Vom Aufbegehren gegen das Dasein

Es braucht Geduld mit dem ersten Roman von Karen Köhler. Der Titel "Miroloi" wirft Fragen auf, ebenso die Lage der Insel, die aus der Zeit gefallen scheint, weil von der Außenwelt so gut wie abgeschnitten; es könnte eine griechische sein. Männer haben das Sagen, Frauen dürfen nicht schreiben und nicht lesen lernen, das Leben wird durch Gesetze geregelt, wer dagegen verstößt, kommt an den Pranger. Da Flugzeuge die Insel überqueren, ein Fernsehgerät den Weg dahinfand, von der Mondlandung gesprochen wird und Plastikmüll angespült wird, muss das Ganze doch in unserer Zeit spielen.

Der Titel wird bald klar, ein Totenlied ist das, was von Frauen für Verstorbene geschrieben wird und aus deren Leben berichtet. Die Erzählerin, ein namenloses Findelkind kurz vor dem Erwachsensein und von den Dorfbewohnern geschmäht, schreibt es selbst und erzählt darin von ihrem Leben und ihrem Aufbegehren gegen das Dasein. Der Leser erfährt vom Betvater, bei dem das Mädchen lebt und der ihr das verbotene Lesen und Schreiben beibringt, von Mariah, einer Freundin, und von dem Betschüler Yael, des Mädchens großer Liebe.

Es fällt schwer, sich durch die ersten Kapitel, die ersten Strophen zu kämpfen. Die Naivität nervt, die Verhältnisse auf dieser Insel erscheinen mehr als unwahrscheinlich, die Dorfbewohner wirken roh, gefühllos, primitiv und dümmlich. Vieles ist einfach nur klischeehaft.

Köhler hat harsche Kritik einstecken müssen, nachdem sie 2014 für ihren Erzählband "Wir haben Raketen geangelt" viel Lob bekam. Kritik zu Recht beim Lesen des ersten Drittels des Buches. Dann aber nahm die Geschichte Fahrt auf, die Weiterentwicklung des Mädchens wurde glaubhaft, die Handlung spannender, packender, die Charaktere der Dorfbewohner verständlicher. Und so lässt uns "Miroloi" - als eine Art Belohnung für Lesegeduld - doch zurück mit einem guten Gefühl. (ute)

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