Aus dem Dunkel des Vergessens ans Licht

Warum Alfred Russel Wallace nicht wie Darwin berühmt wurde

Die Geschichte, die erzählt wird, ist nicht gerade neu. So teilt uns jede einigermaßen seriöse Biografie über Charles Darwin die Fakten mit, wie in den Jahren Mitte des 19. Jahrhunderts, als Darwin über die "Entstehung der Arten" nachdachte, auch ein anderer Engländer, tausende von Kilometern entfernt, den gleichen Gedanken hatte. "Neue Arten entstehen allmählich, sie gehen unmittelbar aus vorangegangenen hervor", wie er es formulierte, der Naturaliensammler Alfred Russel Wallace. Diesen Gedanken beschrieb er in einem Artikel, den er nach Down House in Kent schickte, wo Darwin seit Längerem an den Vorarbeiten für seine "Entstehung der Arten" saß. Eine ganz und gar merkwürdige Geschichte, dass da zwei Männer zur gleichen Zeit den gleichen Gedanken formulierten.

Der Philosoph Anselm Oelze unternimmt es nun, in seinem literarischen Erstling "Wallace" dem Gedanken von Erfolg und Misserfolg nachzugehen. Freilich, wenn man sich diesem Anfang der Evolutionsgeschichte in den Biografien der beiden Männer zuwendet, ist ein solcher Gedanke verständlich. Aber wer war denn dieser Alfred Russel Wallace, von dem am 3. Juni 1858 Darwin das Manuskript erhielt, das dann zu der historischen Sitzung am 1. Juli 1858 in der Linnean Society in London führte, bei der beide Arbeiten vorgestellt wurden?

Der Biologe Matthias Glaubrecht hat vor einigen Jahren eine Biografie dieses Naturaliensammlers, Darwin-Konkurrenten und Spiritisten publiziert. Anselm Oelze kümmert sich kaum um dessen Erkenntnisse, so scheint es, er versucht sich vielmehr in einem literarischen Modell. Er erfindet einen Museumswächter Bromberg, der diesen historischen Ereignissen nachgeht und auf die anfängliche Nähe zwischen Darwin und Wallace stößt. Romanautor Oelze möchte nun seinen Wallace aus dem Dunkel des Vergessens an das Licht der Welt bringen. "Man muss doch zu Lebzeiten dafür sorgen, unsterblich zu werden", ruft er seinem Protagonisten zu. Aber wird er damit der Geschichte gerecht? Wollte Darwin lediglich den Ruhm oder ging es ihm um die Entdeckung einer großen wissenschaftlichen Idee?

Darwin lebte seit seiner Weltreise mit der "Beagle" für die Evolutionstheorie, Wallace verzog sich in die Welt der Geisterbefragung, er wurde Spiritist. Diese Entwicklung interessiert Oelze nicht so recht, er beschränkt sich auf das Thema Erfolg und Misserfolg. Ob man sich als Leser dabei gut unterhält und mehr über die beiden Männer erfährt? Das ist die Frage. Freilich, man wird angeregt, sich diesem Thema der Evolutionstheorie zu nähern, denn so seltsam es klingt, in den USA gibt es Tausende von Kreationisten, die die Erkenntnisse von Darwin und Wallace als Teufelszeug verdammen. Und da ist Oelzes Roman durchaus ein lesenswertes Buch zur Aufklärung.

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