Horváth-Uraufführung im Erzgebirge: Lügen, Verführung und Krieg "auferstanden aus der Gruft"

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Das Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz zeigt mit dem Solostück "Ein Kind unserer Zeit" eine klare Analyse des Jahres 1937 - mit erschreckenden Parallen in die Gegenwart.

Schauspiel.

Die Gasmaske noch immer über dem braunen Lockenkopf, den verwundeten rechten Arm in der schwarzen Trageschlaufe, der Kopf genauso vom Krieg gezeichnet wie der Mantel, in der einen Hand einen braunen Lederkoffer, in der anderen das kleine hölzerne Pferdchen. Es ist ein verstörendes Bild, dass sich dem zahlenmäßig kleinem Publikum zu Beginn dieser Theatervorstellung bietet. Eine Aufführung in ungewohnter Kulisse und auf ungewöhnlicher Bühne. Für die Uraufführung des Stückes "Ein Kind unserer Zeit" nach dem Roman von Ödön von Horváth hat sich das Inszenierungsteam des Eduard-von-Winterstein-Theaters in Annaberg-Buchholz einmal mehr einen ungewöhnlichen Spielort gewählt: das ehemalige Rathaus im Stadtteil Buchholz.

Intendant Moritz Gogg will so nach und nach die Stadt "erobern", wie er selbst sagt. In der Manufaktur der Träume in der zurückliegenden Spielzeit erfolgreich begonnen, geht es in diesem Jahr also nach Buchholz und in die Tetzel-Passage nach Annaberg.

Das Auditorium ist dementsprechend klein in dem wenige Quadratmeter großen, sterilen weißen Zimmer. Ein noch kleinerer, grau gekennzeichneter Bereich darin dient Schauspieler Benedict Friederich als Bühne. Diese Nähe schafft eine Intensität, die auf der großen Bühne des Hauses nie erreicht werden könnte. Eine Nähe, die den Inhalt des Stückes noch beklemmender wirken lässt. Denn der Roman von Ödön von Horváth ist zwar 1937 geschrieben und kurz nach dem Tod des Autors 1938 erschienen. Doch die erschreckenden Parallelen ins Europa von heute jagen einem immer wieder Schauer über den Rücken.

Hintergrund für das Schreiben des Romanes "Ein Kind unserer Zeit" waren für den Ungarn (seine Geburtsstadt Fiume von 1917 heißt heute Rijeka und liegt in Kroatien) die Besetzung des Rheinlandes und die Unterstützung Francos im spanischen Bürgerkrieg durch Truppeneinheiten Adolf Hitlers. Heute ist es Wladimir Putin, der Krieg gegen die Ukraine führt - doch die Propaganda von damals gleicht der von heute auf erschreckende Weise. Da ist nicht von Krieg die Rede, stattdessen wir von "Säuberung" gesprochen.


Horváth, der heute neben Bertold Brecht als der bedeutendste sozialkritische Dramatiker des deutschen Theaters in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert gilt, will mit seinem Stück über einen unbekannten Soldaten zu den frühen Verbrechen des Nationalsozialismus aufklären. Und er will warnen, dass schon die Vorboten der Gefahr erkannt werden und nicht gedankenlos einer fragwürdigen Propaganda gefolgt wird: Der Ich-Erzähler, arbeitslos und auf die Wohlfahrt angewiesen, steigert sich zusehends in seinen Hass auf die aus seiner Sicht schöne Jugendzeit seines Vaters und auf das gemütliche Leben anderer. Den Krieg verherrlicht er - und geht er als Freiwilliger zum Militär.

In der Uniform und mit den kontinuierlich mehr werdenden silbernen Sternen auf den Schulterstücken fühlt er sich "auferstanden aus der Gruft". Sein Hauptmann wird für ihn zu idealisierten Vaterfigur. Verwundet landet er zunächst im Sanatorium, später wehrdienstunfähig wieder bei seinem Vater. Der Generationenkonflikt flammt erneut auf. Wieder arbeitslos, reift in ihm zwar die Erkenntnis, dass er einer großen Lüge aufgesessen ist: "Unsere Führer sind eben große Betrüger." Der Hass aber bleibt und seine eigene Schuld verleugnet er, verliert sich stattdessen in Selbstmitleid. Bei der Suche nach der jungen Frau, in die er sich als Soldat auf dem Jahrmarkt verliebt hat, wird er so auch noch zum Mörder. Im Schneesturm erfriert er eines Nachts auf einer Bank.

Regisseur Michael Stacheder hat die Textfassung für die Inszenierung unter dem Eindruck der Ereignisse in der Ukraine im Erzgebirge geschrieben. Dabei hat er das Original lediglich gekürzt, aber keine Veränderungen vorgenommen. Die Entscheidung, dass Stück in den Spielplan zu nehmen, sei eine bewusste gewesen, auch wenn sie schon im Januar getroffen worden sei. Erste Vorzeichen habe es ja zu dieser Zeit bereits gegeben. Dennoch sei dann der tatsächliche Einmarsch der russischen Truppen erschreckend gewesen. Umso wichtiger sei es ihm gewesen, die Geschichte stärker auf die emotionale Ebene zu holen und der Frage nachzugehen, warum ein Mensch verführbar wird. "Wenn die Möglichkeit besteht, dass Theater reagiert, dann sollte Theater reagieren können und müssen", sagt er.


Eine große Herausforderung auch für Benedict Friederich, der damit seinen Einstand im Ensemble des Eduard-von-Winterstein-Theaters gibt. 1998 in Würzburg geboren, hat er von 2018 bis 2022 an der Akademie für Darstellende Kunst Bayern in Regensburg Schauspiel studiert und konnte unmittelbar danach Intendant Moritz Gogg beim Vorsprechen überzeugen. Über das Vertrauen für ein solches großes Monologstück gleich zu Beginn seines Engagements freut er sich: "Das ist eine wahnsinnige Chance", sagt er. "Das Stück gibt so viel her: zum Lernen und zum Mitnehmen", ist er überzeugt. Denn leider habe die Gesellschaft noch immer so wenig gelernt aus der Geschichte. Zum anderen nötigt ihm die Aufgabe aber auch großen Respekt ab. Agiert er doch 90 Minuten ohne Pause auf der kleinen Bühne, immer fast hautnah am Publikum und liefert einen beeindruckenden Abend, der Spuren hinterlässt.
Weitere Aufführungen sind am 18. November, am 31. Januar sowie im 21. Januar an gleicher Stelle geplant. Die Vorstellungen beginnen jeweils 20 Uhr.   Kartentelefon: 03733 1407131

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