"Schau auf deine Kinderfüße"

Doris Dörrie erklärt in ihrem neuen Buch "Leben Schreiben Atmen" die Vorteile des Schreibens und ermuntert ihre Leser dazu.

Doris Dörrie (64) mag die Bezeichnung "creative writing" gar nicht. Denn, erklärt sie, auch das Schreiben einer Einkaufsliste könne kreativ sein. Aber natürlich liebt sie das literarische Schreiben am meisten, sie nennt es "die Welt einatmen". Aber auch nichtliterarisches Schreiben ist authentisch. Man schreibt auf, was man in einer Situation für wichtig hält. Wer eine Rolle im Leben gespielt hat. Und welche Gedanken einen bewegt haben.

Als Kind wähnt sich Doris auf dem wilden Meer. Männer fangen Haie, hängen sie an Schwanzflossen auf. "Eines Tages scheucht mich der Kapitän aus der Koje und ruft aufgeregt, ich solle mich sofort anseilen. Ich sehe Panik in seinem Blick. Im nächsten Moment steigt aus dem Wasser ein schwarzer Berg empor. Ungläubig lege ich den Kopf in den Nacken und sehe dem Berg zu, wie er wächst und wächst, bis ich endlich verstehe: Es ist ein Wal! Ein Pottwal, der Wal meiner Kindheit, den ich tot und ausgestopft auf einem Lkw auf dem Marktplatz von Hannover bestaunt habe. Über den ich Monate nicht hinweg kam, der mich nachts wachhielt. Aber das ist eine andere Geschichte."

Ein wahres Erlebnis? Kindliches Fantasiegebilde? Marcel Proust habe nicht anders gearbeitet, er nutzte die "unwillkürliche Erinnerung", so die Autorin. "Also Proust nacheifern? Nur zu", sagt Doris Dörrie. Man soll seinen Gedanken und Gefühlen beim Schreiben nachgeben. "Geh durch die Wohnung deiner Kindheit. Schau auf deine Kinderfüße, als würdest du durch eine Kamera blicken." So entstehen Bilder. Real Gewesenes vermischt sich mit Erfundenem.

Die Filmregisseurin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin hat ein sympathisches Buch über das Schreiben verfasst. Ihr geht es nicht darum, Menschen vom Tippen auf ihren Displays wegzulocken. Sie will ihnen bewusst machen, dass es eine ganz wichtige Form der Selbstverwirklichung ist - die Welt, das Leben und die Zeit werden festgehalten. Das Schöne, das nicht so Schöne, aber Notwendige und auch das Hässliche werden aufgeschrieben. Diese Notizen können, gut aufbewahrt, einmal die eigene Biografie eines Menschen erklären.

Doris Dörrie belehrt nur auf mäßige Weise, sie unterstützt und gibt Tipps und Anleitungen. Das ist ein nützliches Buch. Und es ist zugleich unterhaltsam. Denn es liefert Geschichten. Und regt an zu eigenen Geschichten. Über das Essen in der Kindheit. Den Garten. Die Eltern. Die Geschwister. Die Ideen von einst. Die Wünsche. Die Verrücktheiten. Die Spiele. "Schreib über Lügen. Hast du als Kind wenig oder viel gelogen? Gar nicht gelogen? Wirklich?" So kann das ganze Leben noch mal erfasst werden. Erste Verliebtheit. Feste wie Fasching oder Karneval. Popmusik. Was man gefunden und was man verloren hat. Reisen in andere Länder. Drogen, Süchte und Träume. Phasen der Einsamkeit und der Zweisamkeit. Heirat. Krankheiten. Tod.

Doris Dörrie hat in Amerika gelebt. Dort fand sie eine Freundin, die sie "N" nennt. Deren Problem war ihr zu großes Hinterteil. Die Freundschaft ist ziemlich intim, insofern Wünsche, Sehnsüchte und Liebeshoffnungen von zwei Hetero-Frauen miteinander ausgetauscht werden. Aber immer spielt der Po von "N" eine Rolle.

Sie schreibt über ihren Mann Helge Weindler, ein 1996 nach langer Krankheit verstorbener Kameramann. Beide lasen als Kinder die Bücher von Karl May, er brachte "seine Karl-May-Bände mit in die Ehe ein, die grünen mit den Tiefdrucktiteln". Es war eine Liebesheirat, aber Karl May hat sie sozusagen noch mit gefestigt. Doris Dörrie zieht ein Fazit: "Schreiben ist wie mit der Vergangenheit zu telefonieren und sie in die Gegenwart zu holen." Da helfen die Geschichten, sich selbst zu erkennen. Ihr Tipp: "Schreib deshalb möglichst nicht in der Vergangenheits-, sondern in der Gegenwartsform."

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

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