Schweigen ist für türkische Autorin keine Alternative

Asli Erdogan schreibt mit "Das Haus aus Stein" ein tief bewegendes Buch

Nach dem Putschversuch in der Türkei wurde Asli Erdogan festgenommen. Sie gehörte schon zu den profiliertesten Autorinnen des Landes und schrieb für regimekritische Zeitungen. 132 Tage lang hielt man sie im Frauengefängnis unter desaströsen Bedingungen fest. Ihr Vergehen: Als Journalistin hatte sie über die Gewaltexzesse gegen das kurdische Volk berichtet. Der Prozess dauert an. Inzwischen lebt die Autorin, die nicht verwandt ist mit dem türkischen Präsidenten, in Frankfurt.

Der Roman handelt von einem Ort, der dem berüchtigten Gefängnis Sansaryan Han nachempfunden wurde. Damals hat Asli Erdogan Interviews mit ehemaligen Inhaftierten geführt; deren Erzählungen sind in das Buch eingesickert. "Das Haus aus Stein" kreist um ein Zentrum, das kaum zu fassen, das in seiner Schrecklichkeit nicht erzählbar ist. Verschiedene Perspektiven auf diesen Unort durchkreuzen sich, Innen und Außen verschwimmen, die Mauern sind undurchdringlich und in der Sprache transparent zugleich. Der Leser muss sich durch verstörende Bildwelten tasten; auch für ihn lösen sich nach und nach Gewissheiten auf, Zusammenhänge zerspringen; die Mutwilligkeit des Geschehens überträgt sich auf ihn.

Es gibt eine Ich-Erzählerin, einen Chor von Stimmen, einen Mann namens A., der für alle gebrochenen Häftlinge stehen könnte. Er streift um das Haus aus Stein, dem symbolisch aufgeladenen Käfig zwar entronnen, aber weiter in seinem Bannkreis stehend. Folter, Demütigungen, Ohnmacht - der Terror ist allgegenwärtig; die Enge und Kälte sind spürbar. Zugleich gibt es die Gesten der Hoffnung, den Wind, das Stückchen Himmel, das sich durch die vergitterten Fenster erhaschen lässt. Sie schmuggeln sich in dieses Motivgeflecht aus Tortur und Angst, bilden kleine Widerhaken gegen das Unheil. Erdogan führt tief hinein in die seelischen Verheerungen ihrer namenlosen Figuren; den Peinigern aber gibt sie keinen Raum und keine Stimme. Sie sind nur indirekt anwesend. Sie hinterlassen ihre Wirkung. Aber erhalten kein Gesicht.

Das System, die Schergen des Regimes wollen die Menschen ihrer wichtigsten Waffe berauben - der Sprache. Der Roman ist ein poetisches Aufbäumen gegen dieses Ansinnen. Er richtet sich nicht nur gegen die Willkür des türkischen Staates. Der Text verfügt über so viel Kraft und Würde, Hellsichtigkeit und Abstraktionsvermögen, dass er über eine konkrete Situation und Zeit hinausweist. Nach ihrer Haft hat Erdogan davon gesprochen, dass ihr das Schreiben schwerfalle, sie unter den physischen und psychischen Belastungen ihrer Inhaftierung leide. Monatelang hat sie am Prolog für die deutsche Ausgabe gearbeitet. Nun ist klar: Die Einschüchterungsversuche haben sie nicht zum Schweigen gebracht.

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