Als kein Krümel Brot verschwendet wurde

Das Erzgebirge ist einzigartig - auch wegen seiner Sprache. Und die setzt dem regionalen Essen liebevoll noch ein Sahnehäubchen obenauf. Heute im Gespräch mit: Anton Günthers Enkel.

Klingenthal/Oberwiesenthal. Brot und Ardäppeln. "Für die heute heranwachsende Generation nur schwer vorstellbar, dass diese Grundnahrungsmittel einst hoch geschätzt wurden", blickt Anton Günther Lehmann auf seine Kindheit zurück. Der heute in Klingenthal lebende 74-jährige Enkel der erzgebirgischen Mundart-Ikone Anton Günther wurde in der Gastwirtschaft "Neues Haus" in Oberwiesenthal geboren.

In Oberwiesenthal groß geworden, kennt er die verschiedenen Varianten, Kartoffeln zu verarbeiten, ob roh, gekocht oder beides zusammen zu Gerichten verarbeitet, die bei ihm die Namen Rauche Mad, grüne Klitscher oder Liwanzen tragen. "Bei uns wurde Ardäpplbrei aus rohen Kartoffeln hergestellt, Salz und Zwiebel dazugegeben und samt Majoran und Kümmel in den Topf gestampft", sagt der rüstige Senior. Noch heute denke er an Eigebrocktes. "Seinerzeit wurde kein Krümel Brot verschwendet." Man habe das harte Brot gebrochen und in den Malz-Kaffee, in dem einige Körner Sacharin als Süßstoff waren, gegeben und mundgerecht aufgeweicht. "Die Einheimischen kennen auch Be-Bemmen - von beiden Seiten geröstete Schnitten, die dazu auf den Küchenofen gelegt wurden."

Eintöpfe hätten ebenso zum Alltag gehört, indes eine fette Fleischbeilage habe man da vergebens gesucht, sagt Lehmann. Wie seinem Großvater, der gern Möhreneintopf gegessen habe, würden ihm die einfachen Speisen durchaus munden: Kohlsuppen, Gräupchen, Zudelsupp oder Nudeln mit Zucker. Ein Gericht der kargen Jahre seien genauso grüne Heringe mit Kartoffeln gewesen. "Ungern erinnere ich mich an Quarkle, eine Käsevariation, deren Geruch mir nie gefiel." Umso mehr hätte er sich auf Pflaumenknödle mit Zucker und Zimt gefreut.

Schwarzbeeren, denen der Großvater beispielsweise im Lied von der "Annl mit dem Kannl" ein musikalisches Denkmal gesetzt habe, wurden im Kuchen verarbeitet. "Je nach Jahreszeit kamen regionale Früchte dazu. Ebenso gab's Zuckerkuchen, der so hart wie ein Brett war, weil es an gehaltvoller Butter fehlte."

Auch Kakao habe es gegeben. "Aber der war grieslich auf der Zunge, der hat wie Sand auf der Zunge gerieben", so Lehmann. "Als Kind habe ich Milch beim Händler geholt. Da gab es zwei große Milchkannen, daran hing der Schepper. In einer die gehaltvollere Rahmmilch, daneben die vom Fett abgeschöpfte billigere, sogenannte blaue Milch."

"Ich staune noch immer, welche Kochkünstler die Frauen damals waren, wie sie aus dem Wenigen derart Leckeres zauberten." Heute sei nicht mehr nachvollziehbar, dass seinerzeit eine Brennnessel- und Brotsuppe mundete und oft der Teller abgeleckt wurde. Kartoffelschalen seien beim Nachbarn willkommen gewesen. "Die habe ich fortgeschafft und dafür Eier bekommen, zum Jahresende gab es auch einmal einen halben Hasen." Geschmackliche Höhepunkte seien jene Sonntage gewesen, an denen mal ein Sauerbraten oder ein Schnitzel auf den Tisch kam. Sein Resümee: Essen verstehe er als ein Stück Kultur der Zeit. "Und da habe ich das schlichte und einfache schätzen gelernt."

