Corona-Protestaktion "#allesaufdentisch": Was wollen wir denn wirklich wissen?

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Deutsche Schauspieler versuchen bereits zum zweiten Mal eine kritische Diskussion gegen die Pandemie-Politik zu entfachen. Ihre Video-Aktion zeigt dabei allerdings vor allem eines: Wir brauchen dringend einen insgesamt stabileren Zugang zur Wissenschaft!

Berlin.

Mit knapper Video-Ironie hatten rund 50 deutsche Schauspieler im April gegen die deutsche Corona-Politik polemisieren wollen - und unter dem Internet-Hashtag "#allesdichtmachen" ordentlich Gegenwind erzeugt: Die oft missverständlichen Beiträge bescherten der Republik vor allem ein weiteres Aufschäumen der eh schon wüsten Debatte zwischen "Gutmenschen" und "Querdenkern". Ende letzter Woche startete ein Teil der Künstler um die Schauspieler Volker Bruch und Wotan Wilke Möhring nun einen neuen Debattenversuch unter dem Motto "#allesaufdentisch": In 50 längeren Videos werden diesmal Wissenschaftler interviewt - Kritik will man so Gehör verschaffen.

Der innewohnende Gedanke einer Versachlichung wirkt wohltuend. Trotzdem bleibt, schaut man die Gespräche abseits einer Agenda an, Enttäuschung: Neue Argumente kommen in den oft seltsam unkonkreten Videos nicht vor. Stattdessen verhaspeln sich die Akteure im eigentlich hinlänglich durchforsteten Irrgarten zwischen "Meinung" und "Fakten" und gehen Zusammenhängen, die der eigenen Sicht im Weg stehen, mit Spontansprüngen zwischen philosophischer Meta-Ebene und realen Widersprüchen aus dem Weg. Dass dabei viele bedenkenswerte Ansätze, die in den Interviews auch stecken, untergehen, legt bloß: Wir leben in einer Zeit wachsender Wissenschaftsentfremdung, und die verstellt uns den klaren Blick auf das beste System der Welterkenntnis, das wir haben: Im Gegensatz zu Politik oder Religion kann die Wissenschaft immerhin für sich in Anspruch nehmen, mehr große und kleine Menschheitsprobleme gelöst als geschaffen zu haben.

Was aber hat uns als Gesellschaft so weit weggebracht von einem klaren Blick auf dieses System? Der erste Haken liegt beim "Empfänger": In einer immer komplexeren Welt haben wir den Anspruch entwickelt, dass möglichst alles so erklärbar sein sollte, dass wir es ohne vorauszusetzende Kenntnis verstehen. Was sich uns nicht erschließt, halten wir dann im Umkehrschluss gern für prinzipiell nicht erklärbar; ergo falsch, unnütz oder abgehoben. Dabei wird vergessen, dass man immer Wissen mitbringen muss, um Erklärungen zu durchdringen - und dass es zumindest das Eingeständnis eigenen Nichtverstehens voraussetzt, die entsprechende Bildung erlangen zu wollen. Das zweite Problem ist dagegen die "Senderträgheit": Die Wissenschaft und ihre Anhänger neigen dazu, gelöste Probleme als abschließend geklärt zu betrachten. Wird eine vermeintlich alte Debatte dann nochmals aufgemacht, reagiert man oft mit Häme oder Sarkasmus. Dabei wird vergessen, dass die Argumente, gegen die sich die die valide Seite einst durchgesetzt hat, a) oft nicht schwach waren und b) noch da sind. Werden sie erneut vorgebracht und von Vertretern des Fortschritts argumentfrei weggewischt, können "alte" Argumente bei neuen Leuten, die die frühere Gegenargumentation noch nicht nachvollzogen haben, durchaus Gewicht bekommen. Wie weit "sichere" Debattenstände durch so eine offene Flanke zurückgedreht werden können, haben etwa Kreationisten gezeigt, die ihre mittelalterliche Schöpfungsvorstellung in den USA stellenweise wieder auf Augenhöhe mit der eigentlich unstrittigen Evolutionslehre brachten.

In dieser immer weiter klaffenden Schere wächst ein Wissenschaftszweifel, der einerseits auch rationale Wurzeln hat (das vor allem westliche System von Forschung und Lehre ist ja keineswegs fehlerfrei!), andererseits aber auf einem falschen Verständnis von einem der wichtigsten wissenschaftlichen Prinzipien beruht: dem des Zweifels. Ja, zusammen mit der ständigen Bereitschaft zur Falsifizierung ist dieser in der Lage, Erkenntnisse durch ständiges Nachrütteln überhaupt erst stabil zu bekommen und daher unverzichtbar. Allerdings gibt es zwei Arten von Zweifel - den fundierten und den nichtfundierten. Ersterer beruht auf Kenntnis der Zusammenhänge - zweiterer nur auf einem trotzigen "Glaube ich nicht!" Wenn nun letzterer darauf beharrt, ersterem gleichgestellt zu werden, wird es haarig: Weil er dann auch faktische Zusammenhänge angreift, sich valider Argumentation entzieht und dabei oft nicht nur weigert, Nichtwissen einzugestehen, sondern dieses auch noch als Vorteil umdeutet: Was man mir nicht begreiflich machen kann, muss ja allein deswegen falsch sein!

Aus diesem Geist heraus schließen sich Laien dann der Meinung im Wissenschaftsspektrum an, die in ihr fertiges Bild passt. Sind das Minderheitspositionen, hilft der Ruch des Rebellischen, sich darin wohnlich einzurichten. Oder die Anekdote: Haben nicht alle großen Wissenschaftler ihre epochalen Erkenntnisse in der Minderheit begonnen? Ja - nur standen die einem Wissenschaftsbetrieb gegenüber, der sich stets der Falsifizierung preis- und dem faktischen Argument stattgab. Und: Um fundiert zu beurteilen, ob ein Wissenschaftler schief liegt, ist es letztlich zwingend nötig, dessen Kenntnis- und Wissensstand nachzuvollziehen.

Die Krux dabei: Natürlich muss auch ein Laie in die Lage versetzt werden, einen seriösen von einem unseriösen Wissenschaftler auch ohne eigene Augenhöhe zu unterscheiden. Das kann nur eine sinnige öffentliche Debatte leisten - doch diese krankt derzeit an zwei Stellen: Zum einen gelingt es zu wenigen Wissenschaftlern, ihre Kenntnisse für die Gesellschaft herunterzubrechen, wobei ihnen die eingangs geschilderte Lage durchaus im Weg steht. Und zum anderen haben Politik und Medien in den letzten Jahren auch nicht immer das rühmlichste Bild abgegeben: Reproduziert und ausgesucht wurden oft die wissenschaftlichen Sichtweisen, die gut und griffig zu verwerten waren - was umgekehrt bestimmte medienaffine Wissenschaftsvertreter überproportional auf den Plan rief. Das Etikett "renommiert" wurde dabei schnell jemandem im Eigenzweck ans Revers geheftet - ohne dass man die Zuschreibung in Unkenntnis des tatsächlichen Wissenschaftsdiskurses auch seriös beurteilen konnte.

Was wir letztlich also brauchen, ist ein gesundes gesamtmediales System, das Gesellschaft und Wissenschaft wieder in Einklang bringt. Denn letztlich führt ja nur Wissen zu einer fundierten Meinung, die dann auch mehr ist als nur grundgesetzlich geschützter Selbstzweck am Rande zum erlaubten Unsinn. Wie sagte Harry Rowohlt einst so schön? "Sagen, was man denkt - und vorher was gedacht haben!"

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