Nach 2018 in Chemnitz: Verein will mehr als bunte Treppen

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Die "Buntmacher*innen" setzen sich für ein demokratisches Miteinander in der Stadt ein. Dabei haben die Mitglieder schon neue Projekte in Planung.

Es ist nicht die einzige Initiative, die nach den turbulenten Ereignissen im Frühherbst 2018 entstanden ist, aber eine der wenigen, die vom Erschrecken zu kontinuierlicher Arbeit übergegangen ist. Jetzt ist der Verein mit dem bundesweiten Preis "Botschafter der Demokratie" ausgezeichnet worden. Die Auszeichnung ist nicht die erste Ehrung für die Vereinsmitglieder. Doch daraus entsteht auch das Gefühl, sich nicht ausruhen zu dürfen, weiter machen zu müssen.

Am Anfang war Chaos

"Das Lokomov war beim Vernetzungstreffen im September 2018 rappelvoll", erinnert sich Daniel Dost. Klar war, dass man nicht nur reagieren darf, sondern eigenständig etwas aufsetzen muss. Dafür verlief das Treffen zu chaotisch, die Leute liefen zunächst auseinander. In einer folgenden Chat-Gruppe gab es etwa 80 Teilnehmer. Viele waren vorher nicht gesellschaftlich aktiv. "Auch ich hatte mich noch nicht politisch engagiert", sagt Dost. "Die Situation war aber so bedrohlich, dass ich mich aus meiner Bequemlichkeit heraus begeben habe. Es hat mich durchgerüttelt."

14 Mitglieder aktuell aktiv

Heute hat der Verein 14 Mitglieder. Das klingt wenig im Vergleich zur Wucht des Aufbruchs. Doch eine Handvoll Leute, die tatsächlich etwas tun, kann wichtiger sein als viele Kartei-Leichen. Frank Luge, einer der Aktiven, wünscht sich eine etwas breitere Streuung der Mitgliederschaft. "Wir sind alle so zwischen 30 und 50 Jahre. Die Studenten, die anfangs dabei waren, sind wieder gegangen."

Bekannt wurden die "Buntmacher*innen" zuerst durch das 2020 initiierte Projekt der Bunten Treppe, mit dem sie dem gewählten Namen gerecht werden. Für die farbige Gestaltung der Treppe, die von der Augustusburger Straße zum Beginn der Dresdener 'Straße führt, war zunächst eine Umfrage mit verschiedenen Varianten durchgeführt worden. Mehr als 2800 Stimmen gab es. Die "Lego-Version" mit vielen kleinen Abschnitten in verschiedenen Farben - die am schwierigsten zu realisierende - bekam die größte Zustimmung, wurde also umgesetzt.

Von der Bunten Treppe zur Erinnerungskultur

Dass die Ideen vielgestaltig sind, zeigen zwei Projekte dieses Jahres. Am 10. Mai, dem Tag, als 80 Jahre zuvor der erste Zug mit jüdischen Deportierten in Chemnitz abfuhr, sprühten sie die Namen der 136 Opfer auf den damaligen Leidensweg zwischen dem Innenhof der Universität und dem Hauptbahnhof.

Um jüdische Schicksale geht es auch im Film "Irmi". Die "Buntmacher*innen" organisierten die erste Aufführung in Chemnitz bei den diesjährigen Tagen der jüdischen Kultur. Irmi war die Frau eines Chemnitzer Unternehmers, die zuerst nach England und von da in die USA emigrierte. Den Film hat eine ihrer Töchter produziert, die zur Aufführung gemeinsam mit ihrer Schwester nach Chemnitz kam, der Heimat ihrer Mutter. Am 18. November wird er nochmals gezeigt, dann im Archäologiemuseum.

Die "stille Mitte" aktivieren

Seit es die "Buntmacher*innen" gibt, bringen sie sich in die Vorbereitungen auf das Kulturhauptstadtjahr ein. "Es ist uns wichtig, die Menschen zu suchen, die im Verborgenen wirken", betont Daniel Dost. "Das können Hobbies sein oder originelle Ideen." Diese Menschen, die zu der im Bid-Book prominent erwähnten "stillen Mitte" gehören, will man aus dem Verborgenen in die Öffentlichkeit bringen.

Ein Baustein dabei ist die vom Verein aufgebaute Internetplattform Kulturmacherinnen.eu, erstmals beim diesjährigen Kosmos-Festival präsentiert. Dort können sich Menschen unter dem Motto "Und was machst du?" vorstellen. Das Spektrum reicht schon jetzt vom elfjährigen Youtuber bis zum 90-jährigen Modelleisenbahner. Und es soll noch viel breiter werden.

"Klingelputzen" vor Landtagswahl

Den "normalen Bürger" zu erreichen, war auch vor den Landtagswahlen 2019 Ziel eines außergewöhnlichen Wahlkampfes. An rund 800 Haustüren im Stadtteil Bernsdorf wurde geklingelt. Nicht um für eine bestimmte Partei Werbung zu machen, sondern um die Menschen aufzufordern, überhaupt von ihrem demokratischen Wahlrecht Gebrauch zu machen. Die Wirksamkeit der Kampagne lässt sich schlecht beurteilen. "Aber von einem Angesprochenen weiß ich, dass er schon die Wahlbenachrichtigung zerrissen hatte, dann aber doch hingegangen ist", erinnert sich Dost.

Im Herbst startet ein neues Vorhaben, die Kosmos-Werkstatt. Die Inhalte dieses Festivals sollen von einer breiten Basis bestimmt werden. Dafür wird ein Beirat, dem Bürgerinnen und Bürger angehören sollen, eingesetzt. 500 Chemnitzer wurden dafür angeschrieben, von den positiven Rückmeldungen 39 ausgewählt. Die Besetzung soll von Alter, Herkunft und Geschlecht einen Querschnitt abbilden. Im Kulturhauptstadtjahr 2025 soll das Projekt in einem "Kosmos Europa" münden. Eine weitere Idee mit Bezug auf das Kulturhauptstadtjahr ist die Europäische Bibliothek der Dinge, die man in Kooperation mit der Stadtbibliothek aufbauen möchte.

Druck zur Professionalisierung wächst

An Ideen mangelt es nicht, doch bisher ist die Arbeit rein ehrenamtlich organisiert. "Wir brauchen eine Professionalisierung", sagt Frank Luge. "Am Anfang gab es viel Aktionismus", erinnert sich Daniel Dost. "Durch die öffentliche Anerkennung bei Preisverleihungen wird nun aber strategisches Arbeiten mit langfristigen Zielen nötig."

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