Corona im Erzgebirge: Landrat offen für Ausgangs-Beschränkungen

Die Gesundheitsämter des Erzgebigskreises haben zum einen mit einem Rückstau an Meldungen neuer Corona-Fälle zu kämpfen, zugleich mangelt es an Kapazitäten zum Testen.

Annaberg-Buchholz.

Angesichts der anhaltend hohen Zahl an Corona-Neuinfektionen hat sich der Landrat des Erzgebirgskreises offen für nächtliche Ausgangssperren gezeigt. Es sei aber nicht sinnvoll, einen solchen Schritt nur für seinen Landkreis zu gehen - vielmehr müsse dies sachsenweit diskutiert werden, sagte Frank Vogel (CDU) am Donnerstag vor Journalisten in Annaberg-Buchholz. Allerdings seien schon jetzt wegen geschlossener Restaurants und Freizeiteinrichtungen nach 21 Uhr nach seiner Erfahrung keine größeren Menschenmassen unterwegs. Treffen könnte eine Sperre etwa einzelne Geschäfte und Tankstellen. «Realistisch betrachtet müsste man dann eine generelle Ausgangssperre aussprechen», sagte Vogel. «Ich glaube, dass das keiner will.»

Der Erzgebirgskreis gilt seit Wochen als einer der Corona-Hotspots in Sachsen. Mehr als jeder vierte der mehr als 400 Todesfälle im Freistaat im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion entfällt auf diesen Landkreis. Nach Angaben des Landratsamtes ist zuletzt die Dynamik des Infektionsgeschehens etwas abgeflacht. In der vergangenen Woche wurden im Schnitt 176 Neuinfektionen pro Tag bestätigt. Die sogenannte 7-Tages-Inzidenz wurde am Donnerstag mit 229,3 angegeben.

Deutlich zugenommen hat in der Region allerdings die Zahl der Covid-Patienten in den Krankenhäusern: Seit Monatsbeginn um 42 Prozent auf inzwischen mehr als 200. Die Situation sei angespannt, auch wegen Infektionen und Ausfällen beim Pflegepersonal selbst, erklärte Vogel. Als "angespannt, aber noch beherrschbar", beschreibt Norbert Heide die Situation in den Erzgebirgskrankenhäusern. "Langsam kritisch" werde die Lage beim Pflegepersonal, so der ärztliche Leiter des Klinikums Mittleres Erzgebirge.

Von einem Rückstau bei der Übermittlung der neuen positiven Tests durch die Gesundheitsämter an das Robert-Koch-Institut (RKI) beziehungsweise die Landesuntersuchungsanstalt spricht Frank Reißmann, Abteilungsleiter Soziales und Ordnung. Deshalb seien an einigen Tagen auch keine neuen Daten von diesen Stellen veröffentlicht worden. Das Landratsamt veröffentlicht seit geraumer Zeit keine eigenen Daten mehr, sondern beruft sich auf die Werte des RKI.

Unterschiedlich hohe Inzidenz-Werte, sprich die durchschnittlichen Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangen sieben Tagen, beim RKI oder beim Freistaat erklärt er mit unterschiedlichen Berechnungsgrundlagen. Beim RKI werden Nachmeldungen von Infektionen auf den jeweiligen Tag der positiven Testung zurückdatiert. Andere Stellen wie der Freistaat Sachsen würden die Neumeldungen jeweils aufsummieren. Ohne sie gegebenenfalls zurückzudatieren.

In den kommenden Tagen werde die Sieben-Tage-Inzidenz im Erzgebirgskreis weiter sinken, prognostiziert Landrat Frank Vogel. Der Grund ist jedoch kein positiver: Es gibt nicht genügend Testkapazitäten im Landkreis. Aktuell können die Gesundheitsämter 80 Testungen pro Tag vornehmen. Hinzukommen Tests, die die niedergelassenen Ärzte vornehmen oder die Krankenhäuser. In der vergangenen Woche waren mehr als 2000 Tests getätigt worden. (sane/dpa)

Zum Ticker: Das ist die aktuelle Corona-Lage im Erzgebirge

Mitschnitt von der kompletten Pressekonferenz:

77 Kommentare
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  • 10
    5
    tbaukhage
    12.11.2020

    @JochenV: Ich hatte schonmal um eine Erklärung gebeten (leider erfolglos), wie man mit der Steigerung des Testzahlen von 6,6% eine Steigerung der Fallzahlen von 50% erklären kann. Beide Zahlen beziehen sich auf die vergangenen fünf Wochen.

