Ein Ritter von rostiger Gestalt

Kindermusik ist entweder kindisch oder pädagogisch verbrämt? Nicht bei Komponist Felix Janosa und Texter Jörg Hilbert: Ihre erfolgreiche Musical-Reihe "Ritter Rost" verbindet stilistischen Anspruch mit familienerfassender Komik und kunstvoller Persiflage. Wie schafft man es, so ein Niveau 20 Jahre zu halten?

Hamburg.

Als der Autor und Illustrator Jörg Hilbert und der Komponist Felix Janosa 1994 ihr erstes gemeinsames "Ritter-Rost"-Kinderbuch veröffentlichten, betraten sie künstlerisches Neuland: Ein multimediales Buch wie dieses hatte es zuvor nicht gegeben: eines, das einen Prosatext, Illustrationen, eine CD mit szenischer Lesung und Musikstücken und sogar die entsprechenden Liedtexte und Noten enthielt. Und doch ist es nicht das bloße Zusammenspiel dieser Komponenten, das den Ritter Rost bis zu dem gerade erschienenen fünfzehnten Band "Auf Schatzsuche" so erfolgreich macht, dass allein vom ersten Buch bisher über 150.000 Exemplare verkauft wurden. Das Erfolgsrezept der Kindermusicals um den etwas schwächlichen, eitlen und nicht besonders mutigen Ritter von der rostigen Gestalt besteht vielmehr darin, dass alle dieser Zutaten von jeweils eindrucksvoller Qualität sind.

So zeigt sich in den Texten Jörg Hilberts immer wieder dessen virtuoser Umgang mit Sprache: sein großes Gespür für Metrum, Rhythmus und Lautung, sein außerordentlich gelungener Einsatz von Nonsense und semantischen Wortspielen - und die konsequent verquere Darstellung der stereotypen Ritterwelt. Ebenso ansprechend, geglückt und kongenial schräg sind die aquarellierten Zeichnungen Hilberts, der einst Kommunikationsdesign studiert und in seinen Illustrationen eine herrlich absurde, blecherne und detailreiche Welt der Gebrauchsgegenstände geschaffen hat. Diese wird von denkbar skurrilem Personal bewohnt, zu dem neben dem selbstverliebten Ritter auch noch das emanzipierte Burgfräulein Bö, ihr in Reimen sprechender Hut, der eingeschränkt intelligente König Bleifuß und der kleine Drache Koks mit seiner Feuerzeugnase gehören.

Aber die "Ritter Rost"- Bände sind eben nicht nur illustrierte Kinderbücher. Sie sind, wie schon erwähnt, Musicals, die im deutschsprachigen Raum jährlich etwa 500 Aufführungen erleben. Zuständig für deren musikalische Dramaturgie und Gestaltung ist der Komponist, Pianist, Sänger und Komponist Felix Janosa, geboren 1962, der in den vergangenen 22 Jahren vermutlich jede existente Musikrichtung persifliert und parodiert hat: Country und Minnesang, Gangsta Rap und Volkslied, elektronische Musik und Zillertaler Schürzenmelodien, kurzum: alles, was das menschliche Ohr je heimgesucht hat. "Ritter Rost ist krank", der zehnte Band der Reihe, ist beispielsweise eine vollumfängliche Hommage an die Beatles und enthält Lieder, die unter anderem dem Blues und der psychedelischen Musik verpflichtet sind. Im allerersten Band wiederum, gewissermaßen im "Ur-Ritter-Rost", findet sich das Lied "Der Prinz von Katalanien", das es durchaus mit den Songs von Boney M. aufnehmen kann - und auf der beigefügten CD auch so klingt, als wäre es von genau dieser Band. Allerdings brilliert die Persiflage durch den Wechsel einer überhöht barschen Männerstimme und eines überzogen süßlich singenden kleinen Damenchors.

Natürlich liegt die Frage nahe, ob der Komponist Felix Janosa im Alltag noch in der Lage ist, Musik zu hören, ohne sie gleich in einem neuen Rost-Band persiflieren zu wollen. "Wenn irgendwo außerhalb meines Berufes Musik gespielt wird", so Janosa, "höre ich selbstverständlich hin und mein Gehirn beginnt automatisch zu analysieren. Da kann ich nicht abschalten. Deshalb finde ich keine Musik im Sinne von funktionaler Beschallung im öffentlichen Raum ganz angenehm." Es gibt übrigens keine Musikrichtung, derer sich Janosa beruflich nicht annehmen würde. "Jedes Genre gibt es auch in qualitätsvoll", befindet er: "Aber selbstverständlich steht mir Jazz näher als Country, stehen mir brasilianische Rhythmen und indische Ragas näher als Akkordeonspiel aus dem Odenwald." Die Lieder aus "Ritter Rost" sind raffiniert arrangiert, haben anspruchsvolle Melodien, arbeiten mit speziellen Stimmen, Dialekten und Rhythmen. Für einige Eltern, die ihren Kindern abends aus einem Ritter-Band vorlesen und die in Text und Noten abgedruckten Lieder vorsingen müssen, ist das eine echte Herausforderung.Aber zum Glück geht es in der ritterlich rostigen Welt nicht um Perfektion, weder in den Geschichten noch in der Musik. "Die Lieder schreibe ich zuerst für die Kinder", bemerkt Felix Janosa. "Und wenn es dann den Eltern, vielleicht sogar den unmusikalischen, gefällt, umso besser! 'Ritter Rost' ist - neben Jörgs Geschichten und Zeichnungen - eine groß angelegte Musikalisierungsaktion für Deutschland, darum bestehe ich auch weiterhin darauf, dass die Noten in den Büchern bleiben."

