"Leg dich niemals mit der Gang an"

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Bierdeckelgeschichten (2): Wer regelmäßig in die Disko im Volkshaus Raschau ging, der weiß: Es galt als "heißes Pflaster". Frank Flemming erzählt von den ungeschriebenen Regeln.

Raschau.

"Es war ein ganz normaler Freitagnachmittag im Jahre 1979, als für meinen Kumpel und mich, damals beide 17 Jahre alt, eine mehr oder weniger schwere Arbeitswoche im sogenannten Lehrlingskollektiv zu Ende ging. Wir waren mitten im zweiten Lehrjahr, und der nahende Samstag bedeutete daher: ausschlafen und das Wochenende genießen.

Seit gut zwei Jahren waren wir in zunehmendem Maße Disko-Gänger im Volkshaus geworden. Dieser graue Kasten wurde bereits von unseren Eltern in der Wismut-Zeit Anfang der 50er-Jahre mit Kegelbahn und Gaststätte im Erdgeschoss, großem Saal und Bühne im Obergeschoss zu Tanzveranstaltungen besucht. Nun stand ich also gegen 17.30 Uhr in meinen Lieblingsklamotten, das heißt in meiner einzigen Jeans, kariertem Hemd und einer Jacke mit Fellimitat, in deren Tasche eine Schachtel f 6 und 15 Mark steckten, an der Bushaltestelle und wartete auf den ,Sechse-Bus'. Der kam pünktlich und war fast leer. Mein Kumpel saß bereits ganz hinten drin, und ich legte dem Busfahrer die 40 Pfennig Fahrgeld auf seinen Tresen. Nach zehn Minuten Busfahrt stiegen wir in ,Raschau-Texas' aus und stiefelten durch diese Siedlung, um noch meinen Cousin und dessen Freundin abzuholen.

Der Eingang zum Saal im Obergeschoss war an der hinteren Stirnseite des Gebäudes, neben der kleinen Tankstelle vom Skoda-Hänel und einem riesigen Kohlehaufen. Der Pkw-Anhänger der mobilen Diskothek stand gegenüber auf dem Parkplatz, und obwohl die Disko bereits eine Stunde lief, kamen erst jetzt erst die meisten Gäste. So mussten wir ein paar Minuten auf der steilen Treppe Schlange stehen. Oben angekommen, bezahlten wir die obligatorischen 2,10 Mark Eintritt und bekamen unseren Stempel auf den Handrücken gedrückt.

Im Saal empfing uns eine feuchte, von verschüttetem Bier, Schweiß, billigem Deodorant und Zigarettenqualm angereicherte Luft. Der Saal war verdunkelt. Nur von der Bühne leuchteten ein paar bunte - von Relais gesteuerte oder von Hand betätigte - Strahler mit gelben, grünen, roten oder blauen Farbfolien davor. Zwischen zwei auf Stativen befestigten Lautsprechern standen meist drei aneinander gereihte Tische, auf denen die Tontechnik wie Tonbandgeräte, Verstärker und ein Mixer stand. Sichtbar waren nur die selbst gebauten Scheinwerfer und eine klappbare Tafel vor dem DJ-Pult, auf der in Leuchtfarben der Name der Diskothek gepinselt war.

Wir waren also drin, gewöhnten uns allmählich ans Schummerlicht und bewegten uns durchs Gedränge in Richtung Tresen. Das Volkshaus galt als ,heißes Pflaster', Ärger lauerte an jeder Ecke. Mit der Zeit hatten wir daher ein paar ungeschriebene Regeln aufgestellt:

1.Lege Dich niemals mit der ortsansässigen Gang an! In diesem Fall war das die Gang von einem durchtrainierten schwarzen Lockenkopf und dessen blonder Freundin, die wir ,das Tier' nannten. Er war erst zum Boss aufgestiegen.

2.Behalte immer Deine Sachen an Mann! Somit warst Du bereit, den Saal - aus welchem Grund auch immer - schnell zu verlassen.

3.Gehe nie allein aufs Klo! Denn Du weißt nie, wer und was Dich dort erwartet.

4.Setze Dich nie an einem Tisch! Denn dadurch verlierst Du den Überblick über das Gesamtgeschehen, bist angreifbar und unflexibel. Außerdem dauert es ewig, bis dir der Kellner etwas bringt.

5.Stelle Dich bei der Schlange am Tresen niemals hinten an! Das dauert viel zu lange. Es gibt immer einen Kumpel, der weiter vorn steht. Dem gibst Du ,sein' Bier aus und so hast Du deins schneller.

6.Verlasse den Saal, bevor dir übel wird! Es schadet Deinem Ruf und erspart Dir eine Menge Ärger mit dem Ordnungspersonal.

7.Sei nett zu den Frauen, von denen Du etwas willst und fall nicht gleich mit der Tür ins Haus.

8.Fang nicht erst 10 Minuten vor Schluss an, Dir ein Mädel zu suchen. Die Besten sind da ohnehin schon weg.

Mit diesen ,Weisheiten' im Hinterkopf waren wir an unserem Stammplatz, rechts neben dem Tresen, angelangt. Er lag leicht erhöht, sodass man einen guten Überblick über die Tanzfläche hatte. Außerdem hatte man es zur Bier-Quelle nicht so weit, und man konnte sein Glas auf dem Fensterbrett hinter sich abstellen und sich anlehnen. Nun, mit einem halben Liter ,Wernes' in der Hand, gingen die Begrüßungsrituale los: Die reichten vom Heben des linken Armes zum Tisch der Rittersgrüner Kumpels über ein kräftiges Klopfen mit der zur Faust geballten Hand auf den Tisch der Markersbacher bis hin zum Schulterklopfen unserer neuen Kumpels aus der ,Rasche'.

So standen wir also dort oben auf unserem Ausguck: Wir, die ,Helden' des Freitagabends. Wir lachten, tranken, rauchten, schauten uns um und an, gingen mal ,eine 18' machen, holten wieder Bier und schauten uns weiter um. Wonach? Ja, wonach wohl? Nach der Frau des Lebens? Mein Kumpel sagte nach diversen Rückschlägen resignierend: ,Die hier in der Gegend oder gar hier im Volkshaus zu finden, habe ich schon lange aufgegeben!'" (mit matu)

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22 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    0
    gelöschter Nutzer
    22.05.2021

    Bei mir lag die Diskotheken-Zeit in den 90 igern, erinnere mich sehr gern an die damaligen Zeiten, bei mir wars der Bunker, Schlachthof, Sky, weißes Lamm u.s.w. Ich gehörte zwar irgendwie zu denen, die keine abbekommen haben, lag aber bestimmt an meiner Schüchternheit. Wenn ich meinen Söhnen heute davon erzähle, denken die immer, was ist ihr Vater für ein Alter Sack. Ne, war eine Zeit, die man nicht missen möchte.

  • 5
    1
    GisSchrutek
    21.05.2021

    Diese "Geschichten" könnten zuhauf erzählt werden, so dass ein ganzes Buch entstehen könnte...(Idee!). - Auch in Schneeberg ("Freundschaft"), Neustädtel ("KH"), Schlema ("Aktivist") und Aue ("Treff") haben wir in den 70ern einiges erlebt, und ich sehe die Bilder noch vor mir: Die "Platzhirsche" nebst aktueller Freundin (letztere später Frau, aber schon lange wieder geschieden), junge Paare (heute noch verheiratet, wir grüßen uns im Ort...), örtlich bekannte "Singlemänner" (die nie eine Frau abbekamen, aber aus Freundschaft oder "Mitleid" zum Tanz bei den "drei Deitschen" - auch von mir - mal "geholt" wurden), etwas "mulmige Stimmung", wenn die polnischen Vertragsarbeiter auftauchten, die lange Schlange an der Bar (Bier, Wein, Pfeffi, Mokka Edel, Timms Saurer...), Stempelbild auf dem Handrücken, verrauchte Luft, gemeinsamer Toilettengang der Damen mit Nachschminken, originale Musik ("ROCCO" u.a.), gute Diskotheken, ein sehr guter Zusammenhalt, Freundschaften, schönste Erinnerungen !!!