Gewürzt mit einer Prise groteskem Humors

Eine berührende Familiengeschichte um eine ungewöhnliche Frau

Mit einem Stöhnen leitete Tante Martl die Anrufe bei ihrer Nichte Ursula ein. Die erkannte an der Art und Weise dieses Geräusches sogleich, worüber sich ihre eigensinnige Patentante mal wieder geärgert hatte, sei es nun die Politik, das Fernsehprogramm oder irgendeine Person in ihrem Umfeld. Das scheint eine skurrile Macke ihrer Tante zu sein, über deren Ursache Ursula lange nachdenkt und in einem autobiografisch gefärbten Roman erzählt.

Martl, eigentlich Martina, sollte nach dem Willen ihres tyrannischen Vaters nach zwei Töchtern endlich ein Sohn werden. Bis an dessen Lebensende blieb sie die ungeliebte jüngste Tochter. Nach ihrer Geburt wurde sie als Martin ins Geburtenregister der westpfälzischen Kleinstadt Zweibrücken eingetragen. Dieser vorsätzliche Irrtum, herbeigeführt durch den uneinsichtigen Vater, blieb eine Woche bestehen, eine groteske Situation. Erst die Drohung der Mutter, ihn zu verlassen und die Kinder mitzunehmen, führte zur Richtigstellung des Ganzen. Bereits an dieser Stelle gerät man als Leser ins Schmunzeln.

Doch der Vater behandelte Martl auch späterhin wie einen Jungen, sparte nicht mit Grobheiten und Prügel. Martl wurde mehr und mehr zur Außenseiterin in der Familie, denn gegenüber ihren hübscheren Schwestern wurde sie kaum wahrgenommen. Während diese heirateten und Kinder bekamen, biedere Hausfrauen wurden, blieb Martl ledig und führte ein Schattendasein. Die hypochondrische Mutter der Erzählerin stand stets im Mittelpunkt der Familie, worum Martl sie mitunter beneidete. Trotzdem war sie es, die selbstlos ihre kranken Eltern bis an deren Lebensende pflegte.

Andererseits fällt Martl aus dem Rahmen der westdeutschen Nachkriegszeit und des Wirtschaftswunders. Sie entwickelte Selbstständigkeit, ergriff den Beruf einer Volksschullehrerin, erwarb sogar den Führerschein, unternahm Reisen mit dem Auto und trat im hohen Alter noch in einer Fernsehshow auf. Das alles nötigt der Nichte großen Respekt ab. Zum Schluss gelangt sie zu überraschenden Erkenntnissen über das anscheinend einsame Leben der Tante.

Die Autorin erzählt mit viel Herzenswärme, ohne dass die Erzählweise ins Sentimentale abgleitet. Sie verhindert dies, indem sie dem Erzählten eine gehörige Prise Humor, den sie mitunter bis ins Groteske steigert, beigibt. Hinzu kommt Martls lustig anmutende Sprechweise im Pfälzer Dialekt. Der eindimensional angelegten Handlung vermag man mühelos zu folgen, auch wegen des flotten, bildhaften Erzählstils.

Ursula März weiß als preisgekrönte Literaturkritikerin und Feuilletonistin, wie man ein Erzählwerk gestaltet. Dies kommt ihr bei ihrem erster Roman nach zwei Erzählbänden zugute.

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