Wie aus dem Revuegirl ein Weltstar wurde

Edgar Rai blickt hinter die Kulissen einer illustren Welt des Films

Edgar Rai entführt in dem Roman "Im Licht der Zeit" ins Berlin der Zwanzigerjahre. Das Kino etablierte sich zum Massenmedium. Der erste deutsche Tonfilm ließ auf sich warten, in den USA war man viel weiter. Den Medienmogul Alfred Hugenberg ärgerte das, die Ufa sollte deshalb einen Tonfilm produzieren. In kürzester Zeit wurde ein in Europa einzigartiges Tonfilmstudio in Babelsberg aus dem Boden gestampft. Der Produzent Erich Pommer und der Drehbuchautor Karl Vollmöller hatten die Vision, ihr Tonfilm könne eine neue Epoche in der Geschichte des Kinos einläuten. Innerhalb eines halben Jahres fanden sie den Stoff (Heinrich Manns Roman "Professor Unrat") sowie Josef von Sternberg als Regisseur und den ersten Oscar-Preisträger Emil Jannings für die eine Hauptrolle. Aber wer sollte die verführerische Rosa Fröhlich spielen? Beim Vorsprechen fiel Sternbergs Wahl auf Marlene Dietrich, deren frivoles Agieren ihn faszinierte.

Edgar Rai erzählt die Entstehung dieses Films "Der blaue Engel" einprägsam, rasant und spannend in leichtem, mitunter ironischem Ton. Man ist angetan von der Handlung und der Zeichnung der Figuren. Auch werden sich vor allem ältere Leser noch an die Filmgrößen dieser Zeit erinnern. Der Autor gibt die lebendige Atmosphäre der Künstlerszene und ihrer Lokale anschaulich wieder. Natürlich darf auch Friedrich Hollaender, der die Musik zum Film komponierte, nicht fehlen.

Geschickt verbindet er Fiktives mit Authentischem. Dazu zählen auch Presseauszüge als Vorspann vor den Kapiteln. Man erlebt gleichsam, wie die Naziideologie sukzessive ins öffentliche Bewusstsein eindringt. Auf der anderen Seite gestattet sich der Autor dichterische Freiheiten, indem er die Verführerrolle der Dietrich übertreibt. Fakt ist, dass sie Frauen und Männer gleichermaßen in ihren Bann zog. Die Verführung Henny Portens ist aber eine Erfindung des Autors, wie er selbst erklärte. Demzufolge hätte sie auch wegfallen können, denn der Stoff bietet genug an spannenden Details.

Überzeugend hingegen gestaltet Rai die Wandlung der Dietrich vom leichtlebigen Revuegirl zur selbstbewussten, disziplinierten Schauspielerin, für die, wie Vollmöller feststellte, Deutschland bald zu klein sein würde. Gleichermaßen überzeugt die Gestaltung des Gewissenskonflikts der Künstlerin, der zwischen ihrem Ehrgeiz und ihrer mangelnden Zeit für ihre Tochter besteht. Ein Meisterstück indes gelingt dem Autor mit der Charakterisierung Jannings als einen zwiespältigen Menschen und dessen Verhältnis zur "talentlosen" Schauspielerin Marlene Dietrich. Weitere Vorzüge des Romans ließen sich anführen, doch sein hervorstechendstes Merkmal ist, dass er von der ersten bis zur letzten Zeile die Leser unterhält und niemals langweilt.

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