  • 9
    15
    BuboBubo
    12.11.2020

    Zum methodisch klaren Denken gehört auch das Denken in Zusammenhängen. So könnte man auf die Idee kommen, die aktuelle Zeitreihe der mit Corona infizierten Intensivpatienten aus dem Intensivregister, die seit 1.10. stark ansteigt (von 362 auf 3186 = 880%) mit dem Zeitverlauf der 7-Tage-Inzidenz, die seit 1.10. ebenfalls stark ansteigt (von 15 auf 139 = 926%) in Korrelation zu setzen. Möglicherweise fällt dann auf, dass das eine mit dem anderen in irgendeiner Form zusammenhängen muss. Daraus könnt man sogar die kühne Prognose wagen, dass bei noch weiter steigender Inzidenz auch die Anzahl der Intensivpatienten wächst. Genial, nicht wahr?

  • 12
    13
    Mildenauer
    12.11.2020

    @larifari. Da ist schon ne Menge Slapstick dabei. Das Schütteln der Hände ist im Erzgebirge eine alte Tradition und ist im restlichen Deutschland und der übrigen Welt schon seit Generationen nicht mehr üblich. Daher die vielen Infizierten hier im Erzgebirge. Aber es kann natürlich auch an den ballermannartigen Menschenaufläufen hier im Erzgebirge nach 21:00 liegen. Slapstick!!!

  • 4
    13
    Lola
    12.11.2020

    Ich verstehe bloß nicht so ganz. Warum keiner über Görlitz redet?????
    Da hätten wir Höhe Infektionszahlen und die Tatsache, dass Deutsche noch zwecks tanken und Zigaretten über die Grenze dürfen.

    Ausgangssperre nach 21:00 Uhr würde mich wie die meisten Menschen bestimmt nicht anheben bzw. in den Alltag einschränken. Ich kenne nur eine Tschechin, die nach 21:00 Uhr in der Dunkelheit einen Spaziergang will/ vermisst.

  • 36
    4
    larifari
    12.11.2020

    @Gegs... dem kann ich nur zustimmen. Welchen Unmengen von Wählern hat den Frank Vogel (CDU) das letzte Mal in solchen Mengen Hände auf der Straße nach 21.00 Uhr schütteln müssen, dass jetzt eine nächtliche Ausgangssperre das letzte Mittel zur Eindämmung der Pandemie sein soll. Junge, Junge, Junge...

  • 22
    16
    JochenV
    12.11.2020

    Wenn wir nicht methodisch klar die Infektion mit dem Virus von der Erkrankung durch den Virus unterscheiden, kommen wir in unserer Vorstellungswelt und dann mit unseren Maßnahmen tatsächlich in Teufels Küche. Dazu brauchts nicht einmal einen Anstieg des Ansteckungsgrads der Bevölkerung ---angegeben in gefundenen angeblich positiven Tests pro Testanzahl--- : Die praktizierte willkürliche Aufaddierung der durch höhere Testdichte auch mehr gefundenen "positven" Tests in ihrem absoluten Ausdruck einfach auf die Bevölkerungszahl --ohne dass eine größerer Ansteckungsgrad vorliegen muss-- erzeugt die somit falsch indizierte Inzidenz-Zahl, und die ist bei höherer Testdichte immer für einen Schockeffekt gut. Deshalb sollten wir als erstes unser Handwerkszeug in Ordnung bringen und die Inzidenzzahl in ihren funktionellen Zusammenhang stellen: Zur Anzahl der dafür aufgewendeten Tests. Man darf annehmen, dass mit der dann möglichen realistischen Sichtweise niemand mehr die nerven verlieren brauch

  • 68
    15
    Gegs
    12.11.2020

    Offen für eine nächtliche Ausgangssperre bin ich auch. Wie die meisten Menschen, die keine triftigen Gründe haben, liege ich da in meinem Bett und schlafe.

    Ich glaube deshalb nicht, dass die nächtliche Ausgangssperre zu einer wesentlichen Kontaktreduzierung, welche notwendig ist, führt.