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Rätseln der Stadtgeschichte auf der Spur

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Seit anderthalb Jahrhunderten erforschen Profis und Laien gemeinsam die Chemnitzer Vergangenheit. Ihr Wirken hat das Geschichtsbild einer Stadt geprägt, die immer wieder auf der Suche nach ihrer Identität war. Auch daran erinnert in der kommenden Woche ein Kolloquium.

Chemnitz war schon damals anders. Während die Schwesterstädte Leipzig als Universitäts- und Handels- sowie Dresden als Residenzstadt bereits weit vor dem 19. Jahrhundert auf eine glorreiche Geschichte zurückblicken konnten, fehlten in Chemnitz solch herausragende Entwicklungslinien vermeintlich. Von Festungsmauern umgeben, zählte die Stadt bis um 1800 gerade einmal 10.000 Einwohner.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich jedoch auch hier der Bürgerstolz. Mit der Herausbildung eines deutschen Nationalbewusstseins rund um die Gründung des Kaiserreiches 1871 stellte sich die Frage, welchen Platz Chemnitz dabei zugeschrieben werden kann. In diesem Kontext wurde am 13. Dezember 1872 der Chemnitzer Geschichtsverein gegründet. Mit ihm war eine Institution entstanden, die sich der modernen Stadtgeschichtsforschung verschrieb.

Bereits seit 1860 kursierte der Begriff vom "Sächsischen Manchester". Mit der Entwicklung von Chemnitz zur ersten Fabrikstadt im Königreich Sachsen wurde im neuen Verein dieses Narrativ von Chemnitz als der sächsischen Industriemetropole in der modernen Stadtgeschichte mitbegründet. Wenn der Verein im Jahre 1872 nur elf Mitglieder zählte, waren es 1875 bereits über 400. Die Stadt, das heißt in erster Linie ihre Industrie, entwickelte sich gigantisch schnell. Bereits 1883 - mit über 100.000 Einwohnern - wurde Chemnitz die 15. Großstadt Deutschlands.

Mit Publikationen und historischen Sammlungen leistete der Geschichtsverein seinen Beitrag, um ein identitätsstiftendes Geschichtsbild zu vermitteln. Zwei Ereignisse stehen dafür symbolisch: Mit einem großen Spektakel feierte die Stadt 1893 ihre 750-Jahr-Feier, 1909 konnte der Verein im neu eröffneten König-Albert-Museum am Theaterplatz seine stadtgeschichtliche Sammlung nun in repräsentativen Räumen präsentieren.

In der Weimarer Republik erlebte der Geschichtsverein mit 366 Mitgliedern (1919) vorerst zahlenmäßig wieder einen Aufschwung. Aber die katastrophale Lage der Nachkriegsjahre ging nicht spurlos an ihm vorbei. Die Publikationen fielen im Verhältnis zu den Jahrzehnten zuvor spärlicher aus. Für die Kontinuität in der stadtgeschichtlichen Forschung stand in dieser Zeit besonders Gymnasialprofessor und Stadtarchivar Dr. Paul Uhle (1856-1930), der unter anderem die umfangreiche Chronik "Chemnitz im Weltkrieg 1914-18" verfasste.

Mitte der 1920er-Jahre rückte die Frage der fehlenden Finanzen zur Unterhaltung des Vereinsmuseums am Theaterplatz in den Fokus. Verein und Stadtverwaltung einigten sich, das Museum ins dafür neu ausgebaute ehemalige Benediktinerkloster auf dem Schloßberg zu überführen. Damit bekam Chemnitz 1931 sein bis heute bestehendes stadthistorisches Museum.

Mit Machtergreifung der Nationalsozialisten bekannte sich der Vereinsvorstand zeitig zum nationalsozialistischen System. In der Hauptversammlung im April 1933 stellte er sich die Aufgabe, "die Kultur der 1000-jährigen deutschen Vergangenheit aus den jetzt zerbrochenen Staatsformen in den Staat unserer deutschen Zukunft hinüberzuleiten." Doch die Jahre bis 1945 waren durch einen Rückgang der Forschungs- und Publikationstätigkeit sowie der Mitgliederzahlen gekennzeichnet. Für 1943 hätte sich nach der Deutung von 1893 eine 800-Jahr-Feier von Chemnitz angeboten. Diese kam jedoch wegen des bereits proklamierten "Totalen Krieges" nicht zustande. Wie alle Vereine der Stadt wurde auch der Chemnitzer Geschichtsverein nach Kriegsende aufgelöst.

Den schwerwiegendsten Bruch für die Chemnitzer Identität stellte jedoch die im Mai 1953 in stalinistischer Manier vollzogene Umbenennung von Chemnitz in Karl-Marx-Stadt dar. Zugleich begannen wieder regionalhistorische Forschungen. Das Zentrum dafür wurden mit Stadtarchivar Dr. h. c. Rudolph Strauß (1904-1987) das Stadtarchiv und die "Beiträge zur Heimatgeschichte". Wenn auch wenig beachtet, haben diese vielfältigen historischen Studien auch heute noch Bestand. Weiterhin entstanden unter dem Dach des Kulturbundes Arbeitsgemeinschaften mit regionalhistorischen Bezügen. Einzelne Heimat- und Stadtgeschichtsforscher arbeiteten abseits davon zu selbst gewählten Themen.

Eine Zäsur sollte dem Jahr 1965 zukommen. Obwohl eine Urkunde zur Stadtgründung für 1165 fehlt, inszenierte man eine große 800-Jahr-Feier unter dem Motto: "Unser Karl-Marx-Stadt. 800 Jahre alt - 20 Jahre jung". Mit einer Festwoche strahlte die Stadt unter starker Beteiligung der Einwohner weit über ihre Grenzen aus. Die Partei- und Staatsführung war zu Gast, eine Briefmarkenserie kam heraus, eine Festschrift wurde gedruckt, ein mehrstündiger Festumzug in historischen Kostümen bildete den Höhepunkt. Doch die Versuche, ein neues, "sozialistisches" Geschichtsbild zu stiften, schafften es nicht in die Herzen der Chemnitzer. Symptomatisch dafür, wie Franz Fühmann schrieb: "Weiterung wie Verengung (oder: Weiterung als Verengung) blieben strikt im Linearen: gutes Erbe, schlechtes Erbe; und die Bestimmung allein vom Ideologischen her."

Die Wende 1989 ging einher mit der Rückbesinnung auf den historischen Stadtnamen und die eigene Geschichte. In Chemnitz ging das unter dem "Karl-Marx-Stadt-Syndrom" wohl schneller als in anderen DDR-Städten. Bereits im Februar 1990 kamen 170 Personen im Rathaus zusammen, als der Direktor des Stadtarchives, Dr. Gert Richter, über das Wirken des Vereins für Chemnitzer Geschichte referierte, dessen Wiedergründung er anregte. Nur zwei Monate später, im April 1990, war diese vollzogen.

In den folgenden Jahren setzte der Verein mit Vorträgen, Publikationen, Exkursionen und Ausstellungen wieder wichtige Akzente für die Stadtgeschichte. Er initiierte 1992 die Spendenaktion für den Weiterbau des seit 1979 geschlossenen Schloßberg-Museums. 1991 wurde 80 Jahre Rathausweihe gefeiert; das Agricola-Jahr 1994 mit internationaler Beteiligung wäre ohne die Initiativen des Vereins undenkbar gewesen. Legendär wurden die Sommerfeste, zu denen teilweise über 10.000 Menschen strömten.

Kontakt Bürozeit dienstags, 10 bis 16 Uhr, Franz-Mehring-Straße 7, 09112 Chemnitz. www.chemnitzer-geschichtsverein.de