Immer wieder wird das musikalische "Ritter Rost"-Team bei den CD-Aufnahmen von Gastmusikern unterstützt. Sängerin Judith Holofernes, frühere Frontfrau der Band "Wir sind Helden", ist an ihre Gesangsrolle der Zauberfee im elften Band sogar mit Hilfe einer Initiativbewerbung gelangt. Gewissermaßen. Auf der CD des aktuellen Buches "Ritter Rost auf Schatzsuche", vor wenigen Wochen erschienen und wieder einmal ein multimediales Schmuckstück, singt nun auch Reinhard Mey mit. Er interpretiert ein Lied, das sich sehr eigenwillig mit der Thematik Heuschnupfen auseinandersetzt, einen humoristischen Country-Song, in dem Meys schelmisches Talent aufblitzen darf. Lieder wie diese komponiert Janosa nicht eigens im bekannten Stil des jeweiligen Vortragenden. "Ich passe aber", erklärt er, "Arrangement und Tonlage geschmeidig an."

An den Liedern arbeiten Janosa und Hilbert gemeinsam. "Soweit es geht, pfuschen wir aber nicht viel im Bereich des anderen herum", beschreibt Janosa die Zusammenarbeit. "Aber Songtextänderungen, die aufgrund einer besonderen musikalischen Syntax notwendig sind, versuche ich schon durchzusetzen."

Einer der Tricks Janosas ist, sich nicht nur mit Kinderprogrammen zu beschäftigen. Schwarzhumorig und politisch inkorrekter präsentiert sich der studierte Schulmusiker in seinen musikkabarettistischen Bühnenprogrammen für Erwachsene. In "Hitfabrik Reloaded" hat sein schwarzer Humor sogar blondierte Strähnen, etwa in dem Lied "Jelena" über eine gewisse Jelena Petrowna Fischer und ihre Berufsanfänge. Ein anderes Bühnenprogramm Janosas trägt den vielsagenden Titel "Giftschrank - Alles muss raus" und enthält Lieder, in denen es beispielsweise um ein Seniorenwohnheim namens "Che Guevara" geht.

Und dann gibt es ja immer noch den Ritter Rost, der noch lange nicht auserzählt und ausgesungen ist. Felix Janosa, der auf den CDs übrigens den kleinen Drachen Koks spricht und singt, kann sich noch viele Musikgenres vorstellen, die für künftige Bücher und Musicals zu verarbeiten wären: "Was Jörg und ich auf jeden Fall realisieren möchten, ist ein Band mit früher Musik (Mittelalter bis Barock) und eine Familienoper für ein großes Orchester."

Alle Musical-Bände

"Ritter Rost" (1994); "Ritter Rost und das Gespenst" (1995); "Ritter Rost und die Hexe Versteckse" (1996); "Ritter Rost und Prinz Protz" (1998); "Ritter Rost macht Urlaub" (2000); "Ritter Rost hat Geburtstag" (2001); "Ritter Rost feiert Weihnachten" (2003); "Ritter Rost geht zur Schule" (2006); "Ritter Rost und die Räuber" (2008); "Ritter Rost ist krank" (2010); "Ritter Rost und die Zauberfee" (2012); "Ritter Rost und das Haustier" (2013); "Ritter Rost und der Schrottkönig" (2014); "Ritter Rost wird Filmstar" (2015); "Ritter Rost auf Schatzsuche" (2016).

Rost zum Fest

Auch wenn die Weihnachtstage besinnlich sein sollten, tut manchmal etwas Gegenprogramm ganz gut, dass das Fest aber nicht komplett auf die Hörner nimmt. "Ritter Rost feiert Weihnachten", erstmals 2003 als siebter Band erschienen, ist da bestens geeignet. Dabei kommt er zunächst ziemlich feierlich daher. In der Burgküche werden Zinnsterne gebacken, auf dem Weihnachtsmarkt gibt es Kanonenkugelentsafter zum Sonderpreis, und die ritterliche Tante Gitta will vor dem König mit einem vorbildlichen Fest angeben.

Dabei entlarvt das Buch auf warmherzig-vergnügliche Art den Mummenschanz der Feiertage, um auf der anderen Seite ganz unpathetisch das wahrhaft Festliche herauszustellen. Dies betrifft auch die Lieder, die etwa volkstümliche Musik persiflieren. Und nach der Besinnlichkeit? "Da kommt Paolo mit dem Pizza-Blitze, /rutscht die Pizza auch mal in den Ritz vom Sitze. / Ja, is' egal, die Pizza schmeckt so gut, /is'se viel besser als in blöde Pizza-Bud'!"

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