Briefe, Vögel, Grenzen und die Frage: Wem gehört der Himmel?

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Die Künstlerfreundschaft zwischen Carlfriedrich Claus sowie Ilse und Pierre Garnier steht im Mittelpunkt einer neuen Ausstellung. Eine Zeitreise, die Strahlkraft bis in die Gegenwart hat.

Annaberg-Buchholz.

Annähernd 22.000 Briefe von und an Carlfriedrich Claus sind in seinem Archiv in den Kunstsammlungen in Chemnitz hinterlegt. Etwas Besonderes aber ist der Briefwechsel des Annaberg-Buchholzer Künstlers, der von 1930 bis 1998 gelebt und gearbeitet hat, mit seinen beiden französischen Künstlerfreunden Ilse und Pierre Garnier. Vor zwei Jahren hat die langjährige Kuratorin der Kunstsammlungen und Leiterin des Carlfriedrich-Claus-Archivs in Chemnitz diesen intensiven Austausch in einem Buch dokumentiert. Damals schon war auch die Ausstellung für den Studienraum des Annabergers bereits konzipiert, doch vor allem coronabedingt kann sie erst jetzt gezeigt werden.

"Hochspannend" für alle, die sich auf die Zeitreise einlassen, ist Margit Kreißl überzeugt. Die langjährige Vorsitzendes des Fördervereines und Kuratorin der neuen Ausstellung hat sich selbst schon mehrfach auf diese Reise begeben, denn die Briefe seien eine "unverfälschte Quelle", die Zeitgeschichte aus ganz persönlichen Blickwinkeln dokumentieren, so wie zum Beispiel die Repressalien der Zollorgane, die immer wieder Postsendungen der Schreibenden einbehielten. Insbesondere aus dem Blickwinkel der einstigen Teilung des Landes haben die Briefe für die Schirmherrin der Ausstellung, Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch, zudem noch eine viel weitreichendere Bedeutung: "Aus heutiger Sicht ist die deutsch-französische Künstlerfreundschaft zwischen Claus und den Garniers etwas ganz Besonderes: ein Funken Zuversicht darauf, dass Teilung überwindbar ist. Für mich ist diese einfache, menschliche Botschaft von Hoffnung und Zusammenhalt, die heute noch genauso aktuell ist, vielleicht sogar noch dringlicher."

Es hat auch in dieser Freundschaft Narben und Brüche gegeben, sagt sie. Und doch sei das, was Claus und Garniers verbunden habe, haltbarer als jede Teilung gewesen. Wohl auch deshalb hat diese Freundschaft von 1963 bis zum Tod von Carlfriedrich Claus im Jahr 1998 und darüber hinaus Bestand. Insgesamt befinden sich 295 Briefe und Postkarten im Archiv - 146 an den Annaberger Künstler, 148 an das französische Künstlerehepaar.

Und in ihren Briefen haben sie auch die Frage, die der Ausstellung ihren Namen gegeben hat, immer wieder neu beantwortet: Wem gehört der Himmel? Spätestens zu diesem Zeitpunkt kommt die Ornithologie ins Spiel. Denn immer wieder haben in ihren Korrespondenzen Vögel eine Rolle gespielt, die sie viel beobachtet und auch zum Inhalt ihrer künstlerischen Arbeit gemacht haben. So wie Ilse Garnier in ihrer Mappe "Winterlandschaft mit Vögeln", in der sie in wenigen schwarzen und weißen Strichen und Worten auf blauem Grund vom Sterben der Vögel im Winter erzählt - von Einsamkeit und Vergänglichkeit, von Kälte und Tod "in der Weite ungastlicher Felder". In Erinnerung an diese alltäglichen Beobachtungen des Carlfriedrich Claus in seiner einstigen Wohnung, hat der Förderverein erste Nistkästen an den Fenstern befestigt, die in der Schnitzschule in Annaberg-Buchholz gefertigt worden sind. "Vielleicht gibt es ja im nächsten Frühjahr erste Bewohner", hofft Margit Kreißl.

Nicht ihr einziges "Zukunftsprojekt": "Beide Seiten haben mit ihren Briefen so viel für die deutsch-französische Völkerverständigung getan", sagt sie und will insbesondere diesen Gedanken in den nächsten zwei Jahren - die Ausstellung läuft bis in den August 2024 - verstärkt aufgreifen. In Kooperation mit dem Europe Direct Erzgebirge, der lokalen Schnittstelle zwischen den Erzgebirgern und der Europäischen Union, soll unter anderem eine zweisprachige Begleitschrift zur Ausstellung entstehen. Möglichst noch vor den Herbstferien sollen jeweils 50 Exemplare in deutscher und in französischer Sprache vorliegen.

Außerdem bereitet sie für das nächste Jahr einen Aktionstag mit dem France Mobil vor. In dem sind während eines Schuljahres zwölf französische Lektorinnen und Lektoren in ganz Deutschland unterwegs, um Kinder und Jugendliche aller Altersgruppen für die französischen Sprache und Kultur zu begeistern. (mit rg)

Die Ausstellung "Grenzen - oder wem gehört der Himmel" im Studienraum Carlfriedrich Claus, Johannisgasse 10, hat mittwochs bis samstags jeweils von 12 bis 17 Uhr geöffnet.

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