigsam gebliebene angeklagte Syrer in dieser Woche in der ZDF-Sendung "Frontal 21" abgegeben hatte, wiederholte er im Gerichtssaal nicht mehr explizit.

Den letzten Worten des Mannes, der sich seit März für die tödlichen Stiche gegen den 35-jährigen Chemnitzer Daniel H. vor der Strafkammer des Chemnitzer Landgericht verantworten muss, waren die Plädoyers seiner Verteidiger vorausgegangen sowie die der Nebenklageanwälte, die die Mutter und Schwester des Opfers und den beim Angriff in der Nacht zum 26. August 2018 schwer verletzten Dimitri M. vertreten. Während die Verteidigung einen Freispruch aus Mangel an Beweisen forderte, führten alle drei Nebenklageanwälte aus, dass ihnen die vom Staatsanwalt am Montag geforderte Gesamtstrafe von zehn Jahren Haft zu milde erschien. Unisono forderten sie elf Jahre Freiheitsstrafe für gemeinschaftlich, weil mit dem noch flüchtigen Verdächtigen Farhad A., begangenen Totschlag an Daniel H. und für gefährliche Körperverletzung an Dimitri M.

Den angeblichen Mangel an Beweisen, den die Verteidigung immer wieder beklagt hatte, konnte die Nebenklage nicht erkennen. Es habe sich keineswegs um eine "substanzlose Anklage" gehandelt, sagte Rechtsanwalt Oliver Minkley, auch wenn man den Eindruck habe gewinnen können, wenn man der Berichterstattung über den Prozessverlauf gefolgt sei. Was der Opferanwalt meinte, war die Verteidigersicht, deren rechtliche Würdigung bisher die Außendarstellung des Prozesses dominiert und den Eindruck vermittelt hatte, als handele sich nicht nur um ihre Wertung, sondern um die einzig vorliegenden Fakten. Besonders der Diskreditierung des Hauptbelastungszeugen Younis al N. als unglaubwürdig trat Minkley entgegen. "Im Kern" sei der Zeuge mit seiner Aussage "von Anfang an konstant" geblieben, als er von "stechenden Bewegungen" sprach und diese sogar nachstellte.

Der Dönerkoch aus dem Alanya-Imbiss in der Chemnitzer Innenstadt will als einziger Zeuge vom Fenster des 50 Meter vom Tatort entfernten Ladens aus die Tathandlungen der beiden Verdächtigen gesehen haben. Unter dem Eindruck von Todesdrohungen aus dem Kreis des Angeklagten hatte der inzwischen unter Zeugenschutz stehende Mann seine Aussage später mehrfach relativiert. Besonders dass der Zeuge eben keinen übermäßigen Belastungseifer an den Tag gelegt habe, mache ihn glaubwürdig, fand Anwalt Minkley. Und dass er besonders einen Punkt von Anfang an klar gemacht habe. Ein Messer, so sagte Younis al N. von Beginn an aus, habe er nicht gesehen. Nur jene "stechenden Bewegungen" hatte er beschrieben und vorgeführt. Das mache ihn umso glaubwürdiger, als wenn er aus 50 Metern Distanz ein kleines Messer hätte erkannt haben wollen, implizierte der Nebenklageanwalt. Dass der Zeuge die Tathandlungen aus der Ferne einzelnen Personen habe zuordnen können, entbehre nicht der Logik. Die Blicke des Dönerkochs seien den Beteiligten, die zuvor bei ihm im Lokal einen Döner bestellt hatten, durch das Fenster bis zum Tatort gefolgt. Einem Tatort, der von Laternen hell erleuchtet war, wie der nächtliche Vor-Ort-Termin des Gerichts im Juni bewies. "In Gesamtschau ist die Aussage des Zeugen Al N. als glaubhaft zu bewerten", befand Nebenklageanwalt Oliver Minkley.

Das stellte die Verteidigung wie während des gesamten Prozess diametral anders dar. Ein Freispruch, eine Haftentlassung und eine Entschädigung ihres Mandanten seien geradezu "zwingend", befanden Alaa S.‘ Verteidiger Frank Drücke und Ricarda Lang. Dieser Argumentation folgte das Gericht nicht.


Opferfamilie ruft zur Besonnenheit auf

Nach dem Urteil sagte die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) während einer Pressekonferenz im Rathaus: "Es gibt ein Urteil, das haben wir alle zu respektieren. Wir leben in einem Rechtsstaat. Wie hat sich Chemnitz in diesem Jahr verändert? Das Verbrechen einerseits, aber auch die Ereignisse danach haben viele Chemnitzer und Chemnitzerinnen sehr betroffen gemacht. Die plötzliche, bisher nicht gekannte überregionale Aufmerksamkeit, fokussiert auf die schlimmen Bilder vor dem Karl-Marx-Kopf, haben unserer Stadt sehr geschadet."

Matthias Nowak, der Pressesprecher der Stadt, wies noch auf den Aufruf der Familie des Opfers Daniel H. hin, das Urteil in keiner Weise politisch zu instrumentalisieren. Das Gedenken solle friedlich erfolgen.

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7Kommentare
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  • 18
    8
    Einspruch
    22.08.2019

    Blackadder und DTR, im umgedrehten Fall würde Ihnen doch auch eine Verleumdung als Beweis reichen. Sie unterstellen einem Zeugen und dem Gericht Gesinnungsjustiz. Beweise?

  • 16
    10
    thombo01
    22.08.2019

    Wenn es nicht zweifelsfrei erwiesen wäre wäre er nicht verurteilt worden. Aber 9 ein halb Jahre ist viel zu wenig meiner Meinung nach.

  • 21
    18
    Blackadder
    22.08.2019

    @arndtbremen: Ich würde die Revision abwarten.

  • 25
    22
    ArndtBremen
    22.08.2019

    @Black/DTR...: Es handelt sich hier um ein Urteil "Im Namen des Volkes"! Sind Sie nicht in der Lage, daß zu respektieren?

  • 19
    28
    DTRFC2005
    22.08.2019

    9 1/2 Jahre für eine Tat, die nicht zweifelsfrei erwiesen ist. Schwierig, schwierig.

  • 18
    37
    Blackadder
    22.08.2019

    Keine DNA Spuren, keine Fingerabdrücke, keine sonstigen Indizien, nur ein Zeuge, der immer mal die Meinung wechselte. Dafür sind 9,5 Jahre eine ganze Menge! Aber in 10 Tagen sind halt Landtagswahlen, da will man "das Volk" beruhigen und es muss ein Schuldiger her.

  • 19
    25
    thombo01
    22.08.2019

    Neuneinhalb Jahre für ein Menschenleben.



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