Trotz Kritik: Sachsenforst setzt auf Drückjagd zum Schutz junger Bäume

Die Ergebnisse aus dem Revier Gelenau bestärken die Verantwortlichen im Forstbezirk Neudorf, dass die Umstellung des Jagdsystems richtig war. Kritik daran nehmen sie in Kauf. Denn sie glauben fest an ihre Waldumbau-Strategie.

Johannes Riedel, der Leiter Staatsforstbetrieb im Forstbezirk Neudorf, kürzlich bei einer Drückjagd in der Nähe des Markersbacher Oberbeckens. Er hat den Kurswechsel im Jagdsystem maßgeblich mit eingeleitet und ist nach wie vor fest überzeugt davon, dass damit der richtige Weg eingeschlagen wurde.

Für Sie berichtet: Kjell Riedel

Als echte Überraschung bezeichnet Förster Tobias Hamm das Ergebnis des diesjährigen Verbissgutachtens in seinem Gelenauer Revier. Bei der Weißtanne als Leckerbissen fürs Wild lag der Verbiss nur um die drei Prozent. "Mehr als tragbar, vor allem komplett ohne Schutzzäune", freut sich Hamm. "Die einzige Abteilung mit einem deutlich schlechteren Wert wird erst seit 2020 wieder durch uns bejagt." Für den Revierförster wie auch für Johannes Riedel als Leiter Staatsforstbetrieb ein eindeutiger Beleg dafür, dass der im Forstbezirk Neudorf eingeschlagene Weg richtig ist. Statt Einzelkanzeljagd werde auf Gemeinschafts- und Drückjagden gesetzt.

Riedel und Hamm wissen, dass gerade die Bewegungsjagden mit Treibern und Hunden, die das Wild aus seiner Deckung "drücken", viele Gegner haben. Aber beide sind überzeugt davon. Den Wald und die Tiere sich selbst zu überlassen, sei ohnehin keine Alternative. Dazu habe der Mensch generell einen zu großen Einfluss. Zudem verweisen Riedel und Hamm auf die Wirtschafts- und die Erholungsfunktion des Waldes. Der Weg zu klimastabilem Wald führt für beide daher nur über einen Dreiklang aus Verjüngung, Bewirtschaftung - und eben Jagd. Das Verjüngen kann durch Pflanzungen oder im besten Fall durch die Samen vorhandener Bäume auf natürlichem Weg erfolgen. Zur Bewirtschaftung gehört die Holzernte, die zugleich für das richtige Licht sorgt, damit jüngere Bäume nachwachsen können. Über die Jagd wiederum soll der Wildbestand so reguliert werden, dass sich die Schäden gerade an jungen Bäumen in Grenzen halten.

"Idealerweise ergibt sich so eine Harmonie zwischen Pflanzenfressern und Pflanzen bei gleichzeitiger waldbaulicher Freiheit", sagt Tobias Hamm. Für diesen Zustand stehe exemplarisch der Wald bei Gelenau. Denn obwohl nach der Umstellung auf Gemeinschafts- und Drückjagd in den vergangenen Jahren zum Beispiel jeweils deutlich mehr Rehwild geschossen wurde - vorigen Winter 170 Tiere - sind die Rehe nicht verschwunden. Ihre Population sei nur auf ein Maß reduziert worden, durch das die Zukunft des Waldes ohne die extrem kosten- und arbeitszeitintensiven Zäune gesichert ist. "Zudem wurde er so zu einem idealen Habitat für die verbleibenden Tiere, weil sie freien Zugang zu allen Flächen und damit mehr Lebensraum und ein breiteres Nahrungsangebot haben", sagt der Revierleiter.

Wenn es um ein System geht, den Erzgebirgswald zukunftsfähig zu machen, dann gehöre dazu einfach eine starke Jagd, ergänzt Johannes Riedel. "Das haben wir im Forstbezirk Neudorf in einem schmerzvollen Prozess lernen müssen."

Wobei der Widerstand auch aus den eigenen Reihen kam. Durch die Vergangenheit mit den DDR-Staatsjagdgebieten habe es eine große Verehrung der Rotwild-Trophäe gegeben, verbunden mit extrem hohen Populationsdichten. "Das hat die Vegetation kaputtgemacht." Durch Jäger im Einzelansitz habe man den Verbiss eher noch angeheizt.

Ab etwa 2016 wurden gravierende Umstellungen eingeleitet. Nachdem es unter seiner Leitung einige "legendär erfolglose" Drückjagden gegeben habe, sei eine Firma beauftragt worden. "Dann brach auch schon der Sturm der Entrüstung los. Aber wir haben weitergemacht, uns fortgebildet." Das Frühjahr ist dem Einzel- und Gemeinschaftsansitz vorbehalten. Im Juni und Juli herrsche absolute Ruhe im Staatswald. Der August und September sei Gemeinschafts- und Einzelansitz vorbehalten, ehe es von Oktober bis Januar zwei- bis dreimal pro Woche auf Drückjagden gehe. Es handele sich dabei nicht um blindwütiges Schießen. "Wir jagen nach Schwerpunkten in bestimmten Gebieten. Davor und danach ist da Ruhe. Das heißt, wir üben auf einer bestimmten Fläche kurz Druck auf die Tierpopulation aus und ziehen weiter. Ähnlich wie es zum Beispiel Wolfsrudel tun", erklärt Riedel. Er will die Jagd als Gemeinschaftsaufgabe für die Ausgewogenheit zwischen Wald und Wildbestand verstanden wissen. "Um in unserem gesamten Staatswald eine Situation zu schaffen, wie wir sie im Revier Gelenau schon haben."

Auch andere Reviere seien auf einem guten Weg. "Für solche Erfolge lohnt es sich auch, sich mal beschimpfen zu lassen. Zumal unser Vorgehen letztlich ja sogar besser für den gesamten Wildbestand ist. Wenn wir jetzt nachlassen, war jedenfalls alles umsonst", so Riedel mit Blick auf die Kritiker der Drückjagd-Strategie, die nicht nur unter Tierschützern, sondern auch unter Jägern zu finden sind.

Volkmar Zschocke sitzt für Bündnis 90/Die Grünen im Landtag von Sachsen und beschäftigt sich auch mit dem Thema Waldumbau. Die Frage, welche Jagdform dafür die richtige sei, könne er nicht beantworten. "Aber die Wildbestände anzupassen ist nötig, damit sich die natürlichen Waldbestände entwickeln können. Ein artenreicher Wald bietet dann wiederum auch mehr Nahrungsauswahl für alle Tiere", sagt Zschocke. Es gehe um eine integrative Waldbewirtschaftung, um natürliche Gleichgewichte wieder herzustellen, die der Mensch durcheinandergebracht hat. "Dafür ist auch eine gewisse Akzeptanz für eine Bejagung erforderlich, wobei sich die Jäger natürlich im Rahmen des Bundesjagdgesetzes bewegen müssen."

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