Bildtext: Anton Günther Lehmann in seinem Arbeitszimmer im Klingenthaler Haus. Foto: Christof Heyden

Als kein Krümel Brot verschwendet wurde

Das Erzgebirge ist einzigartig - auch wegen seiner Sprache. Und die setzt dem regionalen Essen liebevoll noch ein Sahnehäubchen obenauf. Heute im Gespräch mit: Anton Günthers Enkel.

Von Christof Heyden

Klingenthal/Oberwiesenthal - Brot und Ardäppeln. "Für die heute heranwachsende Generation nur schwer vorstellbar, dass diese Grundnahrungsmittel einst hoch geschätzt wurden", blickt Anton Günther Lehmann auf seine Kindheit zurück. Der heute in Klingenthal lebende 74-jährige Enkel der erzgebirgischen Mundart-Ikone Anton Günther wurde in der Gastwirtschaft "Neues Haus" in Oberwiesenthal geboren.

In Oberwiesenthal groß geworden, kennt er die verschiedenen Varianten, Kartoffeln zu verarbeiten, ob roh, gekocht oder beides zusammen zu Gerichten verarbeitet, die bei ihm die Namen Rauche Mad, grüne Klitscher oder Liwanzen tragen. "Bei uns wurde Ardäpplbrei aus rohen Kartoffeln hergestellt, Salz und Zwiebel dazugegeben und samt Majoran und Kümmel in den Topf gestampft", sagt der rüstige Senior. Noch heute denke er an Eigebrocktes. "Seinerzeit wurde kein Krümel Brot verschwendet." Man habe das harte Brot gebrochen und in den Malz-Kaffee, in dem einige Körner Sacharin als Süßstoff waren, gegeben und mundgerecht aufgeweicht. "Die Einheimischen kennen auch Be-Bemmen - von beiden Seiten geröstete Schnitten, die dazu auf den Küchenofen gelegt wurden."

Eintöpfe hätten ebenso zum Alltag gehört, indes eine fette Fleischbeilage habe man da vergebens gesucht, sagt Lehmann. Wie seinem Großvater, der gern Möhreneintopf gegessen habe, würden ihm die einfachen Speisen durchaus munden: Kohlsuppen, Gräupchen, Zudelsupp oder Nudeln mit Zucker. Ein Gericht der kargen Jahre seien genauso grüne Heringe mit Kartoffeln gewesen. "Ungern erinnere ich mich an Quarkle, eine Käsevariation, deren Geruch mir nie gefiel." Umso mehr hätte er sich auf Pflaumenknödle mit Zucker und Zimt gefreut.

Schwarzbeeren, denen der Großvater beispielsweise im Lied von der "Annl mit dem Kannl" ein musikalisches Denkmal gesetzt habe, wurden im Kuchen verarbeitet. "Je nach Jahreszeit kamen regionale Früchte dazu. Ebenso gab's Zuckerkuchen, der so hart wie ein Brett war, weil es an gehaltvoller Butter fehlte."

Auch Kakao habe es gegeben. "Aber der war grieslich auf der Zunge, der hat wie Sand auf der Zunge gerieben", so Lehmann. "Als Kind habe ich Milch beim Händler geholt. Da gab es zwei große Milchkannen, daran hing der Schepper. In einer die gehaltvollere Rahmmilch, daneben die vom Fett abgeschöpfte billigere, sogenannte blaue Milch."

"Ich staune noch immer, welche Kochkünstler die Frauen damals waren, wie sie aus dem Wenigen derart Leckeres zauberten." Heute sei nicht mehr nachvollziehbar, dass seinerzeit eine Brennnessel- und Brotsuppe mundete und oft der Teller abgeleckt wurde. Kartoffelschalen seien beim Nachbarn willkommen gewesen. "Die habe ich fortgeschafft und dafür Eier bekommen, zum Jahresende gab es auch einmal einen halben Hasen." Geschmackliche Höhepunkte seien jene Sonntage gewesen, an denen mal ein Sauerbraten oder ein Schnitzel auf den Tisch kam. Sein Resümee: Essen verstehe er als ein Stück Kultur der Zeit. "Und da habe ich das schlichte und einfache schätzen gelernt."

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