Spitzbübisches Fabulieren

Maarten 't Harts neue Erzählungen "So viele Hähne, so nah beim Haus" überzeugen durch ihre Verwegenheit.

Glänzende Kurzgeschichten erfordern Kompetenz, denn sie verkörpern die schwierigste Art von Prosastücken. Maarten 't Hart beherrscht die Kniffe mit viel Fingerspitzengefühl. Kühn modelliert er Storys, die entweder einen Knackpunkt besitzen oder auf eine Pointe hinauslaufen. Dass sie trotz ihrer Knappheit und Gedrängtheit sehr lebensnah wirken, hängt damit zusammen, dass sie sich komplett aus der Biografie des Niederländers speisen. Der Autor tritt darin mit geradezu naiver Selbstverständlichkeit unter seinem Namen auf und lässt so durchblicken, dass sie auf einem wahren Kern beruhen. Im Grunde handelt es sich um ungezwungen aneinandergefügte autobiografische Episoden in chronologischer Reihenfolge.

Alles fängt mit einem Ausflug in die Jugend an. Der Künstler besucht Maassluis, das Städtchen, in dem er 1944 zur Welt kam. Er betritt eine Bäckerei, in der er als Halbwüchsiger stets Graubrot kaufte. Sofort gewinnt die Erinnerungsspirale an Schwung. Der Autor entsinnt sich, wie er Zeuge einer versuchten Vergewaltigung wurde. Ungeachtet der fast tschechowschen Dramatik des Geschehens, bewahrt sich Maarten 't Hart einen spöttischen Ton. Überhaupt ist sein Fabulieren durchweg von einem verschmitzten, schelmischen, ja zuweilen spitzbübischen Tenor geprägt, der den Leser sofort in Bann zieht. Außerdem kennzeichnet Verwegenheit seinen Stil, die immer auch von Widerspenstigkeit und Unangepasstheit kündet.

Anekdotischen Charakter besitzt eine Reflexion, in der Maarten 't Hart berichtet, wie er während einer London-Reise gebeten wird, über Bestattungsrituale in Holland zu referieren, weil sein Vater den Beruf des Totengräbers ausübte. Von skurrilen Einflüssen zeugt die Burleske "Der Kompass". Darin schildert er , wie er sein Haus an einer Gracht in Leiden veräußern wollte. Ein angehender Arzt inspiziert als potenzieller Käufer das Gebäude und führt mit ihm Dialoge, deren Wortwitz an Loriot gemahnt: "Soll das eine Küche sein?" "Ja", sagte ich, "das ist die Küche." "Was für ein Schuhkarton", sagte er, "die meisten Marderbaue sind komfortabler, nicht mal ein Zwerg kann sich hier bewegen."

Ähnlich schräg geht es in der Posse "Survival of the Fittest" zu, deren Titel auf Darwins Werk "Die Entstehung der Arten" hindeutet. Maarten 't Hart, der als Dozent Verhaltensbiologie lehrte, berichtet von einer attraktiven Doktorandin, die es schaffte, sich ihre Wohnung unentgeltlich von um sie konkurrierenden Arbeitslosen renovieren zu lassen. Zur Hochform läuft er dort auf, wo er seinem Lieblingssteckenpferd frönen darf, nämlich der klassischen Musik. Maarten 't Hart, der mit Essays über Johann Sebastian Bach und Wolfgang Amadeus Mozart viel von sich reden machte, schwärmt in einer seiner Miniaturen von seiner Studentenphase, während der er einem sehr speziellen Klub angehörte. Die Mitglieder spielten sich gegenseitig Schallplatten vor und mussten dann sofort erraten, von wem die Kompositionen stammten.

In einem der faszinierendsten Texte des Bandes beschwört Maarten 't Hart ein Szenario herauf, das zuvor nur der Amerikaner Theodore Dreiser ähnlich in Literatur verwandelte: Eine Kirche bleibt beim sonntäglichen Gottesdienst absolut leer. Der Autor, der für den kranken Organisten einsprang, verstrickt sich angesichts dieser Situation in ein Gespräch mit der Pastorin und erläutert ihr sein Verhältnis zur Religion: "Ich verabscheue all die Taliban-Christen vom ultraorthodoxen Flügel, die noch an sprechende Esel und treibende Beile und an die Arche Noah glauben, und ich verabscheue aus tiefster Seele die römisch-katholische Kirche, die älteste und größte Verbrecherorganisation der Welt, trotz des neuen Papstes in seinen Gesundheitssandalen." Generell löckt Maarten 't Hart in diesem Opus gegen den Stachel, etwa wenn er als eingefleischter Gärtner den Klimawandel nicht bloß unter negativen Aspekten betrachtet: "Keine strengen Winter mehr, und man kann schon Anfang Februar Dicke Bohnen säen."

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