Versuche, die Widerspenstige zu zähmen

Peter Wawerzinek erzählt in "Liebestölpel" einmal mehr von der dem Leben abgelauschten Poesie der Außenseiter.

Eigentlich ist von Anfang an alles klar. Er rennt ihren wippenden Zöpfen hinterher und kann sie nicht erreichen. Doch würde es gelingen, wäre es womöglich noch schlimmer. Denn was würde er mit ihr anfangen? Sie sind Heimkinder, und er ist in sie verschossen, auch wenn es vielleicht noch keine Liebe ist. Lucretia und Peter, den sie zugeneigt Petkowitsch nennt, wachsen gemeinsam auf, "versetzt und verletzt" und voller Träume von etwas Besserem. Für ihn werden sie sich wenigstens teilweise erfüllen, als er elf ist und der fremde Opa Gottfried ihn aus den Fängen des Kinderheims befreit und ins letzte Haus im Ort nah beim Sportplatz holt.

Der Opa meidet die körperliche Nähe, aber dafür gibt es ja Lucretia, die da ist, jedenfalls manchmal und dann sehr. Dafür ist Opa Wortverdreher, Sprichtwortjongleur und lebensweises Original. "Was der Bauer nicht erkennt, schwächt ihn", sagt er, über die Liebe weiß er manches: "Wenn einem Treue Spaß macht, dann ist es Liebe." Petkowitsch wäre Lucretia so gern treu, doch immer wenn er es sein möchte, ist sie plötzlich verschwunden, um in den seltsamsten und ihn stets herausfordernden Momenten wieder zur Stelle zu sein. Dann erliegt er seiner Femme fatale, und alles nimmt eine neue Wendung, ohne dass er die Widerspenstige jemals zähmen könnte.

Wer elternlos aufwuchs, war in den Institutionen wie in einem Schließfach verwahrt und gefangen. Darum tragen sie beide in sich diese alles bestimmende Sehnsucht, die sie als Einzelexistenzen mit sich schleppen. Nach "Rabenliebe" und "Schluckspecht" erzählt Peter Wawerzinek davon auch im dritten Band seiner Lebenserinnerungen in dieser wunderbar dem Leben abgelauschten Außenseiter-Poesie. Er erzählt von sich, wenn er von der Welt berichtet. Vieles rückt er auf originell angekantete Weise ins Bild, wie nur er das kann. Die Neptunfeste der DDR-Kinder an der Ostsee, den Kennedy-Mord, die Bed-ins von Yoko Ono und John Lennon, die Mondlandung, das traurige Schicksal seines Poesie-Gefährten Matthias Baader Holst, die Berliner Bohème, die Kunstschule in Berlin-Weißensee, den Mauerfall, die Reisewut danach und wie sich das Leben im Prenzlauer Berg fortan gentrifizierte.

Aber vor allem erzählt er von der Liebe und wie er zu den Büchern fand, als er sich vor ihr auf dem Dachboden verkroch: "Wir armen, armen pubertierenden Jungen". Ein klassischer Spätzünder, dem das Beuteschema fehlt, die Antennen für die Avancen des anderen Geschlechts und darum auch die Erfahrung, weswegen die Entladung beim ersten Mal urplötzlich kam. Später dann folgen weitere ergebnislose Abbrüche und Vaterschaften wie aus dem Nichts. Es ereignen sich diverse Liebesabenteuer, die alle relativiert werden, wenn Lucretia plötzlich wieder mittenmang ist.

In Italien, der Schweiz, Frankreich, Spanien und Amerika wird das so sein, immer ist "die kleine Münchhausin" dabei, doch nie hat er sie allein, diese "Spezialistin für plötzliches Verschwinden". Und immer wird er schwanken zwischen stinksauer und wieder gut. Wawerzinek erinnert sich an seine andere Art des Lebenskünstlerseins, das ihm immer mal wieder als Rebellentum ausgelegt wurde. Dennoch stilisiert er es nicht, wenn er "Intellektuelle, Spinner, Angeber, Versager" paradieren lässt, während er sich in diversen Jobs bewegt und seine zweite Liebe pflegt: die zum Schreiben.

Da war er irgendwann selbstbestimmter Freiberufler noch bevor das in jeder Hinsicht so kleine Land zusammenbrach, wodurch diese gemütlichen Nischen zerstört wurden. Noch so eine unorthodoxe Perspektive dieses herz- und kopferfrischend anderen Autors. Und darum weiß er: "Unser Hirn entfernt sich mit den Jahren von der objektiven Wahrheit. Alles wird Erfindung. Die Dinge, an die wir uns erinnern, wollen wir so erinnern, wie wir sie vor Augen haben." In dieser Art des Erinnerns erzählt Wawerzinek seine Geschichte in Geschichten. Todtraurig, verwegen, umwerfend und nie Humor und Lebenslust verlierend, handeln sie von Idyllen, Katastrophen und Beziehungen, die nun mal von Natur aus kompliziert sein müssen